Archiv für den Monat November 2013

Loya Dschirga

Jetzt treffen sie wieder aufeinander. Die verschiedenen Welten. Die eine, die die andere nicht versteht. Und die andere, die die eine versteht, aber dennoch verständnislos den Kopf schüttelt. Dabei wäre auch bei diesem Zusammenprall der Kulturen sehr viel Raum für Verständnis, Erleuchtung und Gemeinsamkeit. Aber wir haben vor allem im letzten Jahrzehnt, seit den Vergeltungsschlägen der US-Luftwaffe gegen Rebellen im afghanischen Hochland, registrieren müssen, dass die Kommunikation mit den Repräsentanten der Stämme gar nicht funktioniert. 2002, bei der ersten von westlichen Beobachtern begleiteten Loya Dschirga, der jährlich stattfindenden Versammlung von ca. 2500 Stammesfürsten, Gemeindeältesten, Politikern und Warlords, da stammelten die westlichen Reporter regelrecht ihr Unverständnis in die bereit gestellten Mikrophone. Nichts sei organisiert, es gebe keine Tagesordnung, keine Informationsvorlagen oder Tischvorlagen und selbst die Rednerliste sei Gegenstand ständiger Verhandlung. Wie solle, so damals und alle Jahre wieder die Frage der westlichen Journalisten, denn bei einem derartigen Chaos etwas herauskommen?

Unabhängig davon, was ab heute in den nächsten Tagen der Loya Dschirga zur Verhandlung steht – es wird die Kooperation mit dem Westen nach Abzug der Militärverbände sein -, die Veranstaltung wäre prädestiniert dafür, etwas über Wesen und Befindlichkeit dieser Kulturzone der Welt zu lernen. Und um es gleich zu sagen: mit westlichen Maßstäben gemessen ist alles noch schlimmer als uns in den Nachrichten übermittelt: Die Sitzungen sind unter dem Aspekt der Sitzungs- und Konferenztechnik überhaupt nicht vorbereitet. Was aber exzellent funktioniert, das ist die Versorgung in den großen Zelten, die mit wertvollen Teppichen ausgelegt sind, in denen man auf dem Boden sitzt, Tee trinkt, dazu sich Konfekt oder Gebratenes gönnt und das eine oder andere Haschpfeifchen entzündet. Die Agenda der Loya Dschirga besteht aus nur einem: eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Beteiligten sich wohlfühlen und allmählich bereit werden, um über Dinge zu verhandeln, die ihren Sprengel betreffen. Da geht es um sehr handfeste Interessen, die alle, noch einmal: alle zur Sprache gebracht und verhandelt werden müssen. Nur dann entsteht eine Lage, in der die vielen Einzelergebnisse auf eine andere Ebene transportiert werden, die abstrakter formuliert ist und als die politische Aussage später auf einem Papier steht.

Loya Dschirga, das ist ein ungeheuer partizipativer Workshop, der erst beginnt, wenn die 2500 Teilnehmer einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben, der sie dazu befähigt, das preiszugeben, was sie bewegt. Und erst wenn das geschehen ist, beginnt der Westen, Ergebnisse zu erkennen. Seine Erkenntnis fokussiert sich auf die kondensierte politische Aussage, die vielen tausend kleinen Problemlösungen, die dieser zugrunde liegen, die sieht er nicht.

Der Faktor Zeit, der aus dieser Perspektive nicht angemessen betrachtet werden kann, wird dabei unterschätzt. Die Botschaft, die dieser Form der Verhandlungsführung zugrunde liegt, könnte respektvoller nicht sein: Egal, wie lange es dauert, es wird kein Ergebnis geben, solange wir einander nicht vertrauen und nicht alles auf den Tisch gelegt worden ist. Der Rest, die programmatische Formulierung, ist ein Abfallprodukt dieses Prozesses. Unter dieser, der Loya Dschirga und damit der Stammesfürsten Sichtweise, ist umgekehrt die westliche Verhandlungsführung ein krudes, einschränkendes Top-Down, das im Takt der Uhr ungeduldig auf den Tisch schlägt und die ganz praktischen Belange aus dem täglichen Leben bereit ist zu ignorieren. Derartig unterschiedliche Perspektiven sind nicht dazu angetan, eine Kommunikation gelingen zu lassen. Das Versagen der Loya Dschirga vorzuwerfen, klingt in diesem Kontext nahezu barbarisch.

Auch der Stutenkerl darf nicht mehr rauchen

Heute, an einem Tag, an welchem die Nebel es nicht lassen können zu wabern, zwischen den Flüssen, die sich hier den Todeskuss geben, stach mir in der Auslage einer Bäckerei ein kleines Männchen ins Auge, das ich aus meiner Kindheit noch kenne. Dort, wo ich aufwuchs, zwischen Münsterland und Ruhrgebiet, hieß zu meiner Zeit die Figur noch Stutenkerl: Ein Mann, geformt aus Hefeteig, mit einer weißen Porzellanpfeife im Mund, die Konturen des Gesichtes mit Rosinen nachgeformt. Natürlich war mir klar, dass diese Figur hier anders heißen musste. Also ging ich in die Bäckerei und fragte die Frau hinter der Theke, wie denn der vorweihnachtliche Zeitgenosse hier so hieße. Die überaus nette und mit Humor ausgestattete Dame entpuppte sich als eine Migrantin vom Balkan und antwortete, dass sie erst nachschauen müsse. Wissen Sie, so ihre hart akzentuierte Antwort, vor zwei Jahren noch war das ein Martinsmann. Dann sah sie in einer Kartei nach und fand die aktuelle Bezeichnung. Jetzt figuriert der Stutenkerl unter dem Decknamen Hefe-Nikolaus.

Es entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, an der immer mehr Besucherinnen und Besucher der Bäckerei Gefallen fanden und es dauerte nicht lange und wir hatten einen angeregten Diskurs über den Zeitgeist, die herrschende Moral und den Wahnsinn dieser Welt. Die politisch immer korrekter werdenden Bezeichnungen und Charakterisierungen von Backwaren und Süßspeisen allein könnte, so die einhellige Meinung, genug Stoff bieten als Beleg für die mentale Verkrustung der Gesellschaft. Wie gesagt, das Gespräch fand statt in Mannheims Q-Quadraten, im Volksmund Fressgass genannt, an einem ganz normalen Tag in der Woche, in einer ganz normalen Bäckerei und natürlich mit ganz normalen Leuten.

Und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Diskussion sich um die große Scheinproduktion unserer Gesellschaft drehte, das Auseinanderdriften von unmittelbarer Erfahrung und konsensualem Kodex, von Anspruch und Wirklichkeit. Gerade der Umstand, dass diese hier so zufällig zusammen gekommenen Menschen aus kulturell, national und sprachlich unterschiedlichen Kontexten kamen, führte dazu, dass die Muster von Herrschaftsideologie und wahrem gesellschaftlichen Sein sehr schnell identifiziert wurden. Und wir waren uns sehr schnell einig, dass es hülfe, wenn die medial so exponierten Welterklärer nur selbst einmal einkaufen gingen. Denn dann erhielten sie ein, wie es so schön heiß, Feedback, das ihnen das Grausen verdeutlichte, das sie erzeugen mit ihrer scheinheiligen Moral und der Eiseskälte, mit der sie Traditionen meuchelten, deren Sinnstiftung sie nicht verstehen, weil sie im Anspruch der Aufklärung das Ritual als eine die Herrschaft stabilisierende Unart begreifen, den Sinn dahinter aber nicht sehen. Stattdessen werden Terminologien in den Vordergrund gepresst, die die Illusion der Freiheit von Herrschaft schaffen, ohne das System der Herrschaft zu zerstören. Denn noch keine Bezeichnung, und sei sie noch so ehrlich und gut gemeint, hat die Macht, die das Dasein der zu Beklagenden erschwert, je gebrochen. Namen sind Schall und Rauch. Wer sich darauf beschränkt, als Broker der Begriffe unterwegs zu sein, der wird die Welt nicht ändern.

Als ich dann bezahlt hatte und noch einmal in die Auslage zu den anderen Stutenkerlen, Martinsmännern oder Hefe-Nikoläusen schaute, fiel mir noch auf, das das wichtigste Requisit, das ich aus meiner Kindheit kannte, fehlte: Die weiße Porzellanpfeife. Als ich das laut monierte lachte die nette Frau hinter der Theke zurück und rief, ja, mein Herr, selbst rauchen darf der arme Kerl nicht mehr. Ach, welch menschliche Regung, im Zuchthaus der babylonischen Begriffsverwirrung.

Revolutionäre Romantik

Lou Reed. New York

Was für ein Leben! Lou Reed, der Jude aus Brooklyn, der sich immer gegen das Etablierte gewehrt hat und dessen Vita prall ist von Affronts gegen die herrschende Moral, auch Lou Reed hatte seine Loyalitäten. Der Mann, der mit seinem Ready Made einer Band, Velvet Underground, die damaligen Produktionsschleifen und Hörgewohnheiten revolutionierte und nicht umsonst in dieser Phase mit Andy Warhol kommunizierte, hatte das Establishment, wie man es damals sagte, restlos satt. Schon in seiner frühen Jugend mit Elektroschocks gegen seine Bisexualität behandelt, behielt er das frühe, schmerzhafte Stigma zeit seines Lebens. Viele Alben zieren heute seinen ungewöhnlichen Weg, grandiose Kombinationen sind darauf zu finden, von besagtem Velvet Underground zu Walk On The Wild Side, seiner Referenz an den literarischen Underground des William Burroughs, über The Raven, einem Reflex auf Edgar Alan Poe, an dem sich Cracks wie Ornette Coleman und David Bowie beteiligten bis hin zu seinem letzten Oeuvre, bevor die Spenderleber den Dienst verweigerte, eine Kooperation mit Metallica. Und doch: Ein Album ist seine Romantik, da wird der Rebell weich, ja sentimental, auch wenn er die Weisen wie einen derben Garagenrock inszeniert.

Mit dem Album New York formte Lou Reed der einzigen Liebe, der er zeitlebens treu bleiben sollte, einen Epitaph, der auch nach seinem eigenen Tod weiter den Nerv der Stadt trifft und treffen wird. Und obwohl seine Gitarrenriffs der spröden Form des Rocks, der für ihn so charakteristisch ist treu bleiben und obwohl die Texte dieser großartigen Stücke den Dreck und den Existenzkampf dieser Metropole zum Thema haben, leuchtet durch sie hindurch etwas sehr Menschliches, das nicht frei ist von einer starken emotionalen Bindung. Ob in Romeo Had Juliette, dem Strip-Off jeglicher Romantisierung von Liebe, oder Dirty Boulevard, der Hymne auf die nie erlöschende Hoffnung, sei sie auch noch so illusionär, Lou Reed gelingt hier etwas, das einzigartig ist. Das Mitgefühl und die Solidarität für diejenigen, die sich in dem Dschungel New York ein Recht auf Selbstbestimmung erkämpfen, findet im rasenden Rock und der unverblümten Sprache eine stimmliche Wärme, die alles verkehrt.

Und als hätte er sich alles programmatisch erdacht, folgt dem emotionalen Bekenntnis für die Underdogs das Pamphlet der Revolte. Mit There Is No Time fegt Lou Reed die ganze Propaganda des Mainstreams aus dem Augiasstall der Saturiertheit, er entlarvt die schönen Worte der Verfassungen, die Rituale der Nation, die Kriege, die Bekenntnisse zu Natur- und Menschenrechten, den Eskapismus und den Triumphalismus. Aus der störrischen Romantik einer metropolitanen Lebenselite erwächst ein nahezu anarchistischer Aktionismus, der allerdings apellativen Charakter behält. There is a time for Action because the future´s in Reach. This is the time.

“Ein Akkord reicht völlig aus. Zwei sind Angeberei. Und drei sind Jazz.“ Was machen wir nur ohne Lou Reed, der mit seiner spröden Logik Dinge auf den Punkt bringen konnte wie kein anderer? In der Komplexität der Metropole New York hatte dieser Outcast und Underdog gelernt, wie man seine Energie, seine Selbstbestimmung und seine Würde behält. Das Album New York ist der Schlüsseltext zu diesem Erfolg, der einen hohen Preis erforderte. Aber scheitern tun wir alle. Auch das wusste Lou Reed wie kein anderer. Und auch das kann man in voller Schönheit hören.