Rasender Stillstand

Wenn man den Slogans unseres Zeitgeistes Glauben schenken sollte, dann müsste eine der Überschriften, die unsere gegenwärtige Epoche charakterisieren sollten, auf jeden Fall das Wort Beschleunigung beinhalten. Das mit den Nachbetrachtungen bringt letztendlich nichts im Hinblick auf das Hier und Jetzt, sondern nur im Vergleich mit dem Vergangenen. All die post-modernen und post-heroischen Adjektive dienen der historischen Betrachtung. Heute, wenn wir vom Tempo sprechen, das alle Geschäftsprozesse ereilt hat, dann meinen wir natürlich nicht nur den Augenblick, sondern eine völlig neue Epoche, die auch noch vor uns liegt.

Sehen wir jedoch genauer hin, dann kommen wir nicht selten zu dem Schluss, dass sich hinter all dem Beschleunigungstamtam doch etwas anderes verbirgt. Ein zuverlässiges Indiz ist die tatsächliche und unbestechliche Beobachtung der Geschäftsprozesse, die das Leben bestimmen. Wie lange dauert es, um ein Brot zu kaufen, wie viel Zeit verbringe ich in einem Supermarkt, um einzukaufen. Wie lange dauert es beim Frisör, beim Tanken, beim Buchhändler, beim Erwerb einer Eintrittskarte am Schalter oder die Reparatur meines Fahrrads. Nicht, dass wir uns beschweren müssten über zu viel Zeit am falschen Ort, wenn es um die beschriebenen Geschäftsprozesse oder Dienstleistungen geht, aber beschleunigt, beschleunigt im Sinne eine in Nanosekunden zählenden hinterlegten Technologie sind sie nicht. Eher so wie früher, als es die elektronische Übermantelung des Lebens noch nicht gab.

Ja, so könnten die Vertreter der neuen Epochenbeschreibung sagen, die neue Technologie und ihre vereinigten Steuerungssysteme sind ja auch nicht beim Metzger oder Frisör, sondern in der der geistigen Arbeitswelt zu verorten, in den Büros, in denen neue Dienstleistungen erdacht und organisiert werden und in den Industriebetrieben, in denen die tatsächliche Wertschöpfung stattfindet. Letzteres stimmt sogar, aber leider nur exklusiv. Lediglich in der Industrieproduktion haben hochtechnische Verfahren zu einer immensen Zeitbeschleunigung beigetragen. In den anderen Branchen allerdings führte ihre Anwendung fast ausschließlich zu einer neuen Innovationsdichte, aber nicht zu einer Beschleunigung ihrer Anwendung.

Und in Verwaltung und Administration haben die vor allem aus den Compliance-Türmen derivierten Leitsysteme zu einer Ablösung der alten und Konstituierung einer neuen Bürokratie geführt, die viele derer, die sie bedienen müssen, mittlerweile in Angst und Schrecken versetzt. Nie war die Überwachung der einzelnen Arbeitsschritte perfekter und nie die Entmündigung der handelnden Subjekte und ihre Umwandlung in folgsame Objekte ausgefeilter.

Ausgehend von den administrativen Systemen als größtem Trümmerfeld der ausgelassenen Herrschaft von Standardsoftware muss das Gefühl kommen, das zunehmend die Gesellschaft generell ergreift und nicht ganz richtig zu einer Kurskorrektur geführt hat und noch führt. Zwar geben die Maschinensysteme einen immer engeren Zeittakt für die Befolgung und Erfüllung der einzelnen Arbeitsschritte vor, aber die akkumulierten Ergebnisse harren immer mehr der qualitativen Entscheidung. In dem die handelnden Subjekte immer mehr durch die Anwendung dieser Programme in folgende Objekte verwandelt werden, schwindet die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu fällen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das, was da zunehmend unter Stress geschieht, ist aber schon lange keine Beschleunigung mehr, obwohl das wachsende Herzklopfen so etwas suggeriert. Ganz im Gegenteil: Die Geschäftsprozesse, von denen wir in den administrativen Apparaten reden, werden zwischenzeitlich beschleunigt, um zum Zeitpunkt ihrer möglichen Fertigstellung in den Zustand der Erstarrung zu fallen: Dem des rasenden Stillstandes!