Archiv für den Monat Juli 2014

Das Massaker von Belo Horizonte

Es ist nach wie vor ein Spiel. Bei allem, was die letzte Nacht an Sprachlosigkeit bei einem Millionenpublikum gezeitigt hat, sollte das nicht aus den Augen geraten. Das Charakteristikum eines Spieles besteht unter anderem darin, dass das Unvorhergesehene zuweilen einen größeren Stellenwert einnimmt als vormals rational angenommen. Vor diesem merkwürdigen und atemberaubenden Spiel zwischen Brasilien und Deutschland konnte davon ausgegangen werden, dass alles möglich sein würde, sowohl ein Sieg Brasiliens als auch ein Weiterkommen der Deutschen. Was dann passierte, hatte sehr viel mit Psychologie und ihrer manchmal ungeheuren Eigendynamik zu tun. Das, was man vielleicht als Massaker von Belo Horizonte bezeichnen muss, war eine historisch zu nennende Dokumentation dieser Eigendynamik.

Das deutsche Team unter Trainer Löw wartete mit dem auf, wofür die deutsche Mentalität in der Regel steht. Man kam, nach dem Sieg über Frankreich, mit einem analogen Konzept und einer identischen Mannschaft nach Belo Horizonte und besann sich auf die eigenen Kernkompetenzen. Taktisch gab es keine Überraschungen und die Devise, die im Vorfeld ausgegeben wurde, hieß immer wieder Konzentration und Fokussierung. Man traf dabei auf einen seit Anfang des Turniers emotional aufgeladenen Gegner Brasilien, der den bisherigen Weg ins Halbfinale ausschließlich aus der Ressource des Engagements, des Herzbluts und der Symbolik gespeist hatte. Dieses Arrangement wurde noch gesteigert durch das Ausscheiden des Superstars Neymar, dessen Verlust abermals mit einem neuen Kontingent aus dem Gefühlsleben gespeist werden sollte.

Ab der ersten Sekunde wurde deutlich, dass Brasilien mit einem emotionalen Sturmlauf den Gegner überrollen wollte. Die ersten fünf Minuten lieferten die Blaupause der brasilianischen Taktik, die keine war. Als dieses Mittel dahin gehend nicht zu greifen schien, als dass die deutschen Spieler nicht die Nerven verloren, sondern diese wie eine Präzisionsmaschine ihre eingespielten Routinen etablieren konnten, wurde klar, dass Brasiliens Konzept nicht aufgehen konnte. Der psychische Druck, der auf den brasilianischen Spielern mehr denn je lastete, steigerte sich ins Unermessliche und führte dazu, dass der Abwehr Fehler unterliefen, die diesem Mannschaftsteil der Brasilianer unter normalen Umständen nie unterlaufen würden. Nach dem ersten Tor der Deutschen geriet die Equipe der aufstrebenden 200 Millionen Nation ins Wanken, nach dem zweiten Treffer der Deutschen implodierte sie. Was danach geschah ist bereits wenige Stunden nach dem Triumph der Deutschen und dem Debakel der Brasilianer WM-Geschichte.

Das 7:1 des deutschen Teams vermittelt das Bild einer lockeren Jagdpartie, die ohne Wollen der Beteiligten zum Massaker geriet. Nach dem ersten Schuss fielen gleich mehrere Vögel vom Himmel und die ungläubigen Jäger probierten es wieder und wieder, um sich die Augen zu reiben ob der unvorhergesehenen reichen und leichten Beute. Ohne bösen Willen kehrte die Jagdgesellschaft mit mit üppiger Beute beladen ins Quartier zurück und hinterließ einen emotionalen Flurschaden auf brasilianischer Seite, der sich zu einem nationalen Trauma ausweiten wird. Eine große Fußballnationen liegt in Tränen und es ist sehr wahrscheinlich, dass die ausgebliebene symbolische Hoffnung, die ein WM-Titel mit sich gebracht hätte, zu einem knarzigen, an Verwerfungen reichen Alltag führen wird, der für die weitere politische Entwicklung des Landes eine große Hypothek darstellen wird.

Bundestrainer Löw, der nicht nur die richtige Taktik gewählt hatte, fand in diesem Kontext gar goldene Worte. Er sprach davon, dass in einer solchen Situation auch Demut angebracht sei. Das ist weise, da es vor Hochmut bewahrt und vor Selbstüberschätzung warnt. Am Morgen danach geht in Deutschland das Leben weiter, bereichert mit einer prominenten Anekdote. Brasilien hingegen liegt vorerst am Boden. Ein Spiel, das ins Leben wirkt.

Ein goldener Schuss, ein Raubzug und eine Legende

Die Schönheit ist längst gestorben. Dafür geht es um zuviel. Wer verliert ist draußen, da leidet der Hang zur Ästhetik gewaltig. So verwundert es nicht, dass auch die anderen beiden Viertelfinalspiele in hohem Maße von Taktik, Disziplin und dem Motiv dominiert wurden, Fehler zu vermeiden. Denn entschieden werden derartige Spiele entweder durch das, was im Slang des Metiers als individuelle Fehler bezeichnet wird oder den Geniestreich eines einzelnen. Passiert beides nicht und geht dennoch ein Sieger vom Platz, so war es dann das pure Glück oder die Stunde des Systems, erdacht und bestimmt vom Trainer.

Argentinien bezwang ein juveniles Belgien, ohne Glanz, mit viele Härte und eiserner Konsequenz und einem goldenen Schuss von Higuain, der so wirkte wie die Metapher, er zerstörte den Traum des europäischen Überraschungsteams wie bei einem tödlichen Trip. Das Tor selbst viel aus dem Nichts, ein abgefälschter Ball, den der Argentinier Volley nahm und in die Maschen versenkte. Danach kämpfte Belgien mit großer Wucht, aber die europäisch wirkenden Argentinier, die zumeist in Europas Ligen ihr Zuckerbrot verdienen, waren zu abgeklärt, als dass sie noch etwas zugelassen hätten.

Costa Rica, der amerikanische Sonnenstaat, war schon bei Anpfiff wesentlich weiter als kalkuliert und machte es der alten Kolonialmacht der Niederlande schwer. Der Trainer Costa Ricas, Jorge Luis Pinto, ein kleinwüchsiger Mann, der im eigenen Land auch General Gnadenlos genannt wird, hatte sich reiflich überlegt, wie er die holländischen Angriffsstürme zu überleben gedachte. Das hatte tatsächlich etwas von einem nationalen Befreiungskampf. Die Mannschaft, die seine taktischen Finessen ausführte, avancierte in diesem Match zu einer anti-kolonialen Ikone. Sie ließen tatsächlich nichts zu, auch wenn die Invasionstruppen um Robben und van Persie über Waffen verfügten, die weit überlegen waren und zuweilen mit Methoden operierten, die jenseits der guten Etikette lagen. Sie bezwangen Costa Rica weder nach 90 noch nach 120 Minuten.

Erst beim offenen Duell, dem Elfmeterschießen, da holte das Pendant von Pinto, van Gaal, der sich auch gerne den General nennen läßt, einen Fremdenlegionär aus dem Keller, dem bei seinem Gang ins Tor nur die berühmte Kette mit der Kugel fehlte. Wahrscheinlich hatte van Gaal diesem Krul, wie er sich nannte, die bedingungslose Freiheit versprochen, wenn er dieses eine Mal reüssierte. So war es auch, aber wohl eher, weil die vom langen Kampf zermürbten Costa Ricaner die Konzentration eingebüßt hatten. Costa Rica ging unter, erhobenen Hauptes, wie eine Nation, deren Zukunft noch vor sich liegt und die Niederländer kehrten noch einmal, abgenutzt, aber lädiert, mit dem Schatz eines dennoch gelungenen Raubzuges und einer weiteren Legende im Seesack in den Heimathafen zurück.

Obwohl das Spiel Argentiniens gegen Belgien auf einem fußballerisch anderen, weil höheren Niveau stattfand, wirkte es teilweise fade, weil die Emotionen, an die wir uns bei diesem Turnier so gewöhnt haben, einfach fehlten. Da bot das Drama zwischen den Niederlanden und Costa Rica wesentlich mehr, weil wieder mal ein David sich anschickte, dem Riesen Goliath heimzuleuchten. Und obwohl es nicht gelang, öffneten sich denen ungeahnte Horizonte, die sich bei dem profanen Spiel des Fußballs daran ergötzen, die Metaphern zu deuten, die gleich einer Fata Morgana bei einzelnen Spielszenen aufblitzen. Das liefern die Spiele, bei denen Ungleiches aufeinandertrifft, in Hülle und Fülle und dafür sollten wir dankbar sein. Das Unerwartete, wie sollte es anders sein, gibt nicht nur dem Leben, sondern auch dem Fußball das Flair, dem wir so gerne den Titel des Lebenswerten verleihen.