Archiv für den Monat November 2013

Bus Number Tirteen

In zwei Stunden bist du da. Von Frankfurt. Im November. Du steigst aus dem Flugzeug und fühlst sommerliche Milde. Der Charme kleiner Flughäfen ist die Geschwindigkeit, mit der du sie verlassen kannst. Nach nicht einmal zwanzig Minuten sitzt du im Taxi und unterhältst dich mit dem Fahrer auf Englisch. Es ist die Amtssprache. Malti, dieses Konglomerat aus geläufigen Buchstaben und arabischen Idiomen verstehst du nie. Und natürlich, Taxifahrer wissen immer, wo du unterkommst jenseits der großen Hotels. Da, wo die normalen Leute wohnen. Denn Taxifahrer haben, wie überall auf der Welt hier eine Cousine oder dort einen Schwager, die alle gerne mal was vermieten. Und bereits eine Stunde nach der Landung siehst du dir ein nettes Zimmer an, mitten in der antiken Steinwüste, mit Blick auf Valletta und das Meer. Die Kulisse inspiriert, sie beruhigt und sie gibt dir das Gefühl, weit weg zu sein von den Magnetfeldern der Geschäftigkeit. Die Vermieterin gibt dir Tipps zur Infrastruktur. Das Leben kann beginnen.

In der nächsten Gasse ist die empfohlene Gastronomie. Ich starte mit einer Maltese Platter, einer ziemlich gelungenen Fusion aus mediterraner Leichtigkeit und orientalischer Intensität. Getrocknete Tomaten, mit Kardamom verfeinerte Schweinswürste, öliger Oktopussalat, getoastetes helles, mit Olivenöl getränktes Brot, Ftira genannt, das nach Knoblauch duftet, Tomatenmark, Humus, Oliven und Ziegenkäse. Nach dem Genuss übemannt dich die Gravitationskraft und es regt sich der Wunsch, das neue Domizil auf seine entspannende Wirkung zu begutachten.

Malta im November hat den Vorteil, die Maske des Sommertourismus abgelegt zu haben. Wer jetzt kommt, der hat das Recht auf Ursprünglichkeit. Morgens, beim Betreten des Busses, fragt der Fahrer auch sogleich, wie eilig es denn sei, in die Hauptstadt, nach Valletta? Auf meine konsternierte Replik hin die prompte Erklärung. Er könne, so der selbst gut genährte Mann, ganz normal die Linie fahren, dann dauere es ungefähr 45 Minuten bis zu einer Stunde, das hänge vom Verkehr ab. Eine Einschränkung, wie ich sie übrigens immer wieder erfahre. Oder ich bring dich in zwanzig Minuten hin. Auf meine Frage, wie er das denn mache, die frappierende Antwort: „Ich lade zuerst die fetten Mädels ein und lasse die dürren Gestelle zurück. Wenn der Bus voll ist, ist er voll. Dann muss ich nicht mehr halten und fahre durch.“ Ich äußere mich nicht, but he picks up the fat girls first and leaves the skinny crab behind. Und es gelingt ihm. Er will mir wohl zeigen, was er kann.

Natürlich dominieren die Briten das Bild der Inselgäste. Und überall, wo sie auftauchen, schillern die einstige imperiale Arroganz und das Elend von vierhundert Jahren Kapitalismus. Eine kuriose Mischung aus Seifenoper und Grandezza, elaborierter Sprache und Kutscherflüchen, derber Impertinenz und entwaffnender Liebenswürdigkeit. Die Malteser, nett, hilfsbereit und längst nicht so firm im Englischen, wie es die Residenz der vielen Sprachschulen vermuten lässt. Die Frauen wirken bereits wie im Orient als die Dominanten aus dem Hintergrund, die Männer spielen gern mit ihren Muskeln und Bäuchen. Der Stahlkamm der EU-Integration scheint seine Arbeit gemacht zu haben. Die nostalgischen Busse mit dem schönen englischen Design sind spurlos verschwunden. Nach der Erneuerung und dem Ausbau des Straßennetzes wurden sie ersetzt durch nagelneue Mercedes-Busse. Wie vieles andere bezahlt mit Krediten, deren Tilgung noch aussteht. Hoffentlich greift das Muster nicht, das andere mediterrane Länder bereits ereilt hat. Doch wahrscheinlich ist die Hoffnung unberechtigt.

Mein Viertel entpuppt sich als wunderbares Quartier, durchsetzt von denkwürdigen Erscheinungen. Da sind die allabendlichen maltesischen Body Builder mit tätowierten Tigern und Löwen, die in das Fitness-Studio des Hotels strömen, aus dem dann Schreie dringen, als liefe ein Hardcore Porno. Dann sind da die Besucher eines Kongresses, der etwas Esoterisches vermuten lässt, in dessen Pausen die Frauen sich die Handflächen von irgendwelchen Scharlatanen auf Brust- oder Schambein legen lassen, in Tränen ausbrechen und etwas von intensiver Energie faseln. Scheiternde Liebespaare, denen auffällt, wie ungleich ihre Lebenspläne sind. Und Randolph aus Southampton, der die Wolken am Himmel immer mit dem Wetter während der Suez-Krise vergleicht. Beruhigend hingegen die Polizisten, die sich an der Hafenmauer treffen, um zu rauchen, etwas Wein zu trinken und sich anscheinend gegenseitig ausgestellte Strafzettel verkaufen. Ältere Herrschaften, die feierlich gekleidet mittags in das Restaurant schreiten, um das Menu des Tages mit einem Achtel Roten zu verspeisen. Zwei hanseatische Tanzbären, die sich als Paar geoutet haben, das Coupons schneidet und das Dasein genießt. Etwas versnobt, aber distinguiert natürlich. Ein Schwede, der die Eifersucht seiner älteren Frau stündlich zu beschwichtigen sucht und dabei den Humor nicht verliert und dem Kellner aufträgt, sich seine Adresse zu merken, damit er ihm nach der zweiten Flasche Wein sagen könne, wohin er zu laufen habe. Dänische Pietisten, die hier untertauchen wollten, sich aber mit der katholischen Lebensweise der Malteser nicht nur nicht anfreunden können, sondern wohl auch an ihr scheitern werden. Und dann ist da noch Rita, die Straßenhändlerin, die immer rät, den Bus Number Tirteen zu nehmen und bis zur Endhaltestelle zu fahren, dann sähe man die ganze Schönheit Maltas. Natürlich sind die Tickets bei Rita erhältlich, zu einem speziellen Preis, versteht sich.

Malta im November, das ist weit weit weg. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Und obwohl es dicht, sehr dicht besiedelt ist und brodelt, merkst du erst, wie ruhig es war, wenn du wieder in Frankfurt gelandet bist.

Ein Krimi vor der Kulisse des großen Krieges

Philip Kerr. A Man Without Breath

Ernst Bloch war es, der den Begriff geprägt hat. Er sprach von den Nazis und dem Unsäglichen. Die Dimension der Barbarei und Vernichtung hatte eine Tiefe erreicht, die für viele einfach nicht mehr beschreibbar war. Für die Deutschen, die alle unter den Nazis und dem Krieg gelitten hatten, allerdings in den unterschiedlichsten Formen, wirkt das Trauma bis heute, nahezu 70 Jahre nach Kriegsende, nach. Hier herrscht immer noch Sprachlosigkeit und Betroffenheit. Vor allem bei den Formen der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Geschichte. Außer seriöser Historiographie ist fast nichts erlaubt. Andere Länder hingegen, die ebenfalls schwer unter dem Aufstand der Unmenschlichkeit in großem Maß gelitten haben, haben allerdings vor allem auch in Kunst, Film und Literatur einen unbefangeneren Zugang zu dem düsteren Sujet gefunden. Vor allem, weil Scham und Schuld wohl weniger lähmten. Aus deutscher Sicht ist daher die Frage nicht so ganz profan zu beantworten, ob das geht, einen Kriminalroman über den II. Weltkrieg und die Nazis zu schreiben.

Dass es geht, demonstriert der 1956 im schottischen Edinburgh geborene Philip Kerr seit einigen Jahren. Mit seiner Figur des unangepassten Berliner Kommissar Bernie Gunther hat er schon mehrere Kriminalromane auf den Markt gebracht, die alles andere als eine billige Kolportage darstellen, vor allem in Bezug auf den Alltag in Berlin während der Naziherrschaft, mit allen Widersprüchen, Ekelhaftigkeiten und der aus britischer Sicht redlichen Konturierung auch eines anderen Deutschlands, das auf sich gestellt und zum zwischenzeitlichen Untergang verurteilt war.

Mit seinem neuesten Roman dieser Reihe, A Man Without Breath, betrachtet Philip Kerr die Phase des II. Weltkrieges nach der Niederlage bei Stalingrad 1943 und der Entdeckung der Massengräber hingerichteter polnischer Offiziere durch die Sowjets im Wald von Katyn bei Smolensk. Bernie Gunther wird im Namen einer Kommission gegen Kriegsverbrechen, die es auch in Deutschland gab, im Auftrag von Reichspropagandaminister Goebbels eingesetzt, um eine Show vor einer internationalen Gutachterkommission abzuziehen. Ziel ist, den Ruf der UdSSR massiv bei deren Alliierten zu beschädigen und von den Massakern der Deutschen im Warschauer Ghetto abzulenken.

Vor dem Hintergrund dieser historisch grausamen Geschichte, in der Massenexekutionen während, vor und nach kriegerischen Handlungen an der Ostfront zum Standard auf allen Seiten geworden war, inszeniert Kerr eine Serie von Verbrechen, in deren Aufklärungen Kommissar Gunther quasi verwickelt wird, die mit dem großen Rahmen, dem Krieg und der Vernichtungsmaschinerie natürlich verwoben sind, deren einzelne Delikte jedoch im Vergleich zu der Übergröße der Destruktion von Leben und Zivilisation versinken. Dennoch müssen sie aufgeklärt werden und die Kriminalarbeit nimmt angesichts des Bezugsrahmens immer groteskere Züge an.

Neben einer spannenden und in keiner Weise deplazierten Handlung entsteht ein sehr präzises Bild über das Machtgefüge des NS-Apparates während des Krieges. Kerr gelingt ein sehr gutes und auf auf historische Fakten gestütztes Szenario, in dem übrigens der Widerstand, der mit soviel Pomp bis zum heutigen Tage jährlich gefeiert wird und unter dem Namen von Stauffenberg figuriert, in starkem Maße entheroisiert wird, weil sowohl Nationalismus als auch Formen des Rassismus durchaus zu den tragenden Säulen des ostelbisch-adeligen Widerstandes gehörten.

Bernie Gunther dagegen, der Cop aus Berlin-Mitte, der mit den Nazis nichts am Hut hat, aber überleben will, unterwirft sich nicht. Auf die ihm in Smolensk gestellte Frage, was er mache, antwortet er: Die Russen unterdrücken, nehmen, was nicht Deutschland gehört, Verbrechen in wahrhaftig historischen Proportionen begehen, Juden umbringen, auf industrielle Weise (eigene Übersetzung. Illusionen hat der Mann nicht!

Die Flaschenpost des Albert Camus

Nichts eignet sich besser für eine Hommage als ein runder Geburtstag. Je länger das Ableben eines Schriftstellers, Philosophen, Künstlers zurück liegt, desto größer die Spielräume, die sich einer neuen Interpretation öffnen. Zumeist sind die Klischees ja schon alle bedient. Goethes Zahnschmerzen und heimliche Lieben wurden genauso ausgeleuchtet wie Balzacs Kaffeekonsum oder Gertrude Steins homoerotische Allianzen, Picassos Ausnutzung junger Frauen genauso wie Hemingways Sauftouren. Irgend etwas lässt sich immer finden, um die Kunst oder das durchdachte und wohl gewählte Wort derer, um die es bei einem Jubiläum geht, ein wenig in die seichten Gewässer der Kolportage zu ziehen, um von der Dürftigkeit dessen abzulenken, was übrig geblieben ist als das Gelernte von dem, was diese wachen Geister uns zumeist hinterlassen haben.

Nun, ganz aktuell, zum 100. Geburtstag des so früh verstorbenen Albert Camus, werden wir wieder überhäuft von Hommagen, die sich auf die Evidenz beziehen. Ja, Camus wurde in Algerien geboren, kam aus einfachen Verhältnissen, wurde Existenzialist, brach mit Sartre und verstarb viel zu früh bei einem Autounfall. Der Roman, mit dem er groß wurde, hieß Die Pest und sein philosophisch-politisches Hauptwerk war Der Mensch in der Revolte. Letzteres führte zum Bruch mit Sartre, der nicht verstand, dass Camus die Entwicklung der Sowjetunion so kategorisch kritisierte. In der einen oder anderen Rezension taucht in diesem Zusammenhang noch der Hinweis auf, dass gerade in dieser Konsequenz in Bezug auf die rote Repression der wohl bis heute bei Camus unterschätzte Anarchismus stecke. Wenn Konsequenz bei der Ablehnung von Repression so ein Alleinstellungsmerkmal ist, sollte das verstören. Und ob das Anarchismus ist, sei dahingestellt.

Was etwas untergeht, und das ist kein Zufall, sind die nahezu kongenialen Kernsätze der beiden Denker. Hatte Sartre in seinem Hauptwerk, Das Sein und das Nichts, in elaborierter Form darauf hingewiesen, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, so hatte Camus, aufbauend auf dieser Erkenntnis, die er nie in Zweifel zog, die dennoch immer existierende Unvollkommenheit des Menschen als Grundlage für die Überlegung zu einem politischen System genommen. Denn kein Mensch, so Camus, wäre je so vollkommen, als dass er nicht den Versuchungen der absoluten Macht erläge. Gerade diese beiden Sätze jedoch bedingen einander, wollten wir uns heute mit so etwas wie einer Philosophie der Befreiung wieder beschäftigen. Aber genau das ist bei den Hommagen von der Stange wohl nicht beabsichtigt, würfe es doch ein sehr kritisches Licht auf die Intellektuellen in den Zentren der Welt in denen Sartre und Camus lebten.

Wer sich heute mit einem Text wie Der Mensch in der Revolte beschäftigt, der wird hart auf die Frage der Intellektuellen gestoßen. Welche Rolle haben sie gespielt, in den sechzig Jahren nach Camus Tod? Haben sie ihre Gesellschaften davor bewahrt, den Gedanken an die existenzielle Pflicht des Individuums völlig in den Müllcontainer zu werfen, haben sie dagegen gearbeitet, als die Welt neu aufgeteilt wurde in eine internationale Arbeitsteilung, die den Profit anonymisiert und die Würdelosigkeit derer, die sich verausgaben, internationalisiert hat? Das alles wären sehr unbequeme, weil berechtigte Fragen, derer man sich lieber verweigert in einer Welt, die in therapeutischen Ansätzen versinkt und die die Notwendigkeit einer eigenen, aktiven Rolle in der Revolte lieber reduzieren möchte auf die Geschichte von französischen Intellektuellen, die in Cafés herumsitzen und chiq über die Welt räsonieren. Letzteres ist ein Selbstbild derer, die sich anmaßen, heute über den Menschen in der Revolte zu schreiben. Camus hat nie so gelebt.