Archiv für den Monat Januar 2014

Stalingrad und seine Traumata

Einige unter uns haben es noch erlebt. Da wurde plötzlich auf der Straße geflüstert, wenn ein Mann vorbeikam, vielleicht mit einem mürrischen Gesicht, vielleicht gebeugt oder durch irreparable Verletzungen gekennzeichnet. Dann steckten die Erwachsenen die Köpfe zusammen und raunten sich etwas zu, das immer so klang wie Stalingrad. Diejenigen der Soldaten, die es jemals von der Schlacht um Stalingrad zurück nach Deutschland, in ihre Heimat, schafften, hatten nicht nur an einem der größten Gemetzel der neueren Militärgeschichte teilgenommen, sondern sie waren auch noch durch die Hölle der russischen Kriegsgefangenschaft gegangen, durch eisige Gulags, durch brennenden Hunger und endlose Hoffnungslosigkeit. Und für alle, die zurück geblieben waren, wurde der Name Stalingrad zum Synonym für die ganze Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges. Die wenigen, die zurückkamen, nährten diesen Superlativ noch mit Geschichten, die das Unvorstellbare zur Normalität machten.

Die Stalingradkämpfer der deutschen Wehrmacht waren mehrheitlich dort gelandet, um den Zugriff der Nazis auf das russische Öl zu sichern. Das taten sie nicht aus Überzeugung, sondern weil sie Soldaten waren und dem Kriegsrecht unterstanden. Das Ungerechte an solchen Situationen ist der Doppelcharakter solcher Missionen: Die dort landeten, um zu morden und gemordet zu werden, waren zu einem Großteil nicht dort, weil sie es so wollten. Sie wollten auch nicht das Öl. Sie waren dort, weil andere das Öl wollten, die sogar bereit waren, ihre Armee diesem Ziel zu opfern. Diejenigen, die von dieser wahnwitzigen Mission zurückkehrten, wurden dann nur noch als schlechtes Omen wahrgenommen. Ihr Heldentum, nämlich dass sie überhaupt überlebt hatten, ging unter in dem Trauma, sich insgesamt an einem Unternehmen beteiligt zu haben, das sich als eines der furchtbarsten der Geschichte herausstellen sollte. Die Helden waren keine Helden, und da das alles so schrecklich war, wurde das Heldentum schlechthin gleich mit abgeschafft.

Direkt nach dem Krieg frönten Nachbarn, die gehörig unter dem Größenwahn der Deutschen gelitten hatten, dass die Verlierer des großen Krieges die eigentlichen Gewinner seien. Sie hatten dabei das so genannte deutsche Wirtschaftswunder im Auge und die großzügige Hilfe vor allem der USA. Was weder die Nachbarn noch die USA zu jenem Zeitpunkt identifizieren konnten, war der Grad der Traumatisierung des gesamten Volkes. Vieles, was woanders normal ist, ist hier nicht mehr zu etablieren und alles, was nicht auf dem Diagnosebogen steht, ist suspekt bis zum akuten Ausbruch. Daraus lässt sich vielleicht erklären, dass die bloße Pose ausreicht, um als mutig zu gelten, dass dagegen die konsequente Verfolgung von Zielen, die als richtig und gerecht angesehen werden, schon nicht mehr ausgehalten und als Gewalt per se diskreditiert wird. Positive Identifikationsmuster sind ebenso suspekt wie pragmatisches Denken. Ersteren haftet das Aroma der ideologischen Verführung an, letzterem fehlt die moralische Legitimation.

Weit nach der Rückkehr der wenigen Stalingradkämpfer ist das immer noch so. Dem Trauma folgte die Verdrängung, der Verdrängung die Rebellion. Letztere war nie so richtig reflektiert. Wie anders könnte es sein, dass die Kinder derer, die rebelliert haben, derartig affirmativ mit dem erlittenen Trauma umgehen. Da simulieren Kerngesunde eine Krankheit und fühlen sich dabei auch noch gut und moralisch im Recht. Ein derartiges pädagogisches Fiasko muss erst einmal gelingen! Dafür ist in Stalingrad niemand gestorben! Auf keiner Seite der Front!

Paris an der Spree, Krakau an der Ruhr und der Balkan am Neckar

Wenn die Formulierung zutrifft, dann jetzt. So, als gäbe es kein Morgen mehr, wird hierzulande wieder einmal über die Einwanderung schwadroniert. Als wäre es nicht seit Jahrzehnten klar, dass unser geliebtes Germanistan im Herzen Europas mitten im Strom der Migrationszüge läge, wie es in der Vergangenheit nämlich auch schon immer war, mit mindestens zehn Nachbarn, mit einem Hin und Her von Ost nach West und von Süd nach Nord, mit ungeheuren Bereicherungen und gewaltigen Integrationsleistungen, kommen jetzt in der Diktion von irgendwelchen politischen Topfpflanzen die Zuwendungserschleicher aus Transsylvanien und der Walachei und frönen der Trunksucht und Völlerei auf unsere Kosten und schänden unsere Töchter.

Da stellt sich doch zu Recht die Frage nach Zurechnungsfähigkeit. Wie kann es sein, dass ein Zentrum der globalen Hochtechnologie, des Erfindergeistes und der Trendahnung bewohnt wird von zivilisationsfernen Horden, die die Ränder der Mittelgebirge säumen und tatsächlich mit der Routine demokratischer Wahlen vertraut sind und sich tatsächlich von derartigen Geschichten wie den gerade kursierenden beeinflussen lassen in ihrem Urteil über den Zustand und die Perspektive unseres Gemeinwesens. Da hilft es wenig, dass es immer so ist, d.h. diejenigen, die am weitesten weg wohnen von den Gebieten, wohin die Neuen kommen, sind diejenigen, die am heftigsten dagegen sind. Schön zu sehen im benachbarten Frankreich, wo es genauso funktioniert.

Die logische Folge wären die Organisatin eines neuen Massentourismus, der unter dem Slogan „Deutschland, das Treibhaus fremder Wurzeln“ fungieren könnte. Es sollten Busreisen vom bayrischen Wald ins Ruhrgebiet organisiert werden, wo allein der Besuch der Friedhöfe, auf deren Grabsteinen mehr polnische als deutsche Namen zu lesen sind, eine Ahnung davon geben könnte, wer das neue, industrialisierte Deutschland eigentlich mit aufgebaut hat. Man könnte entgegengesetzt von Meckpom mal eine Bahnfahrt in die Kurpfalz veranstalten, wo sehr schnell deutlich würde, wie groß der Einfluss der französischen, italienischen und flämischen Immigranten auf die frühe Aufklärung war. Oder man betriebe mit den vielen Radikalskeptikern aus dem Brandenburgischen einen kleinen Kurs zum Thema Quellenkunde, in dem man als einziges Studienobjekt das Telefonbuch von Berlin nähme, um darauf hinzuweisen, wie groß der hugenottische Einfluss auf das Fundament der heutigen Hauptstadt war. Oder man brächte eine Delegation von oberfränkischen Landbewohnern in den Großraum Stuttgart, um zu verdeutlichen, in welchem Konnex der Elan dieser Region mit den Menschen aus dem Balkan steht.

Derartige Aktionen initiierten zwar einen Lernprozess, der allerdings angesichts der Dringlichkeit der erforderlichen Immigration nicht gerecht würde, weil Lernen Zeit in Anspruch nimmt, die wir nicht mehr haben. Die Diskussionen um die Immigration in Deutschland ist ein Gradmesser für die Fähigkeit des hiesigen Gemeinwesens, Zukunft gestalten zu können. Die xenophobischen Aspekte der immer wiederkehrenden, immer rückwärtsgewandten und nie nach Möglichkeiten, sondern immer nach den Gefahren suchenden Auseinandersetzungen um die Frage, ob wir ein Einwanderungsland sind oder nicht, attestieren gleichzeitig das Verfallsdatum.

Wären da nicht diejenigen, die irgendwann aus Polen, Russland, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Serbien, Kroatien, Griechenland, der Türkei, Tunesien, Marokko, Chile oder Vietnam kamen, die lange genug da sind, als dass irgendwer noch auf die Idee käme, bei ihnen von Migranten zu reden. Sie alle beweisen das Gegenteil dessen, was die volksverhetzende Propaganda suggeriert. Weil keinem mehr auffällt, dass sie es sind, über die wir reden.

Plot und Massenpsychose der Dreyfus-Affäre

Robert Harris. An Officer And A Spy

Der Brite Robert Harris spielt auf vielen Wiesen. Studiert hatte er Geschichte in Cambridge, bevor er als Journalist bei verschiedenen renommierten Zeitungen seines Landes arbeitete. Als Romancier hatte er seinen Einstand mit dem Weltbestseller Fatherland, einer Fiktion über ein Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hatte und vor einer architektonischen Speer-Kulisse im Berlin der sechziger Jahre spielte. Enigma widmete sich der Dechiffrierung deutscher U-Boot-Codes im Zweiten Weltkrieg. Mit Lustrum und Imperium schrieb er zwei sehr an den historischen Fakten angelegte Romane über die Vita Ciceros. Ghost wiederum war eine Abrechnung mit seinem früheren Freund und Politiker Tony Blair. Vor zwei Jahren überraschte er mit Fear Index, einer spannenden Story über die Eigendynamik der durch Algorithmen getriebenen Börsenwelt. Sein jüngstes Buch, An Officer And A Spy ist die Geschichte der französischen Dreyfus-Affäre.

Den Handlungsrahmen bildet die öffentliche Verurteilung des Majors Alfred Dreyfus, eines Juden aus Mulhouse, der der Spionage für die verfeindeten Deutschen bezichtigt wird. Dreyfus wird im Januar 1895 als schuldig befunden, als unehrenhaft aus der französischen Armee entlassen und auf die Gefangeneninsel Devils Island im Südatlantik transportiert, wo er unter unmenschlichen Bedingungen als einziger Häftling weggesperrt wird. Erzählt wird die Geschichte aus dem Blickwinkel des Majors Georges Picquart, seinerseits Major und an der Überführung Dreyfus´ beteiligt. Picquart steigt zum Chef der Geheimen Dienste auf und erhält Einblick in das bisherige Verfahren. Dabei wird ihm bewusst, dass es sich beim Fall Dreyfus um eine Verkettung von Fälschungen und Verschwörungen handelt und die Anschuldigungen letztendlich nicht haltbar sind.

Trotz einer erstaunlich akribischen Rekonstruktion des gesamten Falles und trotz der historisch bekannten Umstände um seine Auflösung gelingt es Harris, einen Spannungsbogen aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Neben der bekannten Geschichte entwirft Harris das gesamte Szenario eines auf Antisemitismus basierenden Komplotts einer in starkem Maße degenerierten Organisation. Vom Militär bis in die Ministerien wird eine Blaupause entworfen, wie von den Defiziten der eigenen Identitätsfindung hin an einem Paradigma des Sündenbocks gearbeitet wird. Von eigenen Karriereabsichten bis hin zu bewusstem politischen Kalkül werden alle Operationen synergetisch dem Ziel untergeordnet, einen Rahmen der öffentlichen Meinung zu schaffen, der die kognitive Wahrnehmung trübt, um die antisemitischen Tiraden hinnehmen und die tatsächlichen Pläne der Akteure nicht mehr identifizieren zu können. Alle auftretenden historischen Figuren sind in ihren Handlungen und Aussagen valide, von den verschiedenen Kriegsministern, die bis zur endgültigen Rehabilitierung Dreyfus´ eine Rolle spielten, über die wechselnden Chefs der Geheimdienste bis zu den Meinungsmachern, von couragierten demokratischen Abgeordneten bis hin zu zu der Ikone Emile Zola, der mit seinem öffentlichen Aufruf J´accuse! eine Verurteilung und das Londoner Exil in Kauf nahm.

An Officer And A Spy liest sich wie das Modell dessen, was die die Amerikaner später ein Frame-up-Verfahren nennen sollten: Die Inszenierung eines Skandals, der an Instinkte der Angst appelliert, um eine Massenpsychose zu initiieren, die ablenkt vom systematischen Ausbau des Machtmissbrauchs. Dass die französische Gesellschaft zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in starkem Maße von den Irrationalismen des Antisemitismus geprägt war, hatte mit dem Trauma der militärischen Niederlage von 1870/71 im Krieg gegen Deutschland zu tun und der wahnwitzigen Annahme, dass gerade die deutschstämmigen Juden aus den verlorenen Gebieten Elsass und Lothringen als Agenten des Feindes aktiv gewesen seien. In dem ganzen Irrsinn liegt eine Antizipation dessen, was drei Jahrzehnte später in Deutschland unter anderen Vorzeichen den Antisemitismus in Deutschland befeuerte. Ein nicht nur lesenswertes Buch, sondern ein Muss für historisch Interessierte.