Archiv für den Monat September 2013

Die Wucht einer humanitären Geste!

Die internationale Konstellation ist komplizierter denn je. Insofern entspricht sie der Gemengelage innerhalb Syriens selbst. Während dort die unter der Fahne Assads agierenden Verbände den Status Quo des eigenen Landes wie den des Nahen Ostens zu verteidigen suchen, geht es den Oppositionellen um das Gegenteil. Assad soll weg, aus Sicht der einen Fraktion zugunsten einer Demokratisierung im Sinne des verblühten arabischen Frühlings, dem Ansinnen der anderen nach im Geiste der bereits heftig strauchelnden islamistischen Politkontingente. Die Golfstaaten wiederum wollen den unsicheren Kantonisten und Aleviten Assad austauschen gegen einen verlässlichen Sunniten, um den aus ihrer Sicht auf Hegemonie lauernden Schiiten des Iran Einhalt zu gebieten. Gelänge dem Iran eine Ausweitung des Einflusses nach Syrien, dann stünde er am Mittelmeer und die Dominosteine einer islamistischen Revision des arabischen Frühlings purzelten wie die vollgefressenen Murmeltiere den Berg hinab.

 Russland, die einstige Supermacht, hat noch genügend Substanz, um sich den Vorhof nicht von allem möglichen Gesindel beziehen zu lassen. So sieht es jedenfalls der ehemalige KGB-Chef Putin. Ein Syrien, das den Status Quo garantiert ist tausendmal sicherer als eine fundamentalistische Kriegsrepublik, die womöglich in den muslimischen Gürtelstaaten zu Russland für noch mehr Unruhe sorgen würde als jetzt. Und ein weiter erstarkender Iran machte Russland nicht weniger Sorgen. Chinas Interessen sind ebenfalls an den Status Quo gebunden: Das, was die neue Supermacht an Rohstoffen aus dieser Region der Welt braucht, bekommt sie nur bei stabilen Verhältnissen. Eine Intervention der USA kann das Signal gegen den Giftgaseinsatz senden, ist aber auch in der Lage, einen  regionalen, wenn nicht gar überregionalen Krieg in Gang zu setzen. Dann rückte selbst die relative Stabilität in weite Ferne.

 Die politische und militärische Explosivität der syrischen Verhältnisse begründen die schier ausweglose Lage, in der sich die USA befinden. Zum einen haben sie immer ihren Interventionismus mit humanistischen oder demokratischen Motiven unterlegt, was Obama nun auch versucht. Zum anderen gehörte es aber auch immer zu ihrer Maxime, die Hegemonie der Supermacht Nummer Eins über die strategischen Rohstoffe zu sichern. Beides ist schlichtweg momentan nicht so einfach zu identifizieren. Zum einen verfügt Syrien nicht über Rohstoffe, kann aber bei einer Destabilisierung der Region den Effekt des Zugriffsverlustes nach sich ziehen. Zum anderen bedeutet dieses Regime auch Minderheitenschutz und Teile der Opposition auch Terrorismus. Da ist guter Rat teuer, und die Zerrissenheit innerhalb der USA dokumentiert sehr gut die Komplexität der Lage.

 Die Verbündeten der USA, zu denen die beiden ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich sowie die Hochburg des europäischen Industrialismus Deutschland gezählt werden, erweisen sich in dieser Situation weder als bereichernde Dialogpartner noch als kongeniale Waffenbrüder. In Großbritannien ist die Bevölkerung gegen einen Militärschlag, weil das Abenteuer Tony Blairs an der Seite von George Bush im Irak noch zu sehr in den Knochen steckt, während nun in Frankreich Präsident Hollande mit zur Attacke bläst, um seinen innenpolitisches Desaster mit der tiefen Emotion des Patriotismus zu übertünchen. Und Deutschland, ja Deutschland irrt mit seinen politischen Protagonisten durch das orientalische Labyrinth und pfeift das Lied vom Verhandlungstisch, von dem niemand mehr weiß, wo er steht und wer an ihm sitzen soll. Am wenigsten die Pfeiffer, die nur eines wissen, nämlich dass es ungerecht ist, sie mit in die Verantwortung zu übernehmen.

 Pepe Mujica, der Präsident Uruguays, sprach in diesen Tagen davon, dass das einzig vernünftige Bombardement Syriens momentan das mit Milchpulver und Plätzchen sei. Was die im Magnetismus der Macht befindlichen Politiker amüsieren mag, ist vielleicht die sinnvollste Strategie: Die Wucht einer humanitären Geste könnte die Menschen quälende Hermeneutik des gegenwärtigen Spieles außer Kraft setzen. Die globale Politik hat den virtuellen Raum betreten. Sie vergisst dabei die Völker dieser Welt. Das ist der verhängnisvolle Fehler.

Die lakonische Note des Undergrounds

John Fante, Ask The Dusk

John Fante, geboren 1903 in Denver, Colorado und gestorben 1983 in Woodland Hills, Los Angeles, wäre wahrscheinlich heute nicht mehr in den Buchhandlungen zu finden, gäbe es nicht einen vor allem in Deutschland gefeierten Autor des amerikanischen Undergrounds, der immer wieder auf die Bedeutung Fantes für sein eigenes Schreiben hingewiesen hätte: Charles Bukowski. Er erzählte nicht nur immer wieder, wie vor allem der Roman Ask The Dusk von Fante ihn erschüttert und inspiriert hatte, sondern er widmete ihm auch das Gedicht Tod eines Vorbilds. Die Hommage Bukowski sorgt bis heute dafür, dass viele Leserinnen und Leser seiner Empfehlung folgen und vor allem Ask the Dusk lesen.

Der Italo-Amerikaner John Fante kam aus so genannten kleinen Verhältnissen und wollte sich durch Mobilität aus den Fängen des familiären Katholizismus wie der Armut befreien. Als junger Mann setzt er sich in den Bus und fährt in die Metropole Los Angeles, um sich dort als Schriftsteller durchzusetzen. An diesem Punkt endet die erzählte Geschichte des Romans Wait Until Spring, Bandini, dem 1938 erschienenen Vorläufer von Ask The Dusk (1939). Beide Romane sind übrigens Teile der Bandini-Tetralogie, in der Fante autobiographisch über sein Leben schreibt. Ask The Dusk gilt als das gelungenste Werk, so früh Fantes Stern aufzugehen schien, so schnell sank er auch wieder.

Der Roman selbst ist allerdings lesenswert, weil er verschiedene Qualitätsmerkmale aufweist, die darauf hinweisen, dass Fante in gewisser Hinsicht als ein Pionier des amerikanischen Undergrounds und, mit einem zwinkernden Auge, auch als moderne Spätfolge des europäischen Schelmenromans durchaus betrachtet werden kann. Vor allem die Schreibweise weist in die amerikanische Moderne: kurze, knappe und präzise Sätze, immer mit einer lakonischen Schwingung, eine permanente Enttabuisierung der Konvention und die absolute Fokussierung auf das Profane. Fante kommt in seinem gesamten Roman, der im Los Angeles der Dreißiger Jahre spielt, das ein Brennpunkt sozialer und rassischer Gegensätze geworden ist, in der eine Parallelgesellschaft nur so über die andere stolpert, ohne auch nur einen expliziten Hinweis auf das politische Setting aus.

Sein Material ist das Leben des jungen Schriftstellers Arturo Bandini, der in einem Billighotel lebt und mehr oder weniger erfolgreich Erzählungen produziert, mal Geld hat und mal keines, zusammen mit dem Strandgut, das die Flut aus der Provinz in die Großstadt gespült hat, versucht er seinen Alltag zu bewältigen und verliebt sich in eine junge Frau mexikanischer Herkunft. Das Aufeinandertreffen mit dieser jungen Frau thematisiert den auch in ihm schlummernden Rassismus, dessen Opfer er als Italo-Amerikaner wiederum selbst ist, ohne dass der pädagogische Zeigefinger oder ein Erklärungsglossar notwendig wäre. Fante gelingt es, das ganze Spektrum der Westküstenmetropole mit ihren sozialen, rassischen und lebenskulturellen Widersprüchen in den einfachen menschlichen Beziehungen des Romans zum Leben zu bringen. Der Roman überzeugt durch seine Authentizität und die Fähigkeit, das Getriebene des Erzählers bis ins Syntaktische zu verarbeiten.

Ask The Dusk ist sicherlich ein Vorbild für Charles Bukowskis Ham On Rye, in dem dieser wiederum seine Jugend im Los Angeles der Vierziger Jahre in vergleichbarer literarischer Qualität beschreibt. Was an John Fante fasziniert und ihn sicherlich zu einem Pionier der lakonischen Note des Undergrounds macht, ist die Fähigkeit, den immensen Anteil der Freiheit selbst in einem verhängnisvollen Leben zu verdeutlichen.

Das scharfe Auge des Heinrich von Kleist

Bis heute gehört er zu den Modernen, obwohl er in einer anderen Zeit lebte und das auch noch viel zu kurz. Vielleicht lag es an dem Gewicht der Tradition, das in vielerlei Hinsicht auf seinen Schultern lastete, dass er sich mit 34 im Jahre 1811 das Leben nahm. Auch seine großen Werke sind vom Volumen eher klein, sowohl sein Stück  Der zerbrochene Krug als auch die Erzählung Michael Kohlhaas unangefochten nicht nur zum deutschen Literaturkanon, sondern auch zu dem der Weltliteratur zählt. Zu sehr spritzt aus diesen Texturen der Gärstoff der bevorstehenden Moderne, einerseits der über die Vergänglichkeit des Tradierten, andererseits der über die Explosivität des neuen Begriffs der Gerechtigkeit.

 Aber egal welches Werk, welches Fragment oder welche Notiz man von diesem außergewöhnlichen Autor noch heute in die Hand nimmt, allein seine Sprache ist und bleibt eine Erfrischung. Seine Syntax hat etwas Treibendes, in die Zukunft Weisendes, nicht nur die Unruhe der Bewegung Verbreitendes, sondern auch den Hunger nach Neuem. Kleist ist damit bis heute einzigartig, und er hat es geschafft, dass diesem, seinem eigenen syntaktischen System der Begriff der vorwärtsstrebenden Handlung zugeschrieben wird.

 Im Gegensatz zu den Rebellen aus Impetus hatte dieser junge Fähnrich, ein Uniformträger, auch noch die epistemologischen Qualitäten der frühen Aufklärung gleich mit im Gepäck. Vor allem in den Fragmenten und Briefen lässt sich entziffern, welche Potenziale in diesem schöpferischen Individuum schlummerten und leider nur marginal zur Blüte kommen konnten. Heinrich von Kleist, das war ein vorausschauendes Auge in die Zukunft von Aufklärung und ihrer dialektischen Verkehrung.

 In einem lapidaren Vierzeiler spricht er von einer möglichen Klassifizierung der Menschen, die bis heute attestierbar, aber gar nicht im öffentlichen Bewusstsein zuhause ist. Er teilt die Menschen ein in die Klasse derer, die der Metapher und derer, die der Formel mächtig sind. Den Menschen, die beides vermöchten, spricht er wegen ihrer geringen Anzahl des Status einer Klasse ab.

Das wie Hingeworfene ist ein ungemein mächtiger Schlüssel bei der Dechiffrierung menschlichen Handelns. Bis heute. Und auch morgen. Das Fragment handelt von dem großen kognitiven Klassenkampf der Moderne, in der die zu den Bildern und Abstraktionen neigenden, den Freiraum zubilligenden und die eigene Interpretationsleistung würdigenden Metaphoriker  den Formalisten gegenüberstehen, die der kalten Schönheit mathematischer Wahrheit ihre Existenz gewidmet haben. Es geht um Geist oder Regel.

 Angesichts unserer zeitgenössischen Diskursformen und immer hitziger werdenden Verwerfungen ist es überaus hilfreich und teilweise auch amüsant, die beiden kleistschen Typisierungen zu nehmen und das real handelnde Personal unserer Tage daraufhin zu überprüfen. Das geht nicht nur bei anekdotisch herauszugreifenden Individuen so, sondern auch bei ganzen politischen Parteien und Programmen. Es geht um die Verständigung auf einen Geist des Konsenses oder die Verabschiedung einer Regelung, der sich alle zu beugen haben, egal wie das Kontingent der Ungleichheit auch ist, das sich dahinter verbirgt.

Was Kleist in den hingeworfenen, spärlichen, aber folgenschweren Zeilen nicht thematisieren konnte und wollte, war eine Einschätzung darüber, welche Kräfte zu seiner Zeit überwogen. Wahrscheinlich waren es die Formalisten. Die haben es nämlich einfacher. Und die Metaphoriker, die können sich aufgrund ihres Abstraktionsvermögens immer sehr vieles vorstellen, nur eben fast nie das niedere Motiv der reinen Bequemlichkeit. Auch darin liegt ein gerüttelt Maß an historischer Tragik. Das wusste Kleist am besten. Gerettet hat es ihn nicht. Lesen sollten wir ihn trotzdem.