Archiv für den Monat Mai 2014

Traditionell und zeitgenössich

Mariza. Fado Tradicional

Marisa dos Reis Nunes, heute in ganz Portugal und vielen Teilen der Welt schlicht unter dem Namen Mariza bekannt, wurde 1973 in Mozambique geboren. Sie ist Tochter eines Portugiesen, ihre Mutter stammt aus Mozambique, insofern trägt sich die Geschichte des portugiesischen Kolonialismus in sich. Mit drei Jahren kam sie nach Portugal, wo sie aufwuchs wie die dortige Generation. Früh wurde sie entdeckt als passionierte Sängerin, ihre ersten Erfahrungen machte sie mit Jazz und Soul. Erst auf einem Konzert in Kanada entdeckte sie die Wirkung des Fado auf sich. Seitdem ist sie ihm verfallen.

Fado, abgeleitet aus dem Lateinischen Fatum, ist die künstlerische Entsprechung Portugals auf alles, was mit Schicksal bezeichnet wird. Zum Tragen kommen im Fado, der deutliche Zeichen arabischer Tonfolgen aufweist und in der typischen Besetzung, wie beim benachbarten spanischen Flamenco, aus Gitarre und Gesang besteht, die Gefühle um Saudade, d.h. alles, was den Weltschmerz betrifft. Daher wurde der Fado auch immer wieder mit dem Blues verglichen, was sicherlich aufgrund der thematischen Analogien wie der musikalischen Melancholie nicht von der Hand zu weisen ist.

Mariza eroberte Portugal im Sturm. Ihr gelang es, vor allem auch junges Publikum für diese Musikform zu begeistern, die zwar immer noch in den Bars und Kneipen von Lissabon und Coimbra lebt, aber nicht den Sprung in die neuen Distributions- und Konsumformen der Musikindustrie geschafft hat. Mit Fado Curvo, Transparente und Terra brachte sie im Laufe des letzten Jahrzehnts Alben heraus, die den Bogen von der alten Botschaft zur neuen Befindlichkeit vermochten zu spannen. Das Concerto Em Lisboa im Jahre 2006 verschaffte ihr endgültig den Durchbruch. Heute wird ihr Name bereits in gleichem Atemzug mit der historischen Ikone des Fado, Amalia Rodrigez, genannt. Mariza gilt als die heutige, zeitgenössische Stimme des Fado.

Ihr neuestes Album, Fado Tradicional, ist folglich das, was sie sich aufgrund ihrer Position leisten kann. Sie darf es wagen, die alten Weisen des Fado anzustimmen, ohne Blasphemie zu betreiben. Denn, ähnlich wie im Blues, es gelten strenge Gesetze, was die Inszenierung anbetrifft und das Publikum ist in großen Teilen wertkonservativ. So gehen die insgesamt 11 Titel durch das Kompendium des traditionellen Fado wie eine pädagogische Führung. Der Auftakt beginnt mit Fado Vianinha, einer Hommage an die Melancholie schlechthin. Promete, Jura, das zweite Stück, beschreibt den Lauf der Welt, der sich nicht von der Banalität des Individuums beeinflussen lässt. As Meninas Dos Meus Olhos verweist auf die Nonchalance, die dem Individuum zur Verfügung steht, um durch den Alltag zu kommen. Mais Uma Lua wiederum verweist auf den Gestus der Unausweichlichkeit des Schicksals. Die Stücke, die nicht nur unterschiedliche Themen des Fado aufgreifen, sind aus den verschiedenen Hochburgen des Fado entlehnt und geben somit eine beeindruckende Kartographie dieses Genres. Boa Noite Solidao zum Beispiel demonstriert, wie weit es der Fado gebracht hat, denn dieses Stück könnte nächtens an einem brasilianischen Strand spielen, und Desalma hat Qualitäten, den der benachbarte Flamenco bietet.

Wer sich dem Fado nähern will, oder sich einmal der ganzen Gemütslage dieses Genres auszusetzen bereit ist, ohne sich wie in einem muffigen Archiv zu fühlen, der sollte sich in die Arme Marizas begeben, wenn sie den Fado Tradicional intoniert.

Die Dominanz der therapeutischen Hermeneutik

Mikrokosmen der Gesellschaft finden sich überall. Es kommt darauf an, ob sie als solche erkannt werden und ob der Wille und die Fähigkeit existieren, sie auch als solche zu lesen. Der Fußball ist so ein Mikrokosmos, die Familien, Vereine im Allgemeinen, natürlich Parteien und selbstverständlich Unternehmen und Großorganisationen. Vor allem die Arbeitswelt gibt ein sehr präzises Bild über die Werte, die Befindlichkeit und die Vorstellung davon, wie Organisation aussehen soll. Das geht nicht ohne die private wie gesellschaftliche Erfahrung derer vonstatten, die sich im Arbeitsleben verdingen und verwirklichen. Insofern lohnt sich immer der Blick auf die aktuellen Zustände in der Personal- und Organisationsentwicklung, um zu sehen, wo Gesellschaft und Wirtschaft stehen.

Interessant ist, dass gerade besagte Disziplinen in den letzten Jahrzehnten vor allen Dingen mit systemischen Entwicklungsansätzen von sich Reden gemacht haben. Die meisten dieser Entwicklungsansätze sind Derivate aus der Familientherapie. Wiewohl sie von einer bestechenden Logik und in der Lage sind zu lehren, wie innerhalb eines Problemfeldes selbst auch Lösungsansätze zu verorten sind, sollte die Herkunft doch zu denken gegeben haben. Warum, so hätte die Frage schon vor langer Zeit lauten müssen, greifen viele Unternehmen und Organisationen nach therapeutischen Zugängen, um ihre inneren Probleme fokussieren und lösen zu können?

Die Antwort liegt vermeintlich auf der Hand. Die Akteurinnen und Akteure unserer Gesellschaft haben durch einen über Jahrzehnte andauernden Entmündigungsprozess, auf den sie sich eingelassen haben, sich von einer dinglichen Ebene, auf der gleichberechtigte, vernunftbegabte Wesen normalerweise verkehren, in ein Beziehungsgeflecht begeben, dass die Abhängigkeiten, die aus dem Entmündigungsprozess resultierten, zum Gegenstand der Reflexion von Arbeitsbeziehungen gemacht haben. Das geht, in der betriebstherapeutischen Entsprechung, bis hin zu Familienaufstellungen innerhalb des Unternehmens. Schöne neue Welt.

Was sich in den Betrieben längst zum ganz normalen Alltag entwickelt hat, bestimmt natürlich auch den gesellschaftlichen und damit politischen Diskurs. Es ist nicht die Rede davon, was ein Mensch ist und macht, sondern welche Rolle er in einem Beziehungsgeflecht einnimmt und ob er ihr gerecht wird. Indem er oder sie sich auf diese Logik einlässt, ist das eigentliche und ureigene Interesse längst ausgeblendet und nicht mehr Gegenstand der Verhandlung. Dass Menschen und soziale Gruppen in einer Gesellschaft ganz konkrete Interessen haben und diese auch vertreten könnten, ist in den politischen Kursen unserer Tage gar kein Thema mehr. Es geht immer um die vermeintlichen Interessen aller, obwohl die Spezifik der Interessen nie so virulent war wie heute. Indem die Beziehungen der Akteure zueinander zum Hauptthema gemacht werden, ist das Paradigma der Familie etabliert und von der Rationalität sozialer Gestaltung abgekoppelt.

Familie im Industriezeitalter und danach ist zumeist ein Garant für ausgewachsene Traumata, die es mit der Etablierung der Familie zum kardinalen Handlungsparadigma in jedes Unternehmen, in jeden Verein und in den politischen Diskurs geschafft haben. Manche Dialoge, die in Unternehmen vernehmbar sind, erinnern tatsächlich mehr an eine Lehrstunde aus der psychoanalytischen Praxis als an ein Vertragsverhältnis, in dem der Gegenwert von zu erbringender Leistung festgelegt wurde. Nicht, dass sich die Menschen in dem Verhältnis analog zur Familie bestehender Abhängigkeiten wohl fühlten. Aber sie haben sich tendenziell darauf eingelassen und damit ihre eigentlichen Möglichkeiten blockiert, selbstbewusst über den Prozess der Arbeit zu verhandeln. Da das nicht mehr geht, werden Krankheitsbilder verhandelt, was an Absurdität nicht mehr zu überbieten ist. Alle Lebensbereiche werden dominiert von einer therapeutischen Hermeneutik. Kalte Analyse der Interessen und Fähigkeiten wäre sinnvoller als das Räsonnement von Therapie.

Die Herrschaft der totalitären Logik

Das Wesen des Diskurses ist die Gegenseitigkeit. Sein Ziel ist es, zu einem Ergebnis zu kommen, das die Beteiligten weiterbringt. Es setzt voraus, dass die verschiedenen Akteure davon ausgehen, dass alle, die sich beteiligen, eine Existenzberechtigung haben, auch wenn sie Interessen haben, die nicht mit allen kongruent sind. Der Diskurs setzt Respekt voraus. Respekt heißt, dass man nicht einer Meinung sein muss, aber die Motive und die Handlungslogik der Anderen zu verstehen sucht. Das klingt alles sehr banal, ist es aber in der Praxis nie. Die Voraussetzung, um in einer Gemengelage unterschiedlicher Interessen bestehen zu können, ist der Wille und die Fähigkeit, nicht nur die Anderen zu verstehen, sondern das eigene Denken und Tun für eine kritische Reflexion freizugeben. Wenn dieses nicht geschieht, kommt kein Diskurs zustande. Ein gelungener Diskurs wiederum ist das Resultat einer gemeinsamen Intentionalität. Alle Beteiligten müssen der Auffassung sein, dass sich die Investition in den Diskurs lohnt.

Bei der Betrachtung dessen, was oft als Diskurs deklariert wird, aber meistens nicht gelingt, fällt auf, dass keine Klarheit über das Ziel eines solchen besteht. Meistens gehen die Akteure davon aus, sich durchsetzen zu können und ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Dann muss das Unterfangen scheitern. Die Klage, die zumeist folgt, ist die über mangelnde Transparenz. Ja und Nein. Die Transparenz fehlt, wenn das Ziel nicht klar ist. Die einzelnen Argumente transparent zu machen hingegen ist trivial. Der Ruf nach absoluter Transparenz hingegen ist das Symptom für kolossales Misstrauen. Die beste Voraussetzung für einen gescheiterten Diskurs.

Eine Variante, die den Diskurs generell desavouiert, sind Eingangserklärungen, die verdeutlichen, dass eine oder mehrere Parteien von vorne herein diejenigen sind, die nach Ethik und Moral handeln, während den anderen Beteiligten unterstellt wird, sie seien rückständig, intolerant, nicht diskursfähig oder sonst irgendetwas. Das ist enthüllend für die, die glauben, sie seien überlegen. Sie haben den Respekt verloren und damit die Voraussetzung für einen gelungenen Diskurs.

Die Formen der politischen Argumentation, mit denen die Öffentlichkeit hierzulande konfrontiert ist und die fälschlicherweise als Diskurs ausgegeben wird, tragen alle den Keim einer totalitären Logik, die aus einem Subjektivismus resultiert, der es in sich hat. Ob es sich um Themen wie die Weltökologie, politische Autonomie, Geschlechteremanzipation, Demokratie oder Krieg und Frieden handelt, immer treten die Protagonisten so auf, als hätten sie die Weisheit mit dem berühmten Schaumlöffel gefressen und als wären alle anderen Völker und Kulturen Versatzstücke einer ahistorischen Primatenversammlung, die das einzig Wahre nicht begriffen. Das ist düster, autoritär und totalitär zugleich und es dokumentiert, dass noch etwas anderes fehlt als Empathie, analytische Fähigkeiten und ein Grundverständnis von Diplomatie.

Neben der notwendigen gemeinsamen Intentionalität setzen Diskurse bei allen Beteiligten nämlich noch eine Eigenschaft voraus, die, wie Heisenberg es so treffend formulierte, primordial, d.h. von erster Ordnung ist. Es handelt sich um Demut. Nur wenn jeder Einzelne sich darüber bewusst ist, dass er oder sie selbst sich in einem bestimmten Stadium der Erkenntnis und Entwicklung befindet und dass Irren nicht nur menschlich ist, sondern auch alle Menschen und Gesellschaften trifft, weil es notwendiger Bestandteil des Lernens ist, fällt der irrwitzige Glaube in sich zusammen, man selbst sei die Instanz, ohne die der Lauf der Geschichte stocke. Dieses einzusehen, fällt in Zeiten des psychopathologischen Massenphänomens der narzisstischen Verblendung nicht mehr leicht. Es herrscht die totalitäre Logik. Sie wiederum garantiert die Sezession vom gestalteten Verlauf der Geschichte.