Archiv für den Monat Januar 2014

Barbarische Reflexe

Die Gegenaufklärung hat sich bis in die Redaktionsräume des Spiegel breit gemacht. Wie anders könnte man sich erklären, dass dort, wie übrigens auch im so drittklassigen Heute Journal des ZDF, ein Wehklagen herrscht über die Säkularisierung der ägyptischen Politik. Wie hatte man sich hierzulande in Medien und offizieller Außenpolitik unter der Vabanque-Marke Westerwelle mit den Muslimbrüdern und ihrem Präsidenten Mursi nach Mubaraks Sturz doch gefreut. Wie hatte man vereint geschwiegen, als letztere ihrem Auftrag, eine Verfassung zu erarbeiten, die für alle Ägypterinnen und Ägypter gelten sollte, nicht nachkamen und stattdessen mit ihrer Nomenklatura ohne jegliche Legitimation die strategisch wichtigen Funktionen in Staat und Gesellschaft besetzten. Wie hatte man doch geschwiegen oder beschwichtigt, als die Pogrome gegen die Kopten einsetzten und wie hatte man sich doch in die Ahnungslosigkeit geflüchtet, als die Hass-Schwadrone der Muslimbrüder begannen, in den Städten gezielte Vergewaltigungen von säkulär orientierten Frauen zu organisieren. Von Standgerichten der Scharia, die zunehmend in der Öffentlichkeit stattfanden, einmal ganz abgesehen.

Als das ägyptische Militär der Systematisierung der in religiösem Gewande daherkommenden Despotie entgegentrat, war die Empörung hierzulande groß. Es wurde von einem Putsch gesprochen, obwohl ausdrücklich daraufhin gewiesen wurde, dass die Interimsregierung den Auftrag habe, schnell eine neue Verfassung zu erarbeiten. Das für die hiesigen Akteure in Kommunikation und Politik Unerträgliche ist nun, knappe sechs Monate später, tatsächlich eingetreten. Seit gestern sind die Ägypterinnen und Ägypter dazu aufgerufen, an einem Referendum über eine neue Verfassung teilzunehmen und ihr Votum abzugeben. Und kaum hat die Interimsregierung ihren Auftrag abgearbeitet, geht die Suche nach Argumenten dagegen los und wird den doch so demokratisch gewählten Muslimbrüdern und ihrem Präsidenten Mursi erneut nachgeweint, als hätte die Geschichte nicht auch schon vorher Diktatoren durch Wahlen hochgespült.

Ägypten ist ein souveränes Land, ja, man sollte ein dankbares Alhamdulillah durchaus und lauthals deklamieren, was es nach dem Sturz der aufkommenden Despotie bewiesen hat, in dem es sich von keinem und niemandem erpressen ließ. Und natürlich werden die Ägypter selbst entscheiden, wie es mit ihrem Land weitergeht. Was uns interessieren sollte ist hingegen die Frage, wie es kommen kann, dass eine anti-demokratische Bewegung, die alles verkörpert, was in unserem eigenen Land als politisch in hohem Maße verroht und unzivilisiert gilt, derartig die Herzen der öffentlichen Meinung erobert hat. Das ist oberflächlich widersinnig, bei näherer Betrachtung zeigt es aber einen Charakter, der tief totalitär ist und alle Reden Lügen straft, die davon zeugen, die Wurzeln einer neuen Diktatur seien hier trocken gelegt.

Das, was zuweilen so flapsig und poppig in der medialen Aufbereitung daherkommt, ist ein tiefer anti-demokratischer Reflex, der derartig barbarisch ist, dass man es gar nicht glauben mag. Die Frage, die sich viele Soziologen seit dem Aufkommen des islamistischen Terrorismus stellen, wie es denn kommen kann, dass gerade die Protagonisten so mancher Todeskommandos mit ihren archaischen Ritualen in westlichen Zivilisationen und Metropolen sogar studiert hätten, diese Frage stellt sich auch für Spiegelredakteure oder Heute-Journalistinnen. Wie kann es denn bei ihrer Sozialisation und ihrem bekundeten Wertecodex sein, dass sie Partei ergreifen für Hetzer, Mörder, Vergewaltiger und Brandstifter? Da muss es sich wohl, wie bei den Terroristen selbst, um die Mobilisierung eines Todestriebes handeln, der rational nur schwer zu erklären, aber keinesfalls zu dulden ist. Wenn diese Herrschaften vom Paradies träumen, dann ist die Demokratie in Gefahr.

Schatila und Sabra

Manchmal ist die Geschichte gnadenlos. Da wird dann in Zeiten einer gewissen Saturiertheit etwas bewertet, das in seiner Ungeheuerlichkeit gar nicht mehr wirkt. So und nicht anders ist es zu erklären, dass sich heute Wissenschaftler allen Ernstes über Vernichtungszahlen streiten. Das betrifft die Schlachten des I. Weltkrieges ebenso wie die des Zweiten, das betrifft den Holocaust und natürlich auch zeitgenössische Vergehen. In einer Gegenwart, die sich zu oft über numerische Messbarkeit definiert, geht das leicht von der Hand, dokumentiert aber etwas Schreckliches: den Verlust einer Bewertungsfähigkeit jenseits des positivistischen Maßes. Hätte die Historiographie vor unserer Zeit so gedacht wie unser heutiger Zeitgeist, dann wären die Morde an Cäsar oder Lincoln gar nicht erwähnt und als historisch unbedeutend klassifiziert worden, weil sie kein zahlenmäßiges Leid gebracht hätten. Die Bewertung des einzelnen Schicksals hingegen, das Urteil über Recht und Unrecht, das gegen den Strom der Seichtheit steht, setzt etwas voraus, dass man immer noch treffend mit dem Terminus der Courage bezeichnen muss.

In diesen Tagen macht der Tod des Ariel Sharon die Runde, einstmals israelischer Ministerpräsident und vormaliger Feldherr der Armee dieses Landes. In der Würdigung aus dem deutschen Kanzleramt wird von einem großen Politiker und Patrioten gesprochen, den das Land verloren habe. Es versteht sich, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte auch eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat Israel hat. Und es versteht sich auch, dass in vielem die israelische Demokratie unserer heutigen Vorstellung von der Welt eher entspricht als die mittelalterliche Despotie in vielen Wüstenstaaten. Was allerdings nicht geht und jenseits all dessen steht, was wir aus der Geschichte gelernt haben müssten, ist die Unterschlagung einer Tat, die jener Ariel Sharon begangen hat und die Analogien zu der Menschenverachtung und dem Zynismus aufweist, die hier in Deutschland den Holocaust inszenierten.

In einer zugegeben zugespitzten Phase des libanesischen Bürgerkrieges, nach dem Mord des christlichen Führers und Präsidenten Baschir Gemayel, für den viele die militanten palästinensischen Kräfte verantwortlich gemacht haben, gestattete Ariel Sharon auf Rache gesinnten christlichen Milizen in die Stadtteile Schatila und Sabra im südlichen Beirut einzudringen, wo in erster Linie palästinensische Flüchtlinge lebten. Unter den Augen von Sharon und starken Verbänden der israelischen Armee veranstalteten die eingedrungenen Milizen vom 16. bis zum 18. September 1982 ein Pogrom an der Zivilbevölkerung. Vergewaltigung, Folter, Verstümmelung und Kindesmord sorgten dafür, dass mehrere Tausend wehrlose Menschen ihr Leben ließen. Ariel Sharon, in den Kondolenzworten der Bundesregierung der große Politiker seines Landes, hätte dieses verhindern können. Stattdessen ließ er die Täter wissen, dass sie nichts zu befürchten haben.

Anhand dieses kleinen Vorgangs aus dem Protokoll des Kanzleramtes wird ersichtlich, wie wenig ernst man zuweilen den Appell an das Lernen aus der Geschichte nehmen kann. Diejenigen, die Krokodilstränen weinen, wenn die Staatsbankette zum Widerstand des 20. Juli abgehalten werden oder sich bei Demonstrationen gegen Nazi-Parteitage todesmutig mit drei Hundertschaften Polizei im Rücken vor fünf Glatzen stellen, hätten ihren Mut beweisen können. Wie schön wäre es gewesen, dem Israel, dem man sich verpflichtet fühlt, zu schreiben, wie schlimm man es hier empfunden hätte, dass ein Politiker aus seinen Reihen den Machenschaften der Monster gefolgt sei, die fast sein Volk ausgelöscht hätten. Das wäre ein Zeichen von Solidarität und Courage gewesen, auf die wir endlich einmal stolz sein könnten.

Infantile Melodielinien und hochkomplexe Akkordfolgen

Ronnie Cuber. Boblicity

Das Bariton-Saxophon hat so seine Eigenheiten. Obwohl es zu der von dem Franzosen Adolphe Sax konzipierten Instrumentengruppe gehört, ist es das in der Familie, das sich aufgrund seiner tiefen Stimmlage und physisch schwierigeren Spielbarkeit nicht unbedingt dazu eignet, als Solist zu brillieren. Es ist kein Zufall, dass es normalerweise der Rhythmussektion zugerechnet wird, weil es, korrespondierend mit oder anstatt des Basses eher die tiefen rhythmischen Zäsuren eines Ensembles beschreibt als die Melodielinien. Weil das so ist, ist es bei der Wahl eines Saxophons das am wenigsten attraktive und wohl auch der Grund dafür, dass Baritonisten in der Regel gesuchte Leute sind. Wenn vom Bariton-Saxophon als einem solistischen Instrument gesprochen wird, dann fällt in der Regel als erstes immer der Name Gerry Mulligan. Er war es, der es hoffähig machte, weil er es so spielen konnte wie andere das Tenor oder das Alt. Gerry Mulligan entlockte dem Bariton Töne, die man ihm nicht zutraute und er gab dem Jazz mit seiner Spielweise, die vor nichts zurückschreckte, eine neue Perspektive.

Nach Mulligans Tod glaubten viele, dass es damit mit der Karriere des Baritons vorbei sei. Dass dabei vielen sehr guten, weniger bekannten Jazzern unrecht getan wurde, liegt auf der Hand. Einer der heute noch lebenden und hörenswerten Baritonisten ist der 1941 in Brooklyn/New York City geborene Ronnie Cuber, der seinerseits auf eine beredte Karriere zurückblicken kann. Er spielte in allen möglichen Formationen, bei Lee Konitz ebenso wie bei George Benson, bei Woody Herman und bei Frank Zappa und nicht zuletzt in der Charles Mingus Big Band. Nun, als etablierter Mann in den Siebzigern, hat er ein Soloalbum vorgelegt, das sich ein Maß ausgesucht hat, welches bis zum heutigen Zeitpunkt für Saxophonisten nicht zu toppen ist. Mit dem Album Boblicity hat Cuber insgesamt neun Stücke ausgewählt, die allesamt dem Bebop zuzurechnen sind und mehrheitlich sowohl auf den Altisten Charlie Parker und den Trompeter Dizzy Gillespie verweisen. Sprich, es sind die Klassiker des Bebop schlechthin. Sich mit diesen wieselflinken Solisten des innovativen Jazz auf dem Bariton-Saxophon zu messen ist nur mit großem Können und einem gehörigen Maß an Chuzpe zu erklären.

Um es gleich zu sagen: Bei keinem der Stücke hat man das Gefühl, dass da jemand etwas beweisen will und sich in irgend einer Form überhebt. Bei den Charlie Parker-Stücken Quasimodo, Cheryl und Now´s The Time rast Cuber genauso durch die Akkordwechsel wie der sich mittlerweile im Elysium befindende Urheber und bei der wundervollen Interpretation von My Little Suede Shoes zeigt er, wie gefühlvoll das Bariton eine dringliche Präsenz der Melancholie beschreiben kann. Gillespies Kompositionen, OW! und Groovin´High, treiben genauso durch die Tempi wie beim Original und auch hier gelingt es Cuber, trotz der Geschwindigkeit genau die Beschaulichkeit herzustellen, wie Dizzy dieses bei seinen legendären Auftritten vermochte. Das Stück Boblicity von Cleo Henry, dem das Album seinen Namen verdankt, klingt wie ein Referenzstück auf den Bariton getriebenen Bebop selbst und Gillespies Night In Tunisia, mit dem die Aufnahmen enden, ruft noch einmal die ganze Exotik der Bebop-Pioniere wach, die es nämlich waren, die mit ihrer Offenheit und genialen Verbindung von eingängig infantilen Melodielinien und hochkomplexen Akkordfolgen das Tor des Jazz zur Weltmusik aufstießen. Ronnie Cuber erzählt diese Geschichte auf dem Bariton. Aufregender geht es nicht!