Archiv für den Monat Juli 2013

Eloquenz in vielen Genres

David Murray Infinity Quartet. Be My Monster Love

Zweifelsohne zählt der 1955 im kalifornischen Oakland geborene David Murray zu den bedeutenden Tenorsaxophonisten des amerikanischen Jazz. Biographisch absolvierte er alle Stationen, die ein Jazzmusiker nur aufweisen kann. Seine Mutter war eine angesehene Gospelsängerin, er erlernte sein Instrument bereits als Kind und zog mit zwanzig Jahren nach New York, wohin ihn Stanley Crouch lotste, der ihn als eine Art John Coltrane-Nachfolger aufbauen wollte. In der Szene setzte er sich, jung wie er war, erstaunlich schnell durch und brillierte mit Cecil Taylor und Anthony Braxton. Auf vielen Alben war er als exklusiver Tenorist gebucht und seine eigenen Aufnahmen wurden in Fachkreisen sehr beachtet. Seit 1990 lebt er, nicht unähnlich zu durchaus bekannteren amerikanischen Größen, in Paris. Seither ist er auf Jazzfestivals in Europa gern gesehener Gast. Der große Durchbruch gelang ihm nie.

Mit Be My Monster Love hat sich David Murray, zusammen mit seinem Quartett, Marc Cary (piano, organ), Nasheet Waits (drums), Jaribu Shahid (bass), wieder zu Wort gemeldet. Zusammen mit den Gästen Macy Gray, Gregory Porter und Bobby Bradford wurden insgesamt acht Stücke eingespielt, die kein eindeutiges Genre durch deklinieren und verschiedene Impressionen hinterlassen. Allen gemeinsam ist der gleichbleibend kraftvolle und expressive Ton Murrays, seine nach wie vor atemberaubende Phrasierungstechnik sowie seine Sicherheit im Genrewechsel.

Mit dem Opener French Kiss For Valerie und der strukturellen Dominanz von Marc Carys Klavier sowie der Melodie-Zitate Murrays wähnt man sich zunächst auf einer gelungenen Hommage an Horace Silver. Be My Monster Love, der Titelsong, wird, maßgeblich durch Macy Grays Gesang, zu einer coolen Barjazz-Nummer. Stressology, das dritte Stück, ist nicht nur terminologisch eine Referenz an den Bebop, sondern eine aktualisierte Fassung dessen, was dieses Genre ausmacht. Murrays knarrende, sperrigen Riffs sitzen und lassen keinen Zweifel über seine Güte zu. Army Of The Faithful, diesmal von Gregory Porter gesungen, ist eine Reminiszenz an den Gospel. Sorrow Song, das wohl stärkste Stück des Albums, ein im Stile des Modern Jazz arrangierter Blues, lässt Erinnerungen an den unvergessenen Teddy Edwards zu. About The Children, wiederum von Porter gesungen, hat den Charakter einer Ballade, The Graduate ist wiederum eine Edwards analoge Interpretation und Hope Is A Thing With Feathers eine diesmal lyrischere Ballade.

Wie deutlich wird, handelt es sich bei dem Repertoire der hier vorgestellten CD um einen Mix aus verschiedenen Genres. Auffällig dabei ist, dass die beiden Modern Jazz Blues Arrangements die mit Abstand besten Einspielungen sind, weil die Kraft Murrays dort am besten zum Ausdruck kommt. Für sich betrachtet ist jeder Titel gekonnt arrangiert und auf sehr hohem musikalischen Niveau, der Potpourri verhindert jedoch eine charakterologische Aussage. Es wird deutlich, was Murray und sein Quartett alles kann, aber es wird nicht deutlich, welche Aussage Murray treffen will. Vielleicht liegt darin ja auch das Geheimnis seiner Karriere: Obwohl und weil er alles kann, hat er sich nicht für eine konkrete Botschaft entscheiden können. Übrig bleibt künstlerisch hochkarätiger Jazz ohne spirituelle Kernaussage. Natürlich kann man auch das Brüchige dokumentieren, es ist aber etwas anderes, als es nur isoliert voneinander aufzureihen. David Murray bleibt unter seinen Möglichkeiten, und trotzdem ist es eine Freude, ihm zuzuhören.

Die praktische Kollision

Soll man Marxens Unterscheidungen noch bemühen? Die Frage beantwortet sich gleich, wenn man nach etwas Besserem sucht und passen muss. Gemeint ist die Differenzierung einer Gesellschaft in Unterbau und Überbau. Vor allem in seiner Schrift Die deutsche Ideologie hatte Marx eine weniger ökonomische und mehr soziologische Analyse der deutschen Gesellschaft vorgenommen. Und wie es ihm mit seiner von Dialektik durchtränkten Vorgehensweise eigen war, entsprang aus der historischen Analyse gleich auch noch ein Modell mit weitergehendem Geltungsanspruch.

 Demnach geschieht in dem Unterbau der Gesellschaft die Wertschöpfung unter den spezifischen historischen Bedingungen und Eigentumsverhältnissen. Dort werden Waren produziert in Fabriken, die Privateigentum sind und wiederum auf Märkten feilgeboten, auf denen die Anbieter mit ihren Produkten in Konkurrenz zueinander stehen. Im Überbau hingegen bilden sich die sozialen Verkehrsformen ab, die sich aus den Machtverhältnissen des Unterbaus ableiten, im Überbau jedoch auch eigendynamisch entwickeln können. Die spannende Frage, die Marx anhand historischer Ereignisse stellt, ist die, was passiert, wenn die Protagonisten des Überbaus in Widerspruch zu den Interessen des Unterbaus stehen? Marx nannte ein solches Moment die praktische Kollision. Und er schloss, dass sich im Falle einer solchen praktischen Kollision schnell zeigen werde, ob die im Überbau agierende Opposition den Unterbau negiert oder nur zum Schein die Stimme der Rebellion erhebt.

Das Theorem der praktischen Kollision ist hilfreich, wenn man sich gesellschaftliche Krisenzustände ansieht, eigentlich egal wo auf der Welt. Gerade in einer vom Warenüberfluss geprägten Welt neigt man in der Begutachtung kritischer Zustände dazu, die ökonomischen Interessen bestimmter Gruppen zu bagatellisieren. Die Intervention der Militärs in Ägypten zum Beispiel hatte in erster Linie ökonomische Gründe.

In einer warenproduzierenden, sprich kapitalistischen Gesellschaft, hat die ökonomische Klasse, die als die mächtige bezeichnet werden muss, in der Regel das Sagen. Die einzige Möglichkeit, dem freien Unternehmertum in seiner Machtentfaltung beizukommen, sind durch demokratische Mehrheiten zustande gekommene Gesetze und die Vergesellschaftung der ökonomischen Prozesse per se. Unter dem Vorzeichen des Sozialismus hat das 20. Jahrhundert hinreichend Beispiele dafür geliefert, wie die Politik der Ökonomie den Rang abgekauft und deren Klasse domestiziert hat. Das Resultat war der wirtschaftliche Kollaps.

 In der post-sozialistischen Ära glaubte man zunächst an den Triumph des ungezügelten Kapitalismus. Und angesichts des Erscheinungsbildes des Weltfinanzwesens schien es auch so zu sein. Was man aber bei genauem Hinsehen feststellen musste, war die Tatsache, dass die Verstaatlichung wirtschaftlichen Handelns in einem Ausmaß zugenommen hatte, das weit mehr an die historischen Vorläufer des Sozialismus als an den immer wieder an die Wand gemalten Manchester-Kapitalismus erinnerte.

 Zu den Staaten der prototypischen Verstaatlichung ökonomischer Prozesse gehört die Bundesrepublik. Das Phänomen, dass sich dahinter verbirgt, ist die Synchronisierung der Formen des sozialen Verkehrs im Überbau mit den Machtverhältnissen im Unterbau. Eine Chance auf eine Opposition im Überbau, die im Falle einer Krise zu einer praktischen Kollision führte, ist nahezu ausgeschlossen. Wir haben es mit einer Machtkonzentration des ökonomisch-politischen Komplexes zu tun, der die Expansion der Verstaatlichung aller Lebensbereiche vorantreibt. Symptom dessen ist das, was wir den Regelungswahn bezeichnen. Es geht aber um mehr, es geht um die Abschaffung der Bürgerrechte. Und diejenigen, die sich zur Wahl stellen, sollten wir doch einfach fragen, ob sie den Prozess der Verstaatlichung in seinem Fortgang unterstützen wollen oder ob sie gewillt sind, der Entmündigung ein Ende zu setzen.

Der Demagogenadel stellt sich zur Wahl

Während sich die einen im Entrüstungsmainstream aalen, bereitet der neue Demagogenadel die nächsten Coups vor. Unabhängig von den Themen, um die es geht, die meisten Protagonisten der inszenierten Empörung sind schlimme Finger. Die bevorstehenden Bundestagswahlen sind ihr Motiv, das der Wählerinnen und Wähler und der vielen Menschen, die gar nicht mehr von diesem Recht Gebrauch machen, sollte sein, den Moralistenchor doch noch einmal an ihre erstrebten Aufgaben und Ämter zu erinnern und den einen oder anderen Blick in die eigene Vergangenheit zu werfen.

Auch die Parteien, die die heutige Opposition stellen, waren zu einem großen Teil bis zur personellen Identität vor gar nicht allzu langer Zeit selbst in der Regierungsverantwortung. Das betrifft Politiker der Grünen in erster Linie, genauso wie einige der Sozialdemokratie, die dem Irrglauben aufsitzen, mit dem Doppelpack ihr dickes Fell retten zu können. Sie alle wussten um die Brisanz der Atomenergie, sie alle hatten Verantwortung für den Geheimdienst und dessen Operationen und sie alle erließen Gesetze, die staatlich garantierte Renditen für alternative Energieanlagen garantierten und deren Anteile sie zum Teil selbst kauften. Sie verantworteten Bombenangriffe auf die Belgrader Zivilbevölkerung und die Begründungen, die damals für diese kriminellen Handlungen herhalten mussten, erwiesen sich im Nachhinein als ein Ausbund an Mystifikation. Sie kämpften, wenn man sie sich anhört, schon immer für die Frauenrechte, aber an einem Tag, an dem die mutigen Frauen von Kairo mit wessen Hilfe auch immer über den fundamentalistischst möglichen Versuch, sie wieder unter die Knute zu bringen, triumphieren, faseln sie von einem Putsch.

Und es vergeht keine Diskussion, in der nicht gleich ab der Eröffnung die Eieruhr liefe, um die Zeit zu erfassen, die diese an den Ufern der Hysterie geborene Klasse dazu braucht, um mit moralischen Kategorien wie Würde, Anstand und Ehrlichkeit zu argumentieren. Sie, die im Lotterbett der Kolportage gezeugt wurden, die keine Vorstellung davon haben, was eine eigene Meinung ist und was es bedeutet, sich für sie einzusetzen und zu streiten. Ihr streng riechender Moralismus hat die Atmosphäre in dieser Gesellschaft vergiftet. Immer weniger Menschen trauen sich noch, eine vom Mainstream abweichende Haltung zu dokumentieren, denn kaum ist das getan, fällt über diese eine penetrante Meute her, die sie des Totalitarismus, der Frauenfeindschaft, der Ökologiekontamination oder als eines Feindes der Nachhaltigkeit bezichtigen. Was immer das auch sein soll, was sich hinter diesen unheimlichen Hieroglyphen verbirgt, es müssen schlimme Dinge sein, denn die Delinquenten fühlen sich sogleich im vor-höllischen Feuer.

Mit der Lebenspraxis dieser Vertreter des schlechten Geschmacks hat das in der Regel ebenso wenig zu tun wie mit dem Anforderungsprofil an ein Amt der Regierungsverantwortung. Trüge das, was diese Politikerinnen und Politiker in diesen Zeiten absondern, zu einer künftigen Regierungsmaxime bei, dann wären wir schnell im ranzigen Milieu einer Bananenrepublik zu Hause. Intellektuell sind wir das schon lange, die Frage stellt sich, ob die Kohorten, die noch zur Wahl gehen, mit einem Votum für diese historisch qualitativ dürftigste Mischpoke dem masochistischen Reflex nachgeben und der Republik einen tödlichen Stoß versetzen. Denn einer Steigerung der bestehenden Moralisierung und Hysterisierung der Politik hielte kein Gemeinwesen lange stand. Noch hier und da ein Fünkchen, und der ausgedörrte Rasen der Duldsamkeit steht in lodernden Flammen. Wie so oft, wenn sich Demagogen zu sicher fühlen, neigen sie zur schlimmsten Übertreibung meistens dann, wenn das Grollen des Roll-Backs bereits laut und deutlich zu vernehmen ist.