Archiv für den Monat März 2014
Bayern: Einheitspartei und Nomenklatura
Ein Freund aus früheren Tagen vertrat in Bezug auf die zentraleuropäische politische Zukunft zuweilen eigenartige Thesen. Aber, das musste man ihm immer konzedieren, nichts von dem, was er von sich gab oder vorschlug, war undurchdacht oder von einem niederen Affekt getrieben. Eine seiner Thesen wird mir anlässlich der sich häufenden Meldungen aus dem Freistaat Bayern wieder gegenwärtig. Er vertrat die Auffassung, dass sich die Bundesrepublik anders orientieren müsse. Dazu gehöre, sich von Bayern und Baden-Württemberg zu trennen. Diese Länder seien eher kulturell zu Österreich gehörig. Der Rest der Republik solle dagegen eher mit den Niederlanden und Dänemark eine Staatenkonföderation anstreben. Dann, so seine Vision, seien viele Irritationen, die aus einer unterschiedlichen Betrachtung und Mentalität resultierten, nicht mehr ein tägliches Ärgernis. Dass er dann, vor allem in Bezug auf Bayern, die neue südliche Union als Habsburger Klüngel bezeichnete, gehörte zu dem geringen polemischen Anteil seiner Ausführungen.
Die Affäre um das Kirch-Imperium, die mysteriösen Tode lokaler Prominenter, Justizskandale wie der um Gustl Mollath, die abenteuerlichen Unternehmensgeschichten wie die einer alpinen Bank, mit der Milliarden verbrannt wurden und nun der Fall um den Bayernpräsidenten Uli Hoeneß weisen schon auf etwas hin, was aus anderen Ländern der Republik betrachtet in hohem Maße befremdet. Nicht, dass es nicht ausgewachsene Affären, Skandale und selbst verursachte Katastrophen auch in anderen Teilen der Republik gäbe. Aber, betrachtet man sie näher, ob es die Elbphilharmonie, der Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Duisburger Love Parade sind, allen gemein sind politische Friktionen, die etwas mit einem Wertewandel zu tun haben und eine Planungsüberforderung der Politik in Zeiten explosiver Komplexität. Das ist aber nicht das, was das Phänomen Bayern ausmacht.
Wie kaum woanders herrscht dort seit dem Anschluss an die Republik ein Einparteiensystem, nicht erzwungen, wohl bemerkt. Innerhalb dieser herrschenden Partei hat sich eine Nomenklatura herausgebildet, die Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik, Sport, Verwaltung und Justiz innehat. Dieser Münchner Zirkel ist der geschäftsführende Ausschuss der tatsächlichen Bayern AG, die zunächst gar nichts mit der gleichnamigen des FC Bayerns zu tun hat, sondern von ihrem Selbstverständnis aus auf kurzem Wege die Geschicke des Landes betreibt. Der Slogan, dem diese Nomenklatura folgt, ist das bekannte Mia san mia. Das, was dieser Zirkel tatsächlich gestaltet, ist weder durch ein Mandat gedeckt noch für die Öffentlichkeit transparent. Hinweise aus dem jüngsten Prozess wegen Steuerhinterziehung weisen auf Verbindungen, die nicht Gegenstand der Ermittlungen waren, deren Enthüllung aber Aufschlüsse geben könnten auf die Geschäftspraktiken der gesamten Nomenklatura. Derartige Ergebnisse wären allerdings kurz vor den bevorstehenden Kommunalwahlen brandgefährlich für die Einheitspartei.
Der verurteilte Hoeneß nahm das Urteil an und opferte sich vermutlich damit für die Diskretion dieser Nomenklatura. Dafür bekommt er jetzt Respektbezeugungen von allen Seiten. Nun ja. Solange die Medien mitspielen, die das Wort der kritischen Investigation nicht einmal mehr buchstabieren können, ist die Welt wieder in Ordnung. Und noch ein Schmankerl am Rande: In München steht nach der langen Amtszeit des Christian Ude auch ein neuer Oberbürgermeister zur Wahl. Kapitale Kandidaten sind ein Sozialdemokrat und einer der CSU. In der Münchner Tradition wäre der Sozialdemokrat der Favorit. Diesen Bonus hat dieser allerdings eingebüßt, weil er, notabene, eine Einladung des FC Bayern zum Endspiel der Champions League nach London angenommen hatte. Ob der Verein dem Kandidaten der CSU auch ein solches Angebot gemacht hat, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.
Es ist nie zu spät
Manchmal sind es die kleinen, ungeplanten Begegnungen, die mehr bewirken als die vielen Geschehnisse des großen, offiziellen Protokolls. Gestern wurde mir wieder einmal ein solches Privileg zuteil. Als ich von einem Termin zurück in mein Büro wollte, lief mir ein Mann in die Arme, den ich sofort als einen ehemaligen Kollegen identifizierte. Er pfiff leise vor sich hin und trug einen Korb, den er auf dem benachbarten Markt gefüllt hatte. Freudig begrüßten wir uns, obwohl wir beruflich nicht immer einer Meinung waren und so machen Zielkonflikt hatten ausfechten müssen.
So dauerte es nach der Begrüßung auch nur wenige Sekunden und wir waren in ein Gespräch vertieft über die gegenwärtige Lage des Unternehmens und die verschiedenen Rollen, die manche darin spielten. Mir selbst war das eher unangenehm, weil ich dachte, dass der ehemalige Kollege damit gar nichts zu tun haben wollte. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Und obwohl er in seiner aktiven Zeit alles andere als ein Duckmäuser gewesen war, zog er jetzt vom Leder, dass es nur noch so krachte. Da waren die Kräfte, die dem Unternehmen mehr schadeten als nützen sehr schnell identifiziert und ich stellte fest, dass es dem ehemaligen Kollegen einen höllischen Spaß bereitete, alles, was nicht so optimal lief, von allen Seiten genüsslich zu beleuchten.
Nach nur wenigen Sätzen war das alles auch gar keine Unterhaltung mehr, sondern ein Monolog. Schnell kam ich mir allenfalls noch vor wie ein Stichwortgeber, aber eigentlich war das auch nicht vonnöten, denn der Kollege war nahezu in narrativer Rage. Nur einmal wurde es etwas besinnlich, als er mir nämlich erzählte, dass er dem Sensenmann nur knapp und durch Zufall von der Schüppe gesprungen und das auch die Ursache für sein vorzeitiges Ausscheiden gewesen sei. Viele, so seine Geschichte, hätten ja vermutet, er sei aus Frust über bestimmte Organisationsentscheidungen gegangen, die seinen Einflussbereich betroffen hätten. Aber das sei weit gefehlt. Und wieder hub er an zu einem neuen Skandal, hinter dem er noch so manch anderes vermutete.
Wie es so ist in Unterhaltungen, in denen man sich irgendwann als Opfer fühlt, so wartete ich auch auf genau den Augenblick, in dem mein Counterpart Luft holen musste, um eine zeitliche Verpflichtung zu benennen, die es mir unmöglich machte, noch weiter zu verweilen und der Trauerarbeit meines Gegenübers weiter zuzuhören. Denn darum schien es sich zu handeln. Ich hatte einen Mann getroffen, dem irgendwann die Macht abhanden gekommen war und der schwer darunter litt. In seiner aktiven Zeit war er bekannt dafür, dass er sich relativ wenig um die Belange anderer gekümmert hatte und sich daran erfreute, seine Sichtweise anderen mit Gewalt aufdrücken zu wollen. Kooperation war ebenso wenig sein Ding wie der Wunsch, die Ziele seiner Mitspieler zu kennen und zu begreifen. Das hatte ihn auf Dauer isoliert und nicht nur sozial einsam, sondern auch weltfremd gemacht. Dann kam die kalte Hand der Veränderung und katapultierte ihn ins Abseits, was er dann nicht lange ertrug und er seinen Hut nahm.
Er hat weder das Resultat seines eigenen Verhaltens verschmerzt noch seinen eigenen Beitrag dazu kritisch gewürdigt. Das tat mit irgendwie weh, denn im Grunde genommen war er kein schlechter Mensch. Als wir uns dann verabschiedeten, rief er mir noch nach, ich solle all jene von ihm grüßen, von denen ich glaubte, sie würden sich darüber freuen. Da fasste ich wieder etwas Mut. Vielleicht war es für ihn doch noch nicht zu spät.

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