Archiv für den Monat Februar 2013

Alte Weisen, neue Ideen

Allison Burnside Express

L.R. Burnside gehörte schon zu Lebzeiten zu den versteckten Ikonen des Genres. Seine raue Stimme galt vielen, nicht zuletzt John Lee Hooker als Vorbild für die richtige Form der Lyrik des Electric Blues. Und Luther Allison, der dem Blues starke Einflüsse des Rock injizierte, machte nie einen Hehl aus seiner starken politischen Orientierung. Wie kaum ein anderer des Genres galt er als Linker und Bürgerrechtler und seine Gitarre war auf vielen Demonstrationen und Happenings in den USA wie in Europa zu hören.

Der Enkel des einen, nämlich Cedric Burnside, und der Sohn des anderen, Bernard Allison, sind im zeitgenössischen Blues längst keine unbeschriebenen Blätter mehr. Ganz im Gegenteil: Beide haben bereits eine gediegene eigene Karriere hinter sich und beiden ist gemein, dass sie in ihren eigenen Kompositionen stark mit Funk- und Soul-Elementen arbeiten. Nun, bei ihrem vorliegenden Gemeinschaftsprojekt mit dem treffenden Titel Allison Burnside Express wird deutlich, dass beide Musiker weder nur die Erinnerung an die Vorfahren beleben wollten noch darauf aus sind, für ihren gegenwärtigen Entwicklungsstand zu werben.

Allison Burnside Express umfasst insgesamt 11 eingespielte Aufnahmen, die ihrerseits sehr unterschiedliche Zugänge zum zeitgenössischen Electric Blues schaffen. Mit dem Opener, der nicht umsonst Backtrack genannt wird, fühlt man sich an die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts erinnert, Do You Know What I Think?, das folgt, ist archetypischer Blues, spärlich instrumentiert, aber interpretiert mit dem zeitgenössischen Temperament. Why Did I Do It als drittes Stück, das wohl dynamischste des ganzen Albums, ist eine Referenz an den Electric Blues und seine Vitalität in unserer Tagen schlechthin. Southside Drive wiederum ist eine seltsame Fusion von trauriger Delta-Lyrik und urbanem Drive. Fire It Up wiederum könnte einem aktuellen Album von Burnside und Allison entspringen, Minnissippi Blues, akkustisch, zeigt, dass die beiden sehr wohl wissen, welcher Tradition sie entstammen.

Besonders zu erwähnen sind vor allem noch die drei eingespielten Klassiker mit Nutbush City Limits, Hidden Charms und Going Down. Nutbush City Limits wird von den beiden, im Gegensatz zu Tina Turner, die einfach zu sehr von ihrem Heimatdorf traumatisiert war, gesanglich cool erzählt und rhythmisch so unterfüttert, dass der Sinn der Ausbruch aus der ländlichen Enge sein muss. Da merkt man, dass die beiden Interpreten diese Form der Monotonie nie kennenlernen mussten. Und gerade diese Distanziertheit ermöglicht ihnen eine sehr interessante Interpretation. Willie Dixons Hidden Charms holen die beiden aus der Exilmetropole Chicago zurück tief ins Delta. Aus dem Stück einen Zydeco, inklusive der Akkordeon-Untermalung zu machen, ist schlichtweg genial. Und Don Nix´Going Down als Abschluss des Albums als Funk zu inszenieren, ist eine ebenso inspirierende wie eingängliche Idee.

Insgesamt ist der Allison Burnside Express eines der besseren Alben des zeitgenössichen Blues. Bernard Allison wie Cedric Burnside sind als Musiker längst etabliert, was sie hier vorlegen, ist eine beeindruckende Dokumentation ihrer Variationsmöglichkeiten und der ihr innewohnenden Kreativität.

Vom Umschreiben alter Texte

Das, was man im Geschichtsunterricht bestenfalls mitbekommen kann, ist eine Vorstellung, wie sich die historischen Ereignisse entwickelt haben, d.h. unter welchen geistigen wie materiellen Rahmenbedingungen die handelnden Subjekte zu einer Agenda kamen, die sie dann auch umsetzten. Und vielleicht gelingt es noch, einen Blick dafür zu bekommen, ob die historischen Figuren gut beraten waren, innerhalb ihrer Möglichkeiten alle Optionen ausgedeutet zu haben. Wenn das gelingt, hat man schon viel mitgenommen. Denn die Sicht derer, die viel später auf den Komplex Geschichte schauen, ist immer eine andere, befruchtet durch die Erkenntnisse, die im Lauf der Zeit dazu gekommen sind, was nicht unbedingt ein Verdienst derer sein muss, die Heine einmal so treffend die Zwerge auf den Schultern von Riesen bezeichnet hatte.

Nun, im Lichte gegenwärtiger Diskussionen, stellt sich die Frage, was gewonnen werden kann, wenn die zeitgenössischen Werke der Historiographie aus heutiger Sicht umgeschrieben werden. Was haben wir davon, wenn die Diktion des Kolonialismus getilgt, wenn die industrielle Vorstellung vom Primat der Ressourcenausbeutung eliminiert, wenn das imperiale Hegemoniestreben durch die Hinzufügung der Bedenklichkeit von Kriegen abgeschwächt oder wenn das Rollendenken der und über die Geschlechter von ihrer patriarchalischen Konnotation gesäubert wird? Wird dadurch das, was geschehen ist, verständlicher? Oder entsteht dadurch die Chance, dass sich Geschichte so gar nicht hätte ereignen müssen?

Die Umschreibung alter Texte, und vor allem von Geschichtsbüchern, kann eigentlich nur eines im Sinn haben: Man will aus der gegenwärtigen Sicht ein Weltbild zementieren, das selbst einer eigenen, nicht minder fragilen Relativität unterliegt. Und man nimmt denen, die diese Texte lesen, die Chance, aus Geschichte lernen zu können. Letzteres setzt allerdings voraus, dass die lesenden Subjekte mit einem funktionierenden kognitiven Apparat ausgestattet sind und über ein Bewusstsein verfügen, dass man zu guter Recht als ein historisches bezeichnet. Und Menschen, die über das große Glück verfügen, im Besitz dieser beiden Eigenschaften zu sein, kämen sich in hohem Maße entmündigt vor, wenn man ihnen den Zugang zu historischer Authentizität nähme.

Das Ansinnen, die dokumentierte Weltgeschichte in das Ebenmaß unseres Momentes zu gießen, mag dem hehren Anspruch entspringen, etwas Gutes tun zu wollen, weil die geschichtlichen Irrtümer unserer Gattung ungeheure Verfehlungen nach sich zogen, unter denen Millionen von Menschen zu leiden hatten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass dem so war und wohl auch in Zukunft so sein wird. Der übrigens allen Diktaturen innewohnende Impuls, die Welt nach der eigenen Sicht umschreiben zu wollen, geht von einem Menschenbild aus, dass die Ursache für die größten Desaster der Geschichte überhaupt war: Der Gewissheit, dass die Menschen selbst nicht über die Urteilskraft verfügen, um selbst darüber entscheiden zu können, was richtig und was falsch ist.

Der gegenwärtige Moralismus, der alle gesellschaftlichen Lebensbereiche durchtränkt, wird eskortiert von dem Wunsch, die Welt gemäß der eigenen ethischen Maximen umzuschreiben. Er impliziert die Bevormundung in allen Lebensbereichen, er leugnet das eigene kritische Urteil und argumentiert immer mit denen, die nicht zu selbstständigem Denken in der Lage sind. Er privilegiert das Unwissen, indem der kleinste gemeinsame Nenner auf eine eigene kritische Urteilskraft als immer noch zu groß und zu gefährlich erachtet wird. Er will die Welt vom eigenen Denken abkapseln. Das Umschreiben alter Texte ist der forcierte Eintritt in die Geschichtslosigkeit. Finsterer kann es nicht werden!

Archaische Wahrheiten im experimentellen Chaos

Miles Davis Quintet. Live in Europe 1969. The Bootleg Series Vol. 2

Nach Erscheinen der Aufnahmen des Miles Davis Quintett von dessen Europa-Tournee 1967 im Jahre 2011 kommt nun unter dem Titel Miles Davis Quintet. Live in Europe 1969. The Bootleg Series Vol.2 gleich eine 4 CD-Box auf den Markt. Davon sind 3 CDs Mitschnitte der Auftritte beim Antibes-Festival (CD 1+2) sowie Stockholm (CD 3) und eine DVD von den Berliner Jazztagen. Der große Unterschied zu den Aufnahmen von 1967 sind zum einen die personellen Wechsel im Quintett, denn es sind nur noch Miles Davis und Wayne Shorter übrig geblieben, Herbie Hancock wurde durch Chick Corea, Ron Carter durch Dave Holland und Tony Williams durch Jack DeJohnette ersetzt. Diese Umbesetzungen sorgten zum anderen geradezu für eine Entfesselung der Band, was zu einer noch größeren Experimentierfreudigkeit und Dynamik geführt hat. Und Miles Davis scheint auf den vorliegenden Einspielungen wie ausgewechselt. Er präsentierte sich drogenfrei und vor Kraft strotzend, was eine enthemmende Wirkung auf sein Spiel und die von ihm an den Tag gelegte Toleranz hatte.

Dieses Miles Davis Quintet, das immer den Beinamen Lost Quintet trug, weil kaum Aufnahmen vorlagen, die seinen richtungsweisenden Einfluss dokumentierten, ist nun durch die vorliegende Edition aus dem Zustand des Verlorenseins zurück geholt worden. Es sind im positiven Sinne historische Dokumente, weil der Übergang von Miles Davis selbst von der Modalität in eine von Fusion, Funk, Rock und psychedelische Moderne in beeindruckender Qualität zugänglich gemacht wurden. Seine Interpretation von Round Midnight (CD 1, Antibes), bei der er das Thema der Ballade mit einer modalen Wucht anbläst, als ginge es um eine testamentarische Festschreibung, um dann in ein Beschleunigungslabyrinth zu entschwinden, bei dem jede Rückkehr ausgeschlossen zu sein scheint, ist die wohl eigenwilligste dieses Stückes, die in der Jazz-Geschichte vorliegt. No Blues (CD 2) wird durch Davis Phrasierungen und die psychedelischen Eskapaden Chick Coreas und die lyrischen Etüden Wayne Shorters zu einem Referenzstück für archaische Wahrheiten im experimentellen Chaos. Und in Bitches Brew (CD 3) zeigen Jack DeJohnette und Dave Holland, wie strukturbildend Beschleunigung werden kann, wenn sich Individuen wie Davis und Shorter, die zu diesem Zeitpunkt wohl keine Grenzen mehr wahrnehmen wollten, auf halsbrecherische Exkursionen begaben.

Auf der DVD von den Berliner Jazztagen (mono, exzellente Qualität) wird dann auch sichtbar, wie zweifelsfrei und cool dieses Quintett zu Werke ging. Ob bei den Phrasierungen bei Directions, den kongenialen Tempiwechseln bei Bitches Brew, den Spannung erzeugenden Staccati bei It´s About That Time, den lyrischen Pausen bei I Fall In Love So Easily oder den bewußt erzeugten Dissonanzen bei Sanctuary, hier bekommt man auch zu sehen, wie es in einem Labor, in dem an den Grundzügen musikalischer Zukunft gearbeitet wird, zugeht. Es wird gänzlich auf verbale Kommunikation, Gestik und Mimik verzichtet, ausschlaggebend ist die absolute Sicherheit am eigenen Instrument, die Gewissheit mit kongenialen Partnern unterwegs zu sein und ein überbordendes Selbstbewusstsein aller Akteure, ohne es ostentativ zur Schau stellen zu müssen.

Miles Davis Quintet. Live in Europe 1969. The Bootleg Series Vol.2 ist ein einzigartiges Dokument der Geschichte des modernen Jazz, eine Hommage an die konzeptionelle Offenheit, den Mut zum Experiment und eine so wohl nie wieder da gewesene Gemeinsamkeit von Ausnahmemusikern.