Archiv für den Monat Juli 2014

Über den ritualisierten Widerstand

Es sei davor gewarnt, sich über Taten moralisch zu erheben, die vieles Richtiges beabsichtigten und wofür mit dem Leben bezahlt wurde, auch wenn sie scheiterten. Insofern haben die jährlichen Erinnerungen an die Bewegung des 20. Juli ihre Berechtigung. Ein Kreis aus der renommierten preußischen Generalität hatte versucht, den Diktator Hitler zu beseitigen. Das war ein mutiger Schritt, der die Hinrichtung nahezu aller Beteiligter zur Folge hatte. Es sei ebenso davor gewarnt, diese Form des Widerstandes zu einem Gründungsmythos der späteren Demokratie in Deutschland zu stilisieren, denn damit hatte der 20. Juli wenig zu tun.

Die Widersprüche zwischen der preußischen Generalität in der Wehrmacht und Hitlers Herrschaft definierte sich zunächst nicht über die Kriegsziele. Der Wunsch, vor allem nach Osten auch militärisch zu expandieren hatte in eben dieser Militärnomenklatura eine lange Tradition. Sie wurde flankiert durch das Diktum der ostpreußischen Teile, das sich erklärte aus der sozialen Herkunft von Großgrundbesitzern, die seit dem Deutschherrenorden die Unterwerfung Russlands als Traum gelebt hatten.

Die Widersprüche zu den herrschenden Faschisten leiteten sich ab aus den nationalsozialistischen Maßstäben, die die Privilegien des alten Bestandsadels negierten und Parteiparvenüs kometenhafte Karrieren garantierten. Das sind keine Motive für eine Verklärung aus demokratischer Sicht. Was man den Männern des 20. Julis neben der beabsichtigten Vernichtung des Monstrums Hitlers zugute halten kann, war ihre tiefe Aversion gegen die Barbarisierung des Kriegshandwerks und die wachsende Routine von Pogromen gegen die Zivilbevölkerung. Die Agenda, mit der der Widerstandskreis bei einem Erfolg in Verhandlungen mit den kriegsführenden Parteien gehen wollte, bestanden in der Absicherung von Territorialgewinnen, die aus den Aggressionskriegen resultierten. Gerade letzteres wird bei den Feierlichkeiten anlässlich des 20. Juli immer verschwiegen. Es wird suggeriert, dass die preußische Generalität Teil eines besseren Deutschlands gewesen sei, was bezweifelt werden muss.

Es ist nicht von Ungefähr, dass sowohl der 20. Juli als auch so manche Widerstandsveranstaltung gegen Nazitreffen von Menschen frequentiert werden, denen man attestieren muss, dass sie es bei ritualisierten Veranstaltungen des Widerstands belassen, um Mythen zu bedienen und die nicht sichtbar sind, wenn es darum geht, der täglichen Despotie die Stirn zu bieten. Es ist ein heikles Unterfangen, denn es ist nicht falsch, das Attentat auf Hitler bei einem Festakt zu würdigen, es ist nicht falsch, gegen Nazis mit mehreren Hundertschaften der Polizei im Rücken zu protestieren und es ist auch nicht falsch, die Menschenrechte der Palästinenser in Gaza zu reklamieren. Es bekommt aber einen eigenartigen Geschmack, wenn der 20. Juli nicht auch als eine expansionistische Rettungsaktion deutschnationaler Interessen charakterisiert wird, wenn nicht diejenigen, die so mutig auf gesicherten Anti-Nazi-Demonstrationen auftreten, mit einem roten Kopf im Publikum sitzen, wenn tatsächlich die Courage des Widerstands gefragt wäre und wenn diejenigen, die zurecht israelische Gewalt gegen Zivilisten anprangern, nicht die Redlichkeit aufbringen, menschliche Schutzwälle von HAMAS oder HISBOLLAH als das zu klassifizieren, was es ist: Eine Form von Zynismus, der das Wesen des Faschismus ausmacht.

Die vermeintlich heile Welt des antifaschistischen und antiimperialistischen Widerstands hat ein Stadium erreicht, die selbst die eingespieltesten Rituale nicht mehr retten können. Die Mobilisierung für eine Veränderung beklagenswerter Verhältnisse kann nicht gelingen, wenn die politische Roadmap für eine andere Zukunft nicht beschrieben wird. Dazu gehört weder völkerrechtswidrige Landnahme, noch mangelnde Courage im Alltag und auch nicht die Toleranz gegenüber der bewussten Geiselnahme von Zivilbevölkerung. Egal auf welcher Seite. Überall.

Der Albino, der mit Muddy Waters tingelte

John Dawson Winter III wurde 1944 in Beaumont, Texas, geboren. Der als Albino zur Welt gekommene Mann sollte mit seinem Leben dazu beitragen, die Rassenvorurteile in den Vereinigten Staaten mit seiner eigenen Persönlichkeit zu durchbrechen. Weißer als der unter dem Namen Johnny Winter bekannt gewordene Bluesmusiker kann ein Mensch nicht sein. Und obwohl seine Eltern Plantagenbesitzer waren und Beaumont als ein Zentrum von Rassenauseinandersetzungen unrühmliche Bekanntheit genoss, zog es den Heranwachsenden bereits früh in die Clubs der Schwarzen in seiner Heimatstadt, wo er nach eigenen Aussagen nie ein Ressentiment verspürte, ganz im Gegenteil, man nahm ihn mit offenen Armen auf. Nach kurzen Umwegen entdeckte er die Gitarre für sich und er entwickelte entlang des Electric Blues mit dem vorwärtstreibenden texanischen Drive eine Spielweise, die ihm in seinen besten Jahren den Beinamen Guitar Slinger einbrachte. Er war in den angesagten Clubs in Dallas und der 6. Straße in Austin längst angesagt, als er sich nach Chicago wagte, wo er allerdings nicht reüssierte.

1977 jedoch gelang ihm der Durchbruch, als er zusammen mit seinem Idol Muddy Waters das Album Hard Again produzierte und aufnahm, dem weitere Platten wie Tourneen folgten. In Woodstock hatte er schon auf der Bühne gestanden, aber Muddy Waters war der Schlüssel zu einer folgenden atemberaubenden Karriere. 1979 verzauberte er in einer Nacht des Rockpalasts nicht nur das Publikum, sondern machte sich auf einen Schlag in ganz Europa bekannt. Mit Covern von Jumping Jack Flash, Good Morning Little School Girl und Suzie Q. versetzte er dem ermüdenden Rock einen fulminanten Tritt. Wer Johnny Winter in diesen Jahren bei einem seiner Auftritte erlebte, der bekommt heute noch Herzrasen, wenn er daran denkt. Johnny Winter, immer wieder nervlich durch seinen Albinismus angeschlagen, steuerte mit harten Drogen und Alkohol gegen die drohende Erschöpfung, was ihn gesundheitlich ruinierte.

Als es um den Electric Blues stiller wurde, wurde es auch um den Guitar Slinger still. Er blieb seinem Genre, über das er sich definierte, treu. Immer wieder musste er sich in Sanatorien begeben, er kehrte aber immer wieder auf die Bühnen, die kleiner und unbedeutender wurden, zurück. In den letzten Jahren betrat er mit einem Stock die Bretter, spielte nur noch im Sitzen und seine einst raue, wie Wüstenwind heulende Stimme war schwach geworden. Das Feeling des Blues brachte er aber herüber, genau wie seine betörenden Riffs, die die Gravitationskräfte außer Kraft setzten.

Es sind nicht die großen Hits, die ihn bekannt gemacht haben, die diesen außergewöhnlichen Musiker erklären, sondern ein alter Bluesstandard, den B.B. King bereits bemerkenswert gespielt hatte. Be Careful With A Fool war die Selbsterklärung dieses schmächtigen, filigranen Energiespenders, der in diesen Song sein eigenes, von brüchiger Gesundheit und nervösen Rückschlägen geprägtes Leben webte. Es ist ein fulminantes Stück Musikgeschichte eines Albinos, der es als der wohl weißeste seines Genres in die Hall of Fame des Blues geschafft hatte. Be Careful With A Fool versetzt bis heute in einen kathartischen Zustand, was selten gelingt. Johnny Winter war wieder auf Tour. Er liebte das europäische Publikum, weil es, wie er es einmal formulierte, den ganzen Schwachsinn von Schwarz und Weiß nicht im Kopf hatte. Johnny Winter starb am 16. Juli in einem Nest bei Zürich. Er wurde gerade 70 Jahre alt. Er hat sehr schnell gelebt, was seine Musik bezeugt.

Heinrich von Kleist und die systemische Beratung

Das Schöne an der Menschheit ist ihre Vielfalt. Ausgehend von einer nahezu unendlichen Diversität ist es dennoch erforderlich, sich an bestimmten Typologien zu orientieren, wenn es darum geht, Organisationen am Laufen zu halten, Teams und ihre Dynamiken zu begreifen und unterschiedliche Interessen von Konsumenten, Produzenten oder Wählerinnen und Wählern zu identifizieren. Die Versuche der Typologisierung gehen ebenfalls ins Unendliche und reichen von sehr formalen Kriterien bis hin zu Charakterisierungen. Wer kennt sie nicht, die Choleriker oder die Romantiker, die Melancholiker und die Rampensäue. Immer wieder, ganz im Sog des jeweiligen Zeitgeistes, tauchen neue Muster auf, die sich besonders gut vermarkten lassen. Fest steht jedoch, dass, wenn sie intelligent definiert sind, sie in der Lage sind, Aufschlüsse zu vermitteln über soziale Gebilde, in denen die Menschen unterwegs sind.

Es ist müßig, sich mit Kategorisierungen zu beschäftigen, die eher Klischees bedienen und eine Welterkenntnis beinhalten, die ihrer Komplexität längst nicht mehr gerecht wird. Also ist es ratsam, nach möglichst einfachen, weitest gehend anwendbaren und der Entschlüsselung des sozialen Wirkens maximal zuträglichen Begriffen zu suchen. Das ist schwer und leicht zugleich, denn historisch haben sich bereits kluge Geister an derartigen Vorhaben versucht, und eigenartigerweise wurden die nahezu genialsten Vorschläge von der Gesellschaft nicht aufgegriffen. Andererseits sind heutige Untersuchungen aus Soziologie und Sozialpsychologie ebenfalls sehr hilfreich, weil sie Wirkungszusammenhänge identifizieren, die nahezu Universalcharakter im Zeitalter der Moderne haben.

Eine grandiose Entschlüsselung liefert zum Beispiel der ehemalige preußische Offizier und Großmeister der deutschen Sprache Heinrich von Kleist. In nachgelassenen Notizen findet sich eine Dichotomie der menschlichen Weltwahrnehmung: Diejenigen, die die Welt in Form von Formeln verstehen und diejenigen, die sie aus Metaphern lesen. Da ist mit einem Federstrich das Grundproblem der Moderne identifiziert, die Linie zwischen Philosophie und Technokratie, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Idealismus und Pragmatismus beschrieben. Und der Vorschlag Kleists, dem wir die vorwärtsstrebende Syntax verdanken, ist überall bis heute verifizierbar. Nehmt sie unter die Lupe, die Artgenossen in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz oder in der Politik, und es wird erstaunen, dass wir es tatsächlich mit einer Kategorisierung zu tun haben, die überall anwendbar ist. Die spannende Frage ist dabei, wo welche Kategorie das jeweilige Sozialsystem dominiert und welche Rückschlüsse auf die daraus resultierende Funktionsweise gezogen werden können.

Und vom Nachlass aus einem der großen Metaphoriker unserer Literatur in die Soziogramme aus der systemischen Beratung ist es ebenfalls ein spannender, weil gewinnbringender Schritt. Dort kursiert eine binäre Typologie, die differenziert zwischen Funktion und Person. Menschen, die sich über die eigene Person definieren, sehen alles durch diese Linse, sie definieren ihre Rolle über Status, Macht und Ansehen, sie zielen mit ihren Handlungen darauf hin, die daraus resultierenden Gewinne wiederum ihrer Person anheften zu können.

Die andere Spezies wiederum definiert sich exklusiv über die Funktion. Sie sehen sich als ein Glied einer sozialen Organisation, in der sie für eine bestimmte Aufgabe stehen. Alles, was sie unternehmen, gilt der Verbesserung der Funktion, der sie ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen unterordnen. Auch die Dichotomie von Funktion und Person, ähnlich wie der von Formelversteher und Metaphoriker, ist überaus hilfreich, um das Wirken sozialer Organisatoren zu verstehen. Kleists Definition bezieht sich mehr auf die individuelle Perzeption der Welt, die aus der Systemik auf die Rolle der Individuen in einem sozialen Gebilde. Sie schließen sich nicht aus, sondern sie ergeben eine wertvolle Synergie in der Lesbarkeit der Welt.