Das, was man im Geschichtsunterricht bestenfalls mitbekommen kann, ist eine Vorstellung, wie sich die historischen Ereignisse entwickelt haben, d.h. unter welchen geistigen wie materiellen Rahmenbedingungen die handelnden Subjekte zu einer Agenda kamen, die sie dann auch umsetzten. Und vielleicht gelingt es noch, einen Blick dafür zu bekommen, ob die historischen Figuren gut beraten waren, innerhalb ihrer Möglichkeiten alle Optionen ausgedeutet zu haben. Wenn das gelingt, hat man schon viel mitgenommen. Denn die Sicht derer, die viel später auf den Komplex Geschichte schauen, ist immer eine andere, befruchtet durch die Erkenntnisse, die im Lauf der Zeit dazu gekommen sind, was nicht unbedingt ein Verdienst derer sein muss, die Heine einmal so treffend die Zwerge auf den Schultern von Riesen bezeichnet hatte.
Nun, im Lichte gegenwärtiger Diskussionen, stellt sich die Frage, was gewonnen werden kann, wenn die zeitgenössischen Werke der Historiographie aus heutiger Sicht umgeschrieben werden. Was haben wir davon, wenn die Diktion des Kolonialismus getilgt, wenn die industrielle Vorstellung vom Primat der Ressourcenausbeutung eliminiert, wenn das imperiale Hegemoniestreben durch die Hinzufügung der Bedenklichkeit von Kriegen abgeschwächt oder wenn das Rollendenken der und über die Geschlechter von ihrer patriarchalischen Konnotation gesäubert wird? Wird dadurch das, was geschehen ist, verständlicher? Oder entsteht dadurch die Chance, dass sich Geschichte so gar nicht hätte ereignen müssen?
Die Umschreibung alter Texte, und vor allem von Geschichtsbüchern, kann eigentlich nur eines im Sinn haben: Man will aus der gegenwärtigen Sicht ein Weltbild zementieren, das selbst einer eigenen, nicht minder fragilen Relativität unterliegt. Und man nimmt denen, die diese Texte lesen, die Chance, aus Geschichte lernen zu können. Letzteres setzt allerdings voraus, dass die lesenden Subjekte mit einem funktionierenden kognitiven Apparat ausgestattet sind und über ein Bewusstsein verfügen, dass man zu guter Recht als ein historisches bezeichnet. Und Menschen, die über das große Glück verfügen, im Besitz dieser beiden Eigenschaften zu sein, kämen sich in hohem Maße entmündigt vor, wenn man ihnen den Zugang zu historischer Authentizität nähme.
Das Ansinnen, die dokumentierte Weltgeschichte in das Ebenmaß unseres Momentes zu gießen, mag dem hehren Anspruch entspringen, etwas Gutes tun zu wollen, weil die geschichtlichen Irrtümer unserer Gattung ungeheure Verfehlungen nach sich zogen, unter denen Millionen von Menschen zu leiden hatten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass dem so war und wohl auch in Zukunft so sein wird. Der übrigens allen Diktaturen innewohnende Impuls, die Welt nach der eigenen Sicht umschreiben zu wollen, geht von einem Menschenbild aus, dass die Ursache für die größten Desaster der Geschichte überhaupt war: Der Gewissheit, dass die Menschen selbst nicht über die Urteilskraft verfügen, um selbst darüber entscheiden zu können, was richtig und was falsch ist.
Der gegenwärtige Moralismus, der alle gesellschaftlichen Lebensbereiche durchtränkt, wird eskortiert von dem Wunsch, die Welt gemäß der eigenen ethischen Maximen umzuschreiben. Er impliziert die Bevormundung in allen Lebensbereichen, er leugnet das eigene kritische Urteil und argumentiert immer mit denen, die nicht zu selbstständigem Denken in der Lage sind. Er privilegiert das Unwissen, indem der kleinste gemeinsame Nenner auf eine eigene kritische Urteilskraft als immer noch zu groß und zu gefährlich erachtet wird. Er will die Welt vom eigenen Denken abkapseln. Das Umschreiben alter Texte ist der forcierte Eintritt in die Geschichtslosigkeit. Finsterer kann es nicht werden!
