Archiv für den Monat Juni 2014

Über die operative Beweglichkeit

Wer kennt sie nicht, die Situation! Die immense Ansammlung von Aufgaben und Herausforderungen, mit denen Menschen in zunehmendem Maße konfrontiert werden, die eigentlich das Privileg haben, arbeiten zu können. Denn Arbeit an sich ist etwas Positives, es ist der Stoffwechsel des Individuums mit Natur und Kosmos, der Prozess der Gestaltung, der das hervorbringt, was die menschliche Existenz so spannend macht: Lernprozesse. Doch angesichts dessen, was viele von uns in der Alltagspraxis der Arbeit antreffen, klingen diese Sätze sehr pathetisch und wenig von den Fingern der Realität berührt.

Denn die Chronik der Arbeitspraxis hat einen Weg beschritten, der umschrieben werden kann als Strecke zwischen Blut, Schweiß und Tränen und neurasthenischem Kollaps. Was in den Tagen des frühen Industrialismus mit der Physis bezahlt wurde, wird heute von der Psyche entrichtet. Die sequenzielle Schufterei ist der parallelen Nervenstrapaze gewichen. Ein interessanter Nebeneffekt sei gleich erwähnt: Sequenzielle Arbeit bring die Resultate derselben immer wieder zum Vorschein. Das vermeintliche Multi-Tasking frisst das Ergebnis als Moment des Innehaltens gleich auf. Der Grad der Entfremdung der Arbeitenden ist gestiegen.

Das was den Arbeitsalltag heute ausmacht, ist die weitgehende Befreiung von der physischen Erschöpfung und die Chance einer größeren Selbstbestimmung, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt werden. Leider ist dies selten der Fall. Ursache dafür ist die Tendenz der Entmündigung der Arbeitenden durch die Maschinen. Wer sich den programmierten Kontrollinstanzen beugt, hat radikal sein Recht auf Selbstbestimmung verwirkt. Das digitalisierte Szenario determiniert jede Eventualität und vergewissert sich durch stetiges Abfragen des nie enden wollenden Prozessfortschritts. Wer sich abgewöhnt hat, Nein zu sagen, was physisch über das Ausschalten oder Steckerziehen geschieht, der geht unter im Sog der Kontrolle.

Es ist schon kurios, mit Kant auf ein Symptom zu antworten, das das digitale Kommunikationszeitalter charakterisiert und in Phänomene mündet, die im sprachlichen Duktus unserer Tage mit Begriffen wie dem Burnout beschrieben werden. Was der asketische Philosoph als einfache Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei formuliert hat, kann auch heute als eine verblüffend treffende Replik auf die Verdichtung der Kontrolle menschlichen Handelns durch digitale Maschinen gelten: Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Das Selbstverschulden hat man dem eisernen, gebrechlichen preußischen Gelehrten immer wieder vorgeworfen, aber genau darin liegt der Schlüssel. Nur wer sich traut, Nein zu sagen, nur wer sich willentlich abtrennt vom Prozess der Überwachung, nur wem es gelingt, den inneren, psychischen Druck, der die moderne Kette der Fremdbestimmung ausmacht, zu überwinden, dem gelingt der Sprung in eine neu gewonnene Freiheit. Diese Freiheit definiert sich über Gestaltungsspielräume, die aus dem Dissens gespeist werden und die, aus der Distanz betrachtet, das Profane und Wesenlose der Überwachungsmaschinen öffentlich macht.

Das Getriebensein kann ersetzt werden durch eine neue operative Beweglichkeit, die dadurch entsteht, dass man sich eine eigene Strategie entwickelt, die das Wesen der Beabsichtigten zum Leitmotiv nimmt und das weglässt, was Zeit raubt und zu nichts führt. Der Begriff des rasenden Stillstandes, der immer mehr und zu Recht die Runde macht, ist ein Indiz für die Sinnlosigkeit der programmierten Gängelung. Bewirkt wird nicht mehr viel, Energie verausgabt dagegen soviel wie nie. Die selbst verschuldete Unmündigkeit, von der Kant sprach, hat eine Aktualität wie nie. Sie zu überwinden findet statt durch die Konzentration auf das Wesentliche.

Das Windmühlenparadigma

Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts trat ein Phänomen auf, das zunächst nicht selten von der herrschenden Politik als das Sankt-Florians-Prinzip diskreditiert wurde: Der Protest gegen technische Großprojekte an einem bestimmten Standort. Richtig Schwung bekam die Bewegung, dass sich Bürgerinnen und Bürger gegen derartige Projekte äußerten, als nach der Ölkrise die damalige Bundesregierung auf Kernkraft setzte. Vor allem das badische Wyhl und das norddeutsche Brokdorf wurden nicht nur Fanale gegen die Kernkraft, sondern auch Beispiele eines massiven, entschlossenen Widerstands gegen Kernenergie und für einen breiten Bürgerprotest. Seitdem hat es nahezu Tradition in diesem Land, dass sich die Bevölkerung zusammenschließt und zu verhindern sucht, was durchaus auf formal-demokratischem Wege zustande kam. Der Vorwurf des Sankt-Florian-Prinzips greift jedoch kaum noch. Spätestens in Brokdorf begriff das der Widerstand und die Parole Kein Kernkraftwerk in Brokdorf! wurde relativ schnell um den Zusatz Und auch nicht anderswo! erweitert.

Die Bewegung und ihre Erfolge blieben nicht ohne Wirkung. Sie war ein Zusammenschluss unterschiedlicher sozialer und politischer Gruppen und sie entwickelte sich zum Sammelbecken der ökologisch orientierten Politik in Deutschland. Daraus entstanden zum einen die Grünen, zum anderen etablierte sich der Impetus, technischen Großprojekten den Kampf anzusagen, wenn Mensch und Natur bedroht zu sein schienen. Dass der Staat zunächst die Option der atomaren Energieversorgung mit brachialen Mitteln durchsetzte, ist genauso bekannt wie der jüngste Meinungsumschwung, der auf den Ausstieg aus derselben setzt.

Was von den Massenprotesten blieb und immer wieder aufkeimte war die Form des Widerstandes bei bestimmten Anliegen. Was sich nun abzeichnet, ist eine recht einseitige Reklamierung der Position der ökologischen Notwendigkeit bei gleichzeitig unterschiedlicher Wertschätzung der Protestmotive. Kritiker der ökologischen Argumentation führten nicht zu Unrecht immer wieder Beispiele an, von denen es tatsächlich zahlreiche in der Republik gibt und die einem industriellen Machtzentrum wie der Bundesrepublik das Leben schwer machten: Jahrelange Bauzeitverzögerungen von ökologisch unbedenklichen Großprojekten, die wirtschaftlich sinnvoll und infrastrukturell angebracht waren, weil zunächst Feldhamsterpopulationen umgesiedelt, Unkenmigrationen gesichert oder Fledermausrefugien verlagert werden mussten. Der Rechtsweg wurde durch den Widerstand immer wieder genutzt und die Argumentation blieb ökologisch.

Heute ist zu vernehmen, dass sich im intellektuellen Kernland dieses einstmaligen Widerstandes, der es allerdings bis in die Parlamente geschafft hat, gewaltiger Unmut breit macht, wenn eben diese ökologische Argumentation benutzt wird, um Projekte zu verhindern, die eigentlich als ökologisch sinnvoll erachtet werden. Ein markantes Beispiel ist der wachsende Widerstand gegen die breitflächig auftauchenden Windkrafträderparks. Die Kritiker berufen sich, nicht zu Unrecht, auf die Gefahr für bestimmte Vogelarten wie zum Beispiel den Roten Milan, einen heimischen Raubvogel. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Die vom Land Baden-Württemberg getriebenen Versuche, mit geothermischer Energie zu arbeiten, verursachten bei den bisherigen Projekten bedenkliche Schäden. Eben der verantwortliche grüne Minister mahnte jüngst in den Medien doch Langmut walten zu lassen und Geduld zu haben, eine Argumentation, die unter anderen Umständen und an anderem Ort die Widerstandsbewegung zur Weißglut treiben würde.

Das sich hinter diesem Paradigmenwechsel verbergende Phänomen ist das Resultat einer wohl unwiederbringlichen Etablierung. Die Betreiber der heutigen Energiewende sind in das Lager derer übergewechselt, die das Recht exklusiv für ihre Interessen reklamieren. Das verwundert nicht, weil es immer so ist. Das Einzige, was aus dieser aktuellen Entwicklung positiv resultieren kann, ist die Frage, ob der Post-Heroismus, vor allem in den letzten Jahren als Non-Plus-Ultra der Bürgeremanzipation gepriesen, wirklich die Grundlage für ein Gemeinwesen sein kann. Oder ob es sich dabei nicht doch um eine hedonistische Infantilisierung handelt, die keine positiven Perspektiven zulässt.

Westliche Bilder und östliche Realitäten

Henry Kissinger, Fareed Zakaria, Niall Ferguson, David Daokui Li. Wird China das 21. Jahrhundert beherrschen? Eine Debatte

Irgendwie ist es immer noch weit weg. Zwar gilt der Spruch lange nicht mehr, dass es nicht interessiere, wenn in China ein Sack Reis umfalle, aber präzises Wissen über China ist kaum anzutreffen. Leider, wie zumeist, wird der Name des Landes nur ausgerufen, um unheilvoll zu drohen. Das hat Konrad Adenauer schon gemacht, seither hat das Land allerdings zahlreiche Revolutionen hinter sich gebracht. Unbestritten ist seine Stärke, zumindest was die gegenwärtige Wirtschaftskraft anbelangt. Militärisch ist man sich schon nicht mehr so sicher. Was die politische Liberalität anbetrifft, so ist der Ruf verheerend. Kurz, es lohnt sich, endlich gegen Unwissen über China etwas zu tun.

Wie geschaffen für einen Einstieg in die Komplexität des Themas sind Diskussionen verschiedener Fachleute, die sich dem Thema mit kontroversen Thesen nähern. Da ist es gut, dass zum Beispiel die Munk-Stiftung in Kanada derartige Foren organisiert. Im Jahr 2011 war das Thema Wird China das 21. Jahrhundert beherrschen? Eingeladen dazu wurden zwei renommierte Verfechter der These, dass dieses so sein wird und zwei ebensolche Gegner. Namentlich handelte es sich dabei um den Inder Fareed Zakaria, seinerseits bekannt als prominente Figur bei CNN, den Chinesen David Daokui Li, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Managementlehre und Top-Berater der chinesischen Zentralbank und die beiden Amerikaner Niall Ferguson, Professor für Geschichte in Harvard und Henry Kissinger, seinerseits früherer Professor und Außenminister der USA.

Während das ganze Szenario der Veranstaltung doch ein wenig an Casting-Shows erinnert und den Eindruck erweckt, etwas deplaziert zu sein liefert sie doch eine Reihe an Informationen und Erkenntnissen, die wichtig sind, um das Land China und sein Agieren besser verstehen zu können. Und es ist bei einer derartig komplexen Angelegenheit eminent wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass Verständnis die Voraussetzung für eine Prognose der Entwicklung ist, was, nebenbei bemerkt, allzuoft vergessen wird.

Die in dem Büchlein dokumentierte Debatte gibt Auskunft über das chinesische Selbstverständnis, dem territoriales Hegemoniestreben schon immer fremd war, es vermittelt Einblicke in die Langzeitdimensionen, in denen dort Politik geplant wird und die sich radikal von der Geschwindigkeit wie Halbwertzeit westlicher Politikkonzepte unterscheiden. Man erfährt über den Langmut chinesischer Planungsprozesse genauso wie über das langsame Umstellen der Wirtschaft vom gigantischen Export an Billigprodukten hin zu einer qualitativeren Bedienung des Binnenmarktes, was übrigens schwerwiegende Folgen für die westlichen Märkte haben wird, und man erhält Einblicke in die dramatischen Entwicklungen, die der Demographie des Landes aufgrund der Ein-Kind-Politik bevorstehen. Und es wird aufgeräumt mit dem Irrglauben, China sei eine exklusive Exportnation. Die Bedeuung des chinesischen Marktes für viele andere asiatische Länder als Exportmarkt bedeutet eine Kohäsion innerhalb Asiens, die im Westen meistens nicht zur Kenntnis genommen wird.

Ebenso wird die Strategie Chinas auf dem afrikanischen Kontinent skizziert, die getragen wird von der Notwendigkeit, an strategische Rohstoffe zu kommen. Und es werden Probleme thematisiert wie der langsame, zu langsame Prozess einer poltischen Systementwicklung, wobei deutlich wird, dass der Westen schlecht beraten ist, sich selbst zu suggerieren, die Blaupause für die chinesische Staatsform der Zukunft läge in den Verfassungsarchiven des Westens.

Neben eher weniger zugänglichen Informationen über China erhält die Leserschaft aufgrund des Szenarios der Kontroverse auch eine ganz gute Übersicht über die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Land aus verschiedenen Blickwinkeln dieser Welt. Daher ist das kleine Buch exzellent dazu geeignet, sich dem überaus komplexen Thema zu nähern.