Archiv für den Monat April 2013

Kongenial und zeitlos

Art Blakey And The Jazz Messengers. Moanin‘

Selten gibt es Augenblicke, in denen Können, Zeitgeist und gute Laune kongenial ineinander greifen. Die Seltenheit dieser Begebenheiten machen sie so wertvoll. Als im Oktober 1958 in den berühmten Studios Rudy van Gelders in Hackensack, New Jersey, der Schlagzeuger Art Blakey mit seinen Jazz Messengers mehrere Takes aufnahm und die daraus entstandene Platte nach dem Eingangstitel Moanin´benannte, war ein solcher Augenblick dokumentiert. Mit Musikern, die allesamt zur damaligen Referenzliste des Hardbop zählten, Lee Morgan (trumpet), Benny Golson (tenor sax), Bobby Timmons (piano), Jymie Merritt (bass), widmete Art Blakey, der ehemalige Bergmann aus Pittsburgh, der Nachwelt ein Tondokument, das gute Laune garantiert.

Angefangen mit Moanin´, das gleich in zwei Versionen vorliegt, spielten die Musiker ein Thema ein, das sich zum Ohrwurm wie Evergreen eignet, ohne auf Qualität auch nur in irgend einem Punkt verzichten zu müssen. Ob Lee Morgan mit seiner flinken wie rauen Trompete, Benny Golson als Synchronimprovisator auf seinem Tenorsaxophon, Bobby Timmons mit seinen spärlichen, aber entscheidenden Akkordakzentuierungen oder natürlich Art Blakey, der das Schlagzeug durch das Stück treibt wie eine donnernde Lore Unter Tage. Moanin´ist ein Stück, das, wenn es bis heute irgendwo gespielt wird, sofort die Zuhörerschaft, egal, wo sie sich befindet, zum mitswingen treibt, der Rhythmus steckt an und lässt niemanden unbeteiligt, es wirkt wie ein Signal an das vegetative Nervensystem, das dazu auffordert, sofort und ohne Umschweife den Lebenswillen durch tonsynchrone Bewegungen zum Ausdruck zu bringen. Moanin´, komponiert von Bobby Timmons, gehört von seiner rhythmischen Suggestionskraft sicherlich zu den wichtigsten Aufnahmen der Jazzgeschichte.

Are You Real wie Along Came Betty, beides aus der Inspiration Bennie Golsons, waren schnell in den Real Books der meist gespielten Jazz Standards plaziert, ebenso aufgrund ihrer melodiösen Einprägsamkeit wie durch die gefühlvollen Phrasierungen. The Drum Thunder Suite, ebenfalls eine Komposition von Bennie Golson, zugeschnitten auf den kraftvollen wie kompromisslosen Art Blakey, deutet darauf hin, wie selbstbewusst diese Periode des Hardbop zu Werke ging. Und Blues March ist wohl das markanteste Beispiel für den biographischen Hintergrund des Bandleaders Blakey, der er geschafft hatte, aus dem Bergarbeitermilieu in die Hochsphären des amerikanischen Jazz zu entfliehen. Es wirkt fast wie ein Regiebuch für die einzelnen Biographien, wenn die gegensätzliche Linienführung zwischen Lee Morgans Trompeten- und Benny Golsons Saxophonsolo und die tatsächliche Konsequenz des Marschrhythmus durch Art Blakey zur Geltung kommt. Selbst Come Rain Or Come Shine, das letzte des Albums und ein Mercer und Arlen Stück, das dem damaligen Mainstream aus dem Repertoire gestohlen wurde, bekommt durch die Jazz Messenger eine andere Note und wirkt ganz und gar nicht durch den Hardbop geschändet, ganz im Gegenteil, eher wirkt es so, als sei es ein Stück dieses Genres schlechthin, was darauf hinweist, dass die versammelten Musiker einfach alles so umsetzen konnten, wie sie es wollten.

Immer schon kursierte Moanin´unter den besten Jazz Alben aller Zeiten. Ob bei Blue Note (dort zählt es zu den 25 besten je!) oder anderen Sondereditionen. Das wird wird wohl auch immer so bleiben. Auch wenn der Jazz noch viele Entwicklungen zeitigen wird, Moanin`ist zeitlos, weil die Augenblicke, die derartige Produktionen zulassen, so selten sind. Wer Moanin´mit auf die berühmte Insel nimmt, hat eine vortreffliche Chance, zu überleben!

Formalismus und Fingerspitzengefühl

Wäre es nicht im Herzen Europas, in einem wirtschaftlich mit der ganzen Welt verwobenen Land, wäre es nicht dort, von wo die schlimmsten politischen Verbrechen der Neuzeit ausgegangen sind, dann könnte man das ganze Spektakel als eine Provinzposse abtun. Doch das Gerangel um die Zulassung türkischer Medien zu dem am 17. April vom Oberlandesgericht München angesetzten NSU-Prozess ist an totalitär anmutendem Formalismus und mangelnder politischer Sensibilität nicht zu übertreffen.

In einem Prozess, vor dem die Opferlage bereits evident ist und auf eine zu lange Liste ermordeter türkischer Mitbürger hinweist, in einem Prozess, der in starkem Maße enthüllen wird, welche katastrophale Rolle bundesrepublikanische Organe der Exekutive gespielt haben und wie fürchterlich die Unterlassungen aus den politisch verantwortlichen Stellen bei der lückenlosen Aufklärung derartiger Gewaltverbrechen waren, drängt sich angesichts der Modalitäten um die Pressezulassungen die Vermutung auf, dass man sich schämt und infantilerweise glaubt, die Wahrheit aus den türkischen Medien heraushalten zu können.

Rechtsstaatlichkeit, die nun vom Oberlandesgericht München reklamiert wird, hat im Falle der verdeckten Ermittler und V-Leute, die anscheinend direkt an Gewalttaten beteiligt waren, bei den Aufträgen seitens des Verfassungsschutzes (notabene!) keine Rolle gespielt. In diesem Kontext auf die durchaus vorhandenen Defizite in der Türkei hinzuweisen, grenzt an den einfältigen Versuch, die eigenen Handlungen mit der Schuld anderer begründen zu wollen. Und gerade ein solches Manöver deutet darauf hin, dass die mentalen Defizite hinsichtlich des Geistes von Rechtsstaatlichkeit in der Judikative sehr ausgeprägt sind.

Mit dem formalen Verweis auf das Windhundprinzip, wonach der Zeitpunkt des Akkreditierungsantrages von Pressevertretern über Zulassung und Nichtzulassung entscheidet, wird das internationale Misstrauen geschürt. Was seit dem völligen Versagen des Nestlé-Konzerns nach dem Kindersterben in Afrika nach Trockenmilchkonsum in das Einmaleins einer jeden Firmenpolitik eingegangen ist, scheint sich bei den Richtern des OLG München noch nicht herumgesprochen zu haben: Bei Unfällen, Pannen oder Straftaten kann die Reputation nur gerettet werden, wenn man seine reklamierten Prinzipien dadurch unter Beweis stellt, dass man mit einer großen Transparenz das Debakel aufarbeitet und Maßnahmen zur Verhinderung der Wiederholung kommuniziert. Nur das schafft Vertrauen, alles andere öffnet Tür und Tor zur Spekulation.

Die Unfähigkeit, rechtsstaatlich korrektes Verhalten mit einer gewissen Flexibilität und einem Auge für das angemessene zu kombinieren, zeugt von einem systemischen Problem, das das Verhältnis der Deutschen zu staatlichem Handeln sehr gut charakterisiert. Aus welchen Motiven auch immer gesteuert, zumeist sind es Angst und Unsicherheit, sprich mangelnde Souveränität, klammert man sich an Vorschrift oder Formalie und verweist die Notwendigkeiten des zivilen und politischen Lebens aus dem Raum legitimen Handelns.

Als hätte jemand, um das Dilemma der Deutschen zu illustrieren, einen Fall gesucht, so wirken Figuren und Argumente bei der Zulassung bzw. Nicht-Zulassung türkischer Journalisten zum NSU-Prozess. Anstatt die Veranstaltung als eine Chance zu sehen, die man ergreifen muss, um die letztendliche Dominanz der Rechtsstaatlichkeit zu illustrieren und für die Vorzüge einer Demokratie zu werben, die durch Transparenz, Toleranz und Offenheit besticht, versucht man die Exzesse der Intoleranz aus dem öffentlichen Diskurs fernzuhalten. Hier könnte man Stärke beweisen, und zwar in einem aufklärerischen, freiheitlichen Sinn. Stattdessen kleinkarierter Formalismus, beamtenmäßige Betulichkeit und kommunikative Unbeholfenheit. Wieder einmal sind Akten und Apparate wichtiger als Menschen und ihre Bedürfnisse. Wer aus der Geschichte lernt, ist selber schuld!

Preußens Renaissance

Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland sonnt sich in gesichertem statistischem Material. Alle erhobenen Daten sprechen für das Land im Zentrum Europas, von der Arbeitslosenquote bis zur Geldwertstabilität, vom Bruttosozialprodukt bis zu den Steuereinnahmen: Des Michels Hütte ist das Paradies Europas. Kanzlerin wie Finanzminister strahlen um die Wette, wenn es darum geht zum Ausdruck zu bringen, wie groß die wirtschaftlichen Erfolge sind. Und zynisch sind sie sogar zusammen mit der Opposition, wenn es gilt, die anderen Politikstile, Geschäftsmodelle und Volkswirtschaften Europas zu diskreditieren. Während der Gegenkandidat gewählte Volksvertreter Italiens gleich im Plural als Clowns bezeichnet, zieht der Finanzminister den Vergleich mit der Schule: Da sei es auch immer so gewesen, dass die Schlechteren neidisch auf die Besten waren.

Wie vieles dazu kam, wie es ist, dazu bedarf es keiner langer Erklärungen: Von Produktivität, Infrastruktur, Workforce und Geschäftsmodell sehr unterschiedliche Länder wanderten in eine Währungsunion, um den Europagedanken zu schützen vor der befürchteten deutschen Hegemonie. Das alles hing vor allem mit der deutschen Einheit zusammen, und viele Nationen Europas stimmten dem Wahnsinnsprojekt Euro zu, um den Deutschen nicht die Einheit zu verhageln.

Doch dann exportierten die Deutschen mittels ihrer Banken erst einmal Geld in großen Mengen an die Peripherie, wo sie es als Billigkredite an Empfänger pressten, die gar keine Sicherheiten anzubieten hatten. Die, einmal das unverhoffte Geld in der Hand, kauften vor allem Güter aus der Deutschland AG, vor allem Infrastruktur und Rüstung. Als es daran ging, die Kredite zurückzuzahlen, gingen diese Länder in die Knie und wurden gestützt durch so genannte Hilfsfonds, die mit hiesigen Steuergeldern den Banken ihre Kredite zurückbrachten. Den Völkern Südeuropas hingegen droht die Schuldknechtschaft. Letztere haben das Spiel durchschaut und sie bereiten – zunehmend kämpferisch – den Kampf für eine nach Verursacherprinzipien definierte Gerechtigkeit oder ihren Abschied aus dem europäischen Bündnis vor. Das zunehmend preußisch-zentralistische Berlin mit seinen Hegemonialgedanken schert sich um diese Tendenzen wenig.

Was bei der Ausplünderung ganzer Regionen Europas auffällt, ist die wachsende Bereitschaft zum Kampf gegen die Dominanz des deutschen Finanzkapitals und das Ausbleiben eines wie auch immer gearteten Widerstands gegen die zunehmend vollzogene Enteignung von Volksvermögen im Zentrum selbst. Betrachtet man die Vorboten des Wahlkampfes 2013, dann kann es einem so vorkommen, als sei alles bestens geregelt. Das einzige Thema, das die Gemüter erhitzt ist das der gerechten Verteilung. Distributionsdebatten jedoch haben nie die Zukunft von Gesellschaften definiert, sondern sie waren die Scheidepunkte zu ihrem Niedergang.

So, als profitierte die deutsche Entität en gros von den Plünderungszügen durch Europa, verhält es sich dann auch mit dem Widerstand. Anstatt die Ursachen für exterritoriale wie heimische Armut zu benennen und politisch zu bekämpfen, gelingt es der ökonomischen Kriegspropaganda, die Armen des eigenen Landes auf größtmögliche Beute bei den europäischen Zügen hoffen zu lassen, um dann über gesättigte Sozialhaushalte den Müßiggang der Entrechteten im eigenen Land mitfinanzieren zu können. Das ist nicht nur geschmacklos und dekadent, sondern ein ernst zu nehmendes Zeichen in zweierlei Hinsicht: Diejenigen, die sich seitens der Verlierer auf ein derartiges Spiel einlassen, werden mit den jetzt Herrschenden untergehen und letztere haben bereits heute jegliches Gefühl dafür verloren, was sie mit ihrem rigorosen wirtschaftlichen Vorgehen in Europa an mühsam entstandenen Gemeinsamkeiten bereits wieder zerstört haben. Wohin man sieht, von Aufklärung keine Spur. Der negative, nur durch die Macht definierte preußische Geist ist zurück.