Archiv für den Monat Februar 2014

Alte Katzen, wild wie eh und je

Guru Guru. Electric Cats

Bestimmte Bands erscheinen nie in den Charts und dennoch bilden sie bestimmte Epochen mehr als die viel beachteten. Sie erscheinen wie aus dem Nichts, um mit ihren ersten Signalen zu verstören, sie setzen neue Trends und bleiben ihrer Linie treu. Die Band Guru Guru um den Schweizer Schlagzeuger Mani Neumeier ist ein solcher Fall. Sie wurde 1968 gegründet und verstörte vom ersten Auftritt an das Publikum. Das liegt natürlich an ihrem Repertoire, das von immer neuen, andersartigen, bizarren und frivolen Inspirationen lebt. Mani Neumeier war es, der früh nach Bali reiste, um dort mit Gamelan-Orchestern zu experimentieren. Von dort stammt auch der Name, Guru-Guru ist im Javanischen, das starke Wurzeln im Sanskrit hat, der Plural von Lehrer. Die Band lebt bis heute in Finkenbach im Odenwald und die jährlichen Open-Air-Festivals dort haben wie die Band selbst seit Jahrzehnten Kult-Charakter.

Heute, nach 45 Jahren Bandexistenz, erscheint das insgesamt 30. Album mit dem Titel Electric Cats. Damit hat die Band, durch die unzählige verwegene wie exzentrische Mitglieder wie durch einen Durchlauferhitzer gegangen sind, ein Fazit gezogen, das der alten Linie treu bleibt: Experimentell und gegen den Mainstream, musikalisch exzellent, rockig, psychedelisch und immer auf dem Korridor zur Weltmusik. Dafür sorgen neben Mani Neumeier wieder einmal Roland Schaefer, der seine eigenen Akzente mit dem indischen Blasinstrument, dem Nadaswaram setzt, Hans Reffert, der Lucifer an der Gitarre, der immer wieder bizarre Schleifen durch den Electric Blues zieht, die Gäste Ax Genrich und Helmut Hattler sowie Peter Kühnstedt, der den Bass aus dem Industriezeitalter gerettet hat.

Die einzelnen Stücke sind eine Referenz an den eigenen musikalischen Reichtum. Return Of The Platypus ist eine Kurzrevue über die eigene Entwicklung des originär in der Geschichte der Band verhafteten Rock, der Titelsong, Electric Cats, verzaubert durch seine psychedelischen Eskapaden und verrät etwas über das mentale Konzept von Guru Guru, Rock `N`Roll Machine knallt auf die wurmstichigen Ohren eines jeden Altrockers, Sweet Orbit erinnert an die bewusstseinsverändernden Experimente, Afghani weist auf die Affinität zu asiatischen Erzählweisen hin, A Trip To Gurustan transportiert Jazzelemente in die narrativen Muster von Nomaden, Drumoroto2 zeigt, wie der in Japan mit soviel Respekt verehrte King Of Drums, Mani Neumeier, entlang der Hendrix-Riffs Hans Refferts trotz der überschrittenen 70 mühelos wandern kann, African Beauty vermittelt den unbekümmerten Groove aus der Wiege des Blues, Psylo wirkt wie eine böse Erinnerung an die Magic Mushrooms aus dem Odenwald und Little Figatree, der letzte Song, schafft einen Zugang zu der großartigen Infantilität dieser Musiker, ohne die nie etwas wirklich Neues entstehen könnte, und natürlich souffliert diese Botschaft das Nadaswaram.

Guru Guru haben mit ihrem 30. Album unter Beweis gestellt, dass sie nach wie vor einen Weg gehen, der sich um keine Trends schert. Da werden Traditionen dazu benutzt, um sie einmal anders zu denken und auszuprobieren, wohin das alles führen kann, wenn die Weisen nicht festgeschrieben sind. Das ist vielleicht mutiger denn je, denn als die Band 1968 entstand, wartete die ganze Welt auf kulturelle Veränderungen und arrangierte sich mit den Schocks, die das Neue verursachte. Heute ist das Neue wie der Schock verpönt, für Guru Guru ist beides nach wie vor nichts als ein notwendiger Auftakt.

Wie tief sind wir gesunken?

Die Transformation monolithischer Staatssysteme zu einer offenen Demokratie ist ein langer Prozess. Die große Schwierigkeit, die sich damit verbindet, ist die Suche nach Artikulations- und Organisationsformen einer sich bildenden Opposition. Das ist bei jedem Übergang von Diktaturen so und es ist schwierig genug, von außen zu begreifen, was vor sich geht. Noch komplizierter wird es, wenn die staatsmonopolistischen Gesellschaften Osteuropas diesen Weg beschreiten. Sie sind allesamt geprägt von einer despotischen Bürokratie, die ihrerseits erwachsen ist aus dem, was Karl August Wittfogel als die asiatische Produktionsweise bezeichnete. Ein gutes Beispiel für einen langen, wahrscheinlich letztendlich erfolgreichen, aber auch von Rückschlägen und Umwegen geprägten Prozess zu gesellschaftlicher Offenheit ist Polen. Von der Solidarnosc bis heute war es ein weiter Weg, der noch nicht zu Ende ist.

So wie es scheint, lassen sich die Ereignisse politischer Veränderungen anhand der Namen von zentralen Plätzen beschreiben. Tahrir in Kairo, Taksim in Istanbul und jetzt Maidan in Kiew. Neu ist das nicht, man denke nur an die Plaza de Mayo zu Buenos Aires, aber die Namen dieser Plätze scheinen auch zu stehen für semiotische Zeichen des politischen Umbruchs, für den man hier bei uns im Westen kaum noch Worte findet. Zu unbekannt sind die Akteure des Widerstands, zu unkonturiert das Profil der politischen Gruppierungen, die zumeist erst im Begriff sind, sich zu formieren. Da aber die Bilder, die von diesen Plätzen gesendet werden konnten und gegenwärtig vor allen nachts von Kiews Maidan gesendet werden können alles an Dramaturgie enthalten, wovon eine mediale Inszenierung nur träumen kann, werden Zeitzeugen gesucht, notfalls auch mittels Headhunting.

So entstehen Geschichten, die mit dem beschwerlichen Prozess in einer autoritären Gesellschaft relativ wenig zu tun haben und die die Betrachtenden zu dem Schluss kommen lassen, dass es sich bei der Bewegung in der Ukraine um ein eindeutiges Votum für die Staatsformen im Mainstreameuropa handelt. Als Souffleur für diese Version der zeitgenössischen Geschichtsschreibung fungiert gegenwärtig der Berufsboxer Vitali Klitschko, der ja ein gefühlter Deutscher ist, seitdem er seine professionelle Hochkonjunktur hierzulande erlebte. Er ist ein Gesicht der Opposition in der Ukraine, aber nicht das einzige und auch kein unumstrittenes. Andere Oppositionelle kommen in der hiesigen Berichterstattung jedoch kaum vor. Das ist aber auch nicht notwendig, denn es stand von vorne herein fest, dass die rebellierenden Massen der Ukraine nichts anderes wollen als in die Arme des EU-Monopolismus. Ob das so ist, muss jedoch bezweifelt werden, denn zu schwerwiegend sind die Blaupausen für eine systemische neue Abhängigkeit.

Insofern könnte man sagen, es ist alles wie immer, tauchte da nicht jetzt, gerade passend zur Eskalation des Ganzen, die Expertin Marina Weisband auf, ihrerseits Ex-Piratin, Privatgelehrte und mediale Egozentrikerin. Ihre Expertise besteht aus der Tatsache, dass in ihrem Pass als Geburtsort Kiew steht. Da können wir heilfroh sein, jetzt doch noch Insider-Informationen zu bekommen. Analog zu Claudia Roth, die bei laufender Taxi-Uhr den Istanbuler Taksim Platz besuchte, wagte sich Marina Weisband, ihrerseits wegen der hohen politischen Qualität längst zur Bild-Ikone avanciert, auch auf den Maidan und lieferte Spiegel Online die heißesten Nachrichten per se. Und sie hat auch einen Vortrag dort gehalten über Liquid Democracy, was wahrscheinlich an revolutionärer Gestaltungskraft kaum überboten werden kann. Auf dem Maidan, auf dem die Leute Dreck und trocken Brot fressen und verzweifelt nach Verbandsmaterial suchen, lacht man nachsichtig über die Scharlatane aus dem Westen. Das Publikum hier, in den heiligen Hallen der kritischen Reflexion, sieht das ganz anders.

21st century schizoid man

Längst kennen wir das Phänomen: Diese Mischung aus Exhibitionismus und Prüderie, die den öffentlichen Diskurs unsrer Tage so oft absonderlich erscheinen lässt. Man darf gar nicht erst beginnen, die jeweilige Regung, die sich Bahn bricht, auf Konsistenz zu überprüfen. Es würde wohl zur sofortigen Umnachtung des Denkapparates führen. Wie sonst ist zu erklären, dass Zeitungen, die seit eh und je mit nackten Pin-Ups auf den Frühstückstisch oder in die Werkskantinen flattern, sich zu Moralaposteln aufspielen und ein gesellschaftliches Tabu nach dem anderen aufzustellen versuchen. Angesichts ihrer sonstigen Praxis vermöchte man das Verhalten vielleicht nur mit der psychologischen Paradoxie zu erklären, dass nämlich moralische Entrüstung nichts anderes ist als eine Form der Eifersucht im Heiligenschein. Und nicht nur die klassische Presse, zumindest in ihrer Regenbogenversion, sondern auch die Lehranstalten des gesellschaftlichen Diskurses, die Talk-Shows, in denen die zweifelhaftesten Figuren längst den Lead ergriffen haben, debattieren über das Intimste, wenn es darum geht, die Neugierde zu befriedigen und ereifern sich auf das Schlimmste, wenn die Nacktheit nicht dem Begriff der Prüderie standhält.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben in diesem Spiel längst ihren Auftrag hinter sich gelassen. Der lautete nämlich, zumal in der Begründung der Finanzierung aus dem Fiskus, dass es primordiale Aufgabe der Sendeanstalten sei, die Bürgerinnen und Bürger zu informieren, zu bilden und über die Einhaltung der demokratischen Spielregeln bei den Mandatsträgern zu wachen. Letztere liefern nur noch den Vorwand, um die Bevölkerung zu kriminalisieren und zu verhetzen. Torquemada hieß er, der größte und schrecklichste Protagonist der spanischen Inquisition, der als Schutzpatron über mancher Sendung schwebt. Sein Konzept gilt auch heute noch: Finde das Opfer, schaffe einen Rahmen für das Delikt und liefere scheibchenweise Indizien, die das Publikum erschaudern lässt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei um den ganz medialen Alltag der Jetztzeit handelt.

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit diesen Wirkungszusammenhängen stellt, ist die nach der Psychensozialisation des breiten Publikums. Wie gehen die Seelen mit dieser Konkordanz von Enthüllung und Verschleierung, von Exhibitionismus und Prüderie, von Tabula rasa und Tabu eigentlich um? Bringt sie ihnen Orientierung und Gewissheit oder gar ein Instrumentarium zur eigenen Welterklärung oder macht es sie einfach nur kirre und schizoid? Letzteres ist zu vermuten, denn Handlungsableitungen aus der vermeintlich nur aus Skandalen bestehenden Zeitgeschichte scheint es nicht zu geben. Die ständig neu genährte Regung ist der Zweifel und die Angst, sich zwischen den verschiedenen Antipoden entscheiden zu müssen. Denn wer sich vergreift in seiner Wahl, der landet im Hemd des Irren auf dem Scheiterhaufen einer Moral, die eigentlich gar keine mehr ist. Denn das Tabu als Alleinstellungsmerkmal ist ebenso wenig sinnstiftend wie die pornographische Nacktheit stimulierend.

So, wie es ist, kann es nicht mehr weiter gehen. Die sittliche Verunsicherung, die Dekonstruktion der Urteilskraft und die Salonfähigkeit empörter Hysterie haben die gesellschaftliche Psyche an einen Zustand heran gebracht, der sie empfänglich macht für Demagogie und Tyrannei. Die in aller Öffentlichkeit und Breite geführten gesellschaftlichen Diskurse sind weit über das hinaus, was Stefan Zweig einmal in Bezug auf das neunzehnte Jahrhundert noch so treffend das Lotterbett der Kolportage nannte. Nein, es ist ein Labor, in dem die Massenpsychologie von Diktaturen erprobt wird. Es geht um sehr viel, und viel mehr als nur den guten Geschmack.