Archiv für den Monat April 2013

Eine Nacht des melancholischen Jazz

Ron Carter. San Sebastian

Den 1937 in Michigan geborenen Ron Carter vorstellen zu wollen, heißt eine Enzyklopädie des modernen Jazz schreiben zu müssen. Das Ausnahmebassist wirkte auf mehr als 2500 Alben mit und kann als der meist gebuchteste Musiker seines Genres genannt werden. Den Durchbruch schaffte er bereits 1960 mit Gil Evans Album Out Of The Cool. Danach rissen sich die Koryphäen des Jazz nach ihm. Er spielte unter anderem mit Miles Davis, Joe Henderson, Antonio Carlos Jobim, Stan Getz, Coleman Hawkins, Horace Silver und Kenny Burrell. Er erreichte diese Wirkungsdimension mit seinem feinfühligen, immer auf Beruhigung zielenden, der Innovation seiner Mitspieler Stetigkeit vermittelnden Spiels. Im Sommer 2012 gab Ron Carter mit seinem Golden Striker Trio zusammen mit Mulgrew Miller am Piano und Russell Malone an der Gitarre im baskischen San Sebastian auf der Plaza de la Trinidad ein Konzert vor mehr als 2000 Menschen und hauchte der Hafenstadt den Geist der Ewigkeit ein.

Aus dem Konzert entstand eine CD mit insgesamt 5 Stücken, eine DVD mit sechs Aufnahmen und ein Free Audio Sampler mit insgesamt 20 Tracks. Auf der CD bestechen alle sechs Stücke, angefangen mit Candle Light, bei dem sowohl Millers Akkordsetzungen, Malones Melodieläufe als auch Carters feinfühlige Einbettungen überzeugen. My Funny Valentine gehört sicherlich zu den beeindruckendsten Interpretationen dieses vieltausendmal gespielten Standards. Miller beginnt das Stück wie eine Übung, eher zögerlich intoniert er die Melodie, bevor Carter ihr die Lebensessenz zuführt. Es ist eher ein Duett zwischen Improvisationskunst und Sinngebung, bei der die melancholische Botschaft in einer Weise zur Geltung kommt, dass der Atem stockt. Saudade, eine Carter-Komposition, deutet an, wie sehr der nordamerikanische Jazz den Wurzeln des portugiesischen Fado nahe kommen kann, wie Stan Getz es immer wieder beweisen konnte. Folgerichtig folgt diesem Titel die Luis Bonfa-Komposition Samba de Orpheu. Und als wollten die Golden Strikers zeigen, wie interdependent die Welt der Musik doch ist, legt Ron Carter mit seinem rhythmischen Präludium einen Groove vor, der nur in der Moderne Sinn macht, während in diesem Fall Russell Malone die Gitarre klassisch und steif dagegen setzt. The Golden Striker beschließt die Aufnahmen der CD und wirkt wie der Schluß einer amerikanischen Show, was die Veranstaltung wieder in das Maß der Leichtfüßigkeit führt.

Die DVD vermittelt sehr gut die Atmosphäre auf der nächtlichen Plaza de la Trinidad und dokumentiert noch einmal optisch mit welcher Präzision und Intuition die drei Meister auftreten. Dass sie ausgerechnet dieses Programm wählten vermittelt in puncto Intuition gleich noch mehr, denn es scheint genau das gewesen zu sein, nach dem die Seele der Stadt San Sebastian dürstete, die in ihrer jüngeren Geschichte ein nicht mehr zu ertragendes Ausmaß an Gewalt erleben musste.

Der Free Audio Sampler ist eine etwas eigenwillige, aber dennoch interessante Liste aus Jazzaufnahmen des 20. Jahrhunderts, hat aber mit dem Konzert und den drei Protagonisten nichts zu tun.

Insgesamt handelt es sich um eine seltene multi-mediale Präsentation. Bis auf den Audio-Sampler handelt es sich um ein attraktives Dokument hochkarätigen Jazz, der in der Lage ist, eine Atmosphäre zu kreieren, die jenseits des Spektakulären durch Interpretation, Präzision und Empathie das einzufangen in der Lage ist, was musikalisch Bestand haben wird.

Die Teleologie der Individuation

Müßig und alt sind die Diskussionen, die sich um die deterministische Variante des wahren Daseins mühen. Der Verweis auf die Rahmenbedingungen der Existenz zu ihrer ausschließlichen Erklärung entschuldigen das Subjekt, für das eigene Dasein verantwortlich zu sein. Sie formen das Subjekt zum Objekt um. Die exklusive Fokussierung auf das Individuum neigt dazu, die Bedingungen, unter denen menschliches Handeln wirkt, zu bagatellisieren. Die Anwendung dieses Deutungsmusters führt in der Regel zu einer zynischen Atmosphäre, die der Suche nach Erklärung nicht gerecht wird.

Bei kritischer Betrachtung der tatsächlichen Individuation menschlicher Existenz in Post-Moderne und Kommunikationszeitalter fällt auf, dass eine Gegenbewegung gegen den aufklärerischen Gedanken, der die Verantwortung des Individuums in einem virulenten Gemeinwesen in den Mittelpunkt stellt, kompromittierende Akzente gesetzt hat. Die Frage nach der individuellen Verantwortung spielt keine relevante Rolle mehr, zumindest nicht in Stadien des Selbstreflexion des Individuums.

Fragestellungen, die sich mit diesem für das Gemeinwesen wie für das Individuum gefährlichen Missstand beschäftigen, können kaum noch anders als unter Deckung erörtert werden. Die Thematisierung in einer omnipräsenten Öffentlichkeit führt zu Ausgrenzung und Verdächtigung nach den erprobten Mechanismen der politischen Marginalisierung essentieller Kritik. Die kritische Überprüfung des eigenen Ichs wird zu einer systemischen Bedrohung der entmündigten Gemeinschaft.

Die beabsichtigte Wirkung einer Individuation in Gemeinschaft kann wie folgt beschrieben werden: Das Individuum will dem Ziel näher kommen, den unabdingbaren Maximen des Lebens in Gemeinschaft im eigenen Wirken zu entsprechen. Es muss danach trachten, Gesten der Demut und der partiären Passivität zu internalisieren. Das Zuhören darf nicht als Qual empfunden werden, der Respekt gegenüber dem Gegenüber muss als Axiom begriffen werden und das Voraussetzen einer gemeinsamen Intentionalität darf nicht dem Zweifel unterliegen.

Indem sich Gemeinschaften etablieren, die unabhängig von den gesellschaftlichen Gravitationskräften existieren, bieten sie dem Individuum die Möglichkeit, die Maxime „Du musst dein Leben ändern“ zu erproben. Sie ermöglichen einen Diskurs mit hoher Fehlertoleranz, eine der Lebenslinien lernender Organisationen, und die damit verbundene Perspektive neuer Horizonte. Das Individuum kann sich erproben im Respekt von heterogenen Auffassungen, in dem es lernt, die redlichen Motive anderer Meinungen zu beobachten, ohne auf die eigene empfundene Mission zu verzichten.

Das erfordert Disziplin im Sinne von Selbstkontrolle, die Domestizierung von Affekten und die Formung der Tugend der Geduld. Der Diskurs als Modell der eigenen Verfeinerung und Verbesserung transferiert die Einsicht, dass eine vitale Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos existiert, die sich als interdependent entlarvt. Nur wenn das Individuum begreift, dass die Funktions- und Sinnzusammenhänge der komplexen Existenz Analogien zu den eigenen Mustern im individuellen Dasein aufweisen, wird es ihm gelingen, die Arbeit an sich anzugehen.

In der Phase, in der das Erlernen zentral ist, muss das Weitergeben noch warten. Es geht darum, die Rauheit der eigenen Oberfläche zu erfühlen, die Sensibiliät für das bei anderen Anstößige zu entwickeln und damit zu beginnen, an den Irritationen des eigenen Ichs zu arbeiten, ohne das Charakteristische, welches zur Aufnahme in den Kreis der exklusiven Gemeinschaft geführt hat, preiszugeben. Das an sich arbeiten, um im Diskurs mit Gleichgesinnten gedeihlich zu bestehen, ist die Voraussetzung für die Entwicklung der Gemeinschaft. Es aktiviert die archaische Frage, wie der Prozess des Menschen als sozialem Wesen zu gestalten ist. Das Wort geht der Tat voraus, beurteilt wird die menschliche Existenz nach ihren Taten. Die Existenz selbst ist etwas zu Leistendes.

Rasender Stillstand

Wenn man den Slogans unseres Zeitgeistes Glauben schenken sollte, dann müsste eine der Überschriften, die unsere gegenwärtige Epoche charakterisieren sollten, auf jeden Fall das Wort Beschleunigung beinhalten. Das mit den Nachbetrachtungen bringt letztendlich nichts im Hinblick auf das Hier und Jetzt, sondern nur im Vergleich mit dem Vergangenen. All die post-modernen und post-heroischen Adjektive dienen der historischen Betrachtung. Heute, wenn wir vom Tempo sprechen, das alle Geschäftsprozesse ereilt hat, dann meinen wir natürlich nicht nur den Augenblick, sondern eine völlig neue Epoche, die auch noch vor uns liegt.

Sehen wir jedoch genauer hin, dann kommen wir nicht selten zu dem Schluss, dass sich hinter all dem Beschleunigungstamtam doch etwas anderes verbirgt. Ein zuverlässiges Indiz ist die tatsächliche und unbestechliche Beobachtung der Geschäftsprozesse, die das Leben bestimmen. Wie lange dauert es, um ein Brot zu kaufen, wie viel Zeit verbringe ich in einem Supermarkt, um einzukaufen. Wie lange dauert es beim Frisör, beim Tanken, beim Buchhändler, beim Erwerb einer Eintrittskarte am Schalter oder die Reparatur meines Fahrrads. Nicht, dass wir uns beschweren müssten über zu viel Zeit am falschen Ort, wenn es um die beschriebenen Geschäftsprozesse oder Dienstleistungen geht, aber beschleunigt, beschleunigt im Sinne eine in Nanosekunden zählenden hinterlegten Technologie sind sie nicht. Eher so wie früher, als es die elektronische Übermantelung des Lebens noch nicht gab.

Ja, so könnten die Vertreter der neuen Epochenbeschreibung sagen, die neue Technologie und ihre vereinigten Steuerungssysteme sind ja auch nicht beim Metzger oder Frisör, sondern in der der geistigen Arbeitswelt zu verorten, in den Büros, in denen neue Dienstleistungen erdacht und organisiert werden und in den Industriebetrieben, in denen die tatsächliche Wertschöpfung stattfindet. Letzteres stimmt sogar, aber leider nur exklusiv. Lediglich in der Industrieproduktion haben hochtechnische Verfahren zu einer immensen Zeitbeschleunigung beigetragen. In den anderen Branchen allerdings führte ihre Anwendung fast ausschließlich zu einer neuen Innovationsdichte, aber nicht zu einer Beschleunigung ihrer Anwendung.

Und in Verwaltung und Administration haben die vor allem aus den Compliance-Türmen derivierten Leitsysteme zu einer Ablösung der alten und Konstituierung einer neuen Bürokratie geführt, die viele derer, die sie bedienen müssen, mittlerweile in Angst und Schrecken versetzt. Nie war die Überwachung der einzelnen Arbeitsschritte perfekter und nie die Entmündigung der handelnden Subjekte und ihre Umwandlung in folgsame Objekte ausgefeilter.

Ausgehend von den administrativen Systemen als größtem Trümmerfeld der ausgelassenen Herrschaft von Standardsoftware muss das Gefühl kommen, das zunehmend die Gesellschaft generell ergreift und nicht ganz richtig zu einer Kurskorrektur geführt hat und noch führt. Zwar geben die Maschinensysteme einen immer engeren Zeittakt für die Befolgung und Erfüllung der einzelnen Arbeitsschritte vor, aber die akkumulierten Ergebnisse harren immer mehr der qualitativen Entscheidung. In dem die handelnden Subjekte immer mehr durch die Anwendung dieser Programme in folgende Objekte verwandelt werden, schwindet die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu fällen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das, was da zunehmend unter Stress geschieht, ist aber schon lange keine Beschleunigung mehr, obwohl das wachsende Herzklopfen so etwas suggeriert. Ganz im Gegenteil: Die Geschäftsprozesse, von denen wir in den administrativen Apparaten reden, werden zwischenzeitlich beschleunigt, um zum Zeitpunkt ihrer möglichen Fertigstellung in den Zustand der Erstarrung zu fallen: Dem des rasenden Stillstandes!