Archiv für den Monat Februar 2014

Monopolist und Drohnenkrieger

Hierzulande agierte man schon immer nach dem Prinzip von Monopolisten. Wenn irgendwo bei der Konkurrenz ein Talent gesichtet und gefördert wurde, wenn sich Spieler zu einem großen Format entwickelten, kam der Konkurrent von der Isar und kaufte ein. Udo Lattek, der wohl immer noch erfolgreichste Trainer der Bayern, hatte das unzählige Male und sehr anschaulich bestätigt. Wir kauften in erster Linie ein, um die Konkurrenz zu schwächen. Wenn Glück dabei war, verbesserten wir uns dadurch auch noch. Letztendlich reichte diese Taktik aus, um das Monopol bis auf kleinere Zwischenfälle durchgängig zu sichern.

Ein anderer Verein, der stets im Kampf mit einem Rivalen in die Arena um die nationale Vormachtstellung ging, war der CF Barcelona. Als man dort müde geworden war, auf internationalen Spielermärkten Unsummen auszugeben, besann man sich auf eine ganz besondere Art der Guerilla-Taktik. Man erfand das Tiki-Taka, eine Form des Widerstands von Zwergen gegen Vollblutathleten. Im Grunde war es nichts Neues und jeder, der einmal auf dem Bolzplatz stand, kennt es: die älteren, überlegenen Spieler lassen die Kleinen nicht an den Ball kommen bis diese keine Lust mehr haben und nach Hause gehen. So machten es die physischen Zwerge Barcelonas unter dem System Guardiola, technisch perfekt und grandios, vom Sinn her eine arrogante Sauerei oder, um die Analogie woanders zu suchen, der Fußball machte sich dort die Philosophie des Drohnenkrieges zu eigen.

Hier, in Deutschland, waren trotz der Rauschkäufe der Bayerverantwortlichen dennoch andere Zeiten angebrochen. Zweimal hintereinander holte Dortmund den Titel. In ihrer Ahnungslosigkeit erkannten die Himmelstürmer aus dem Ruhrgebiet wohl zu spät, zu was ein Monopolist, dem man sein Ende vor Augen führt, noch alles in der Lage ist. Zum einen schlug man wieder mit dem Geldsack zu und kaufte dem direkten Konkurrenten die besten Spieler weg und zum anderen verpflichtete man den Philosophen des Drohnenkrieges als Trainer. Was als List der Zwerge geplant war, bekamen jetzt auch noch Riesen als taktische Anweisung an die Hand.

Seitdem siegt der FC Bayern. Immer. Das Monopol beherrscht den Fußball wie nie zuvor. Und wie das in solchen Fällen so ist, hat sich eine gähnende Langeweile breit gemacht. Niemand, der nicht zu der sehr durchschaubaren Gefolgschaft des Monopolvereins gehört, hat noch ein Interesse daran, die Spiele des Maßes aller Dinge zu sehen. Das hat zweierlei Ursachen: Eine sportliche, denn wenn es keinen Wettkampf mehr gibt, geht es um das Sezieren eines Opfers, das man nur mit einer bestimmten psychischen Konstellation genießen kann. Und zum anderen werden diese Hinrichtungsrituale von einer Berichterstattung begleitet, gegen die die eingebetteten Journalisten im US-amerikanischen Irakkrieg noch Zentren des Widerstandes waren. Was sich der Sportjournalismus im Rahmen der Elogen an die Bayernrituale leistet, reicht an das Geheule Nürnberger Parteitage.

Da der Fußball momentan die Attraktivität verloren hat, die er aufgrund seiner Reflexion der sozialen Organisation gesellschaftlicher Prozesse verdient, bleibt vorübergehend wohl nur die Muße dazu, sich die Schachzüge des handelnden Personals genauer anzusehen und zuzuwarten, bis innere Widersprüche dafür sorgen, dass von außen auch einmal wieder angegriffen werden kann. Beobachten wir also, wie die Akteure der narzisstischen Verblendung, trunken von Weltklasse-Superlativen, wie die Parvenüs an Zigarren mit Banderolen saugend, mit zollfreien Uhren funkelnd, mit Helium verfärbten Gesichtern und befeuert von der Illusion unbegrenzter Rechtsbeugung das Monopol durch die internationalen Gewässer steuern. Die Protagonisten selbst werden sich diese Aufforderung wieder einmal als eine von Neid und Hass getriebene zu erklären suchen. Dabei ist es einfach nur kühle, sehr kühle Distanz.

Eine ökologische Kanaille

Ludwig Klages. Mensch und Erde

Die historische Bewertung der Romantik hat ihrerseits eine bewegte Geschichte. Galt sie in einer ersten Welle der Interpretation als eine rückwärts gewandte, die heile Welt im Idyll suchende Periode, wurde sie später, ganz im Sinne dialektischer Deutung, als eine Protestation gegen den radikalen, auch destruktiven Fortschrittsglauben decodifiziert. Für beides findet man sicherlich gute Argumente und es es ist zweifelsohne richtig, beide Blickrichtungen zur Würdigung der Romantik gelten zu lassen. Wenn es einen Autor gibt, der zwiespältiger und zwielichtiger das Rätsel nicht unübersichtlicher machen könnte, dann ist dies zweifelsohne Ludwig Klages.

Auf der Feier zum 100. Jahrestag der so genannten Völkerschlacht bei Leipzig hielt Ludwig Klages 1913 eine viel beachtete und unter frenetischem Applaus entgegen genommene Rede mit dem Titel Mensch und Erde. In dieser appellierte er nicht nur an die Romantik als Ort der Besinnung in einer Zeit des voran treibenden industriellen Fortschritts, sondern er entwarf auch ein Szenario einer im ökologischen Gleichgewicht stehenden Welt. Sehr blumig in der Sprache, aber unmissverständlich in der Sache entlarvte er das Paradigma des Fortschritts als eine Metapher für den destruktiven Utilitarismus, der dabei sei, die Natur systematisch zu zerstören und den Menschen immer weiter unter einer technokratischen Logik zu versklaven. Eben aufgrund dieser Thesen wird Mensch und Erde zunehmend oft als eines der ersten und wichtigsten frühen ökologischen Pamphlete wieder entdeckt.

Soweit, so gut, könnte man sagen, wäre da nicht das gesamte Wirken Ludwig Klages, dass sich liest wie eine Typologie des ununiformierten Faschismus. Bereits in der Münchner Boheme profilierte sich Klages als Antisemit und Schwulenhasser und später, als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, machte er im Berliner Wissenschaftsapparat eine kometenhafte Karriere, die, wie sollte es anders sein, auf der Woge der Arisierung des deutschen Geistes ritt und durch Intrige und Ausgrenzung brillierte.

Obwohl die Biographie an sich sich nicht immer das geschriebene Wort per se diskreditiert, haben wir es hier mit einem besonders ekelhaften und anstößigen Feld des real gelebten Lebens zu tun. Es liefert ein nicht zu vernachlässigendes Argument für die Frage, inwieweit eine Zukunftskonzeption, die Attraktivität ausstrahlen soll, nicht zumindest eine gewisse Authentizität des Autors voraussetzen sollte, um ernst genommen werden zu können. In diesem Abgleich täte man der Romantik selbst bei der ersten Version ihrer historischen Einordnung, einer tiefen Sehnsucht nach der in der Vergangenheit gelegenen Harmonie, schweres Unrecht. Die Lokalisierung des Idylls, in dem die Waage zwischen Mensch und Natur gegeben ist, kann, soll diese Vision eine Relevanz besitzen, nur in der Zukunft liegen.

Und damit wären wir auch bei der politischen Bedeutung des Textes in der heutigen Diskussion. Das Beunruhigende liegt in der Aktualität des Verhältnisses von politischer Praxis und politischer Programmatik. Klages Vision wurde praktisch ausgefüllt mit der Parteinahme für die größte bis dahin gekannte Destruktionsmaschine menschlicher Existenz wie natürlicher Potenziale. Insofern liegt der Gedanke nahe, ob nicht viele, die eine ökologische Programmatik favorisieren, nicht oft historisch zu unbelastet alles in ihr eigenes Argumentationsarsenal mit aufnehmen, was sich ihnen bietet. Das führt zu einem verhängnisvollen Selbstverständnis und zu einem hoch explosiven Gemisch in der Konsistenz des politischen Ideals. Die Päderastendebatte hat dies jüngst manifestiert. Klages wäre wieder so eine Nummer. Er selbst war allenfalls eine ökologische Kanaille. Man sollte immer ganz genau hinschauen, und zuweilen auch davon lassen.