Archiv für den Monat Januar 2013

Das Geheimnis des Tantalus

Wer kennt sie nicht, die Situation. Ganz plötzlich, ohne Vorankündigung ist da ein Mensch, der herausgerissen wird aus dem vollen Leben. Dann sind wir geschockt, überrascht und es macht sich eine Leere breit, die dokumentiert, wie groß das Tabu ist, mit dem wir leben. Denn nur die kategorische Ausblendung der Vergänglichkeit macht es vielen erträglich, die irdische Existenz zu ertragen. Die zwei bis drei geschäftsführenden Generationen einer Zeit leben zumeist mit dem Konsens, dass sie, und nur sie es sind, die das Wesen der Menschheit ausmachen. Obwohl es kaum noch einen unangefochtenen Konsens gibt, dieser hier hält. Wir sind die Zeit, und ein nach uns wird es nicht geben.

Es kursiert seit einiger Zeit das böse Wort, dass der Mensch des Mittelalters weit aufgeklärter war als die heutigen Zeitgenossen. Das klingt zunächst wie ein grandioser Affront. Bei näherer Betrachtung wird aus scheinbarer Polemik immer mehr eine nüchterne Betrachtung. Der Mensch des Mittelalters nämlich war sich seiner Vergänglichkeit sehr bewusst und mehr noch, ihm war klar, dass selbst die ihm vergönnte Existenz auf Erden nicht gleichzusetzen war mit dem Anrecht auf ewiges Glück. Er wusste um die Mühen des Daseins, er wusste um die Ungerechtigkeit auf dieser Welt und er wusste um die Sanduhr, die nur für ihn lief und zu deren Neige sein Recht auf das hiesige Sein verwirkt war.

Wie verblendet und naiv dagegen irren wir durch unseren Alltag, immer auf das Postulat der ewigen Jugend verpflichtet, immer mit der Gewissheit im Gepäck, sich in der Sphäre der Unsterblichkeit zu bewegen. Wie aus dem Nichts entstand der Glaube, ein hiesiges Recht auf Glück und Ewigkeit zu besitzen. Das christliche wie auch in anderen Religionen existierende Diktum, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind, geriet mit dem Zeitalter der Prothesengötter in das Stadium der Vergessenheit.

Siegmund Freuds lakonisches, kulturphilosophisch zu wenig gewürdigtes Wort vom Menschen der Moderne als Prothesengott kann als Schlüssel wirken zu dem epistemologischen Elend, das uns heute so unaufgeklärt erscheinen lässt. Der Glaube an die Instrumentalisierbarkeit der Welt hat uns den Verstand verlieren lassen und die Demut genommen. Wir glauben tatsächlich, wir machten uns die Welt und Natur untertan und blenden aus, dass wir im günstigen Fall ein Bestandteil dieser Existenz sind, in der wir nur im Dialog, aber niemals als Herrschende existieren können.

Was uns bleibt im Lichte der existenziellen Relativität ist die Einsicht, dass unser Beitrag zu einem Journal des Homo sapiens immer nur gering sein kann und dass das Dasein zu komplex ist für die Dauer unserer Teilhabe daran. Wünschenswert wäre es, wenn wir daraus den Schluss ziehen könnten, dass wir bescheiden versuchen sollten, uns selbst ein gutes Beispiel zu sein für diejenigen, die das Gastrecht Erde noch länger genießen können als wir selbst. Und dass wir vielleicht lernen zu begreifen, dass jeder Tag, jede Minute, die wir dabei sein dürfen, ein Privileg ist, das wir nicht durch Hochmut, Unmaß und Arroganz verderben sollten. Jeder Friedhof, so heißt es, ist ein Ort voller unersetzlicher Leute. Weiser kann man unsere Relativität nicht kommentieren.

Ein Schlag gegen den positivistischen Deskriptivismus

Tomas Sedlacek. Die Ökonomie von Gut und Böse

Eine positive Auswirkung der Weltfinanzkrise, welche seit 2008 unzählige Volkswirtschaften in Mitleidenschaft gezogen hat, ist die wachsende Kritik an der gegenwärtigen Befindlichkeit der ökonomischen Wissenschaften. Letztere hat sich in den Jahren der Globalisierung und der wachsenden Hegemonie der Börsen zu einer alle Motive menschlichen und gesellschaftlichen Handelns leugnenden Ideologie entwickelt, die nichts mehr erklärt. Die Fokussierung auf Zahlenreihen, mathematische Formeln und Excel Sheets, die seit der kaum bemerkten Verwandlung von Analytikern zu Analysten ihren Lauf genommen hat, bewirkte eine Apotheose des positivistischen Deskriptivismus, eine Orgie in den Sphären der so genannten Wertneutralität und Welt der kalten Fakten, die nichts mehr aussagen und von den Ursachen wirtschaftlichen Handelns nichts mehr erwähnt lassen.

So ist es quasi folgerichtig, dass ein ausgebildeter Ökonom, Tomas Sedlacek, seinerseits Lehrer an der ältesten europäischen Universität zu Prag und seinerseits wirtschaftlichem Berater des ehemaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel ein Buch mit dem Titel Die Ökonomie von Gut und Böse geschrieben hat, das der Misere der formularen Mystifikation in der Ökonomie ein Ende setzen soll. Die Ökonomie von Gut und Böse ist in zwei Kapitel gegliedert, eines bezieht sich auf die Ökonomie in früheren Zeiten und das andere befasst sich mit blasphemischen Gedanken zur gegenwärtigen Verfasstheit der ökonomischen Wissenschaften und ihre Implikation auf die gesellschaftlichen Erklärungsmodelle wirtschaftlichen Handelns.

Der historische Teil beginnt mit dem Gilgamesch-Epos, der ältesten schriftlichen Überlieferung überhaupt, setzt sich mit dem Alten Testament und dem antiken Griechenland auseinander, befasst sich mit dem Christentum und landet dann bei Descartes, Bernard Mandeville und Adam Smith. Von den alten Überlieferungen bis hin zu den Urvätern des modernen ökonomischen Denkens untermauert die Darstellung die These, dass wirtschaftliches Handeln nie frei von ethischen Werten betrachtet wurde, dass Kategorien wie Gut und Böse immer eine motivationale Relevanz in Bezug auf das Wirtschaften hatte. Interessant ist bei diesen sorgfältigen Recherchen und gelungenen Schlussfolgerungen, dass es keine historische Chronologie des wie auch immer gearteten Fortschrittes zu geben scheint, sondern dass sich der Prozess der wirtschaftlichen Zivilisation immer um die Frage drehte, wie Wirtschaft auf das individuelle und gesellschaftliche Wohlbefinden wirkt und wie kontrovers in allen Zeiten die Diskussion um diese Orientierung geführt wurde.

Die Blasphemischen Gedanken richten das Licht, welches aus der Analyse gewonnen wurde, folgerichtig auf die heutigen Auseinandersetzungen um eine Ökonomie, die in einfältig positivistischer Manier die ethische Relevanz von wirtschaftlichem Handeln leugnet. Wie in einem Orkan der Stumpfsinnigkeit wird die mentale Unordnung deutlich, die aus der Negation sozialer Verantwortung in einen politischer Diskurs mündete, dem es gelingt, nach Regeln der Mathematik soziale Ressentiments zu bedienen, ohne das Unterfangen bewussten politischen Handelns überhaupt noch zu reflektieren.

Das Buch wirft Fragen auf, wie z.B. in einer Welt des Überflusses und des überflüssigen Wachstums Kategorien sozialer Qualität überhaupt keine Rolle mehr spielen können. Oder wie es gelingt, die politische Dimension einer gerechten Distribution ausklammern zu können. Und, wie es sein kann, dass eine Analyse menschlicher Bedürfnisse, die jenseits der forcierten Gebrauchsgüterproduktion existiert, auf der soziales Zusammenleben überhaupt funktionieren kann, so erfolgreich ausgeblendet werden kann. Und letztendlich, wie die Blase der Überproduktion durch gesellschaftliche Verschuldung gewährleistet wird und diese fiskalisch abgesichert, statt gegen ihre Auswirkungen benutzt wird. Tomas Sedlacek ist ein Buch gelungen, das keine Patentlösungen bietet, aber mächtig zum Nachdenken anregt!

Das große Schweigen

Die Grundidee ist ebenso großartig wie moralisch verwerflich. Eine der ältesten Weisheiten von Herrschaft ist die Erkenntnis, dass ein bestimmtes Wissen nicht in die Hände aller geraten darf. Sonst, wenn die Geheimnisse der Herrschenden publik werden, droht das Aufbegehren und die Revolte. In nahezu allen Epochen hielten sich die Herrschenden an diese Erkenntnis, d.h. sie schirmten den Zugang zu den Wissensarsenalen der Herrschaft hermetisch ab. Mal mit, mal mit weniger Erfolg, mal mit Gewalt, mal mit diffizilen sozialen Kontrollmechanismen.

Demokratien gab es schon immer, nur für bestimmte Klassen. Erst mit der bürgerlichen Revolution setzten sich alle mit dem Begehren an den Tisch, mitreden und mitentscheiden zu wollen. Und indem selbst die damaligen Proletarier, die normalerweise am Stahlofen zu schwitzen hatten, beanspruchten, das System der Regierungsführung durchschauen zu wollen, hatten die, denen die Macht geliehen war, einen Auftrag, der schwer erfüllt werden konnte. Denn wer keine Geheimnisse mehr hat, der kann auch nicht sonderlich erfolgreich verhandeln. Und wer das Vertrauen nicht mehr genießt, der wird schnell überflüssig. Und so suchten diejenigen, die ein Mandat auf die Herrschaft hatten, sich durch das Paradoxon zu lavieren, einerseits das Vertrauen bekommen zu haben, in der Alltagspraxis aber keines zu genießen.

Zu Recht hat die Opposition der ersten fünf Jahrzehnte der Bundesrepublik immer wieder moniert, dass in den diskreten Räumen hinter der demokratischen Öffentlichkeit die eigentlichen Entscheidungen getroffen würden. Bis die Kommunikationsmedien die Sinne eroberten und die Indiskretion sekundenlange Marktvorteile verschaffte. Daraus ergaben sich qualitativ zwei Veränderungen, die revolutionär und bedrohlich zugleich sind.

Die eine bezieht sich auf den Zustand der demokratischen Öffentlichkeit, die täglich absäuft im Strom der Informationen. Das Herrschaftswissen wird kübelweise über den Köpfen derer ausgekippt, die ihre Sinne auch noch zum Broterwerb brauchen. Nie war Herrschaftswissen sicherer als bei seiner inflationären Vergabe. Zunehmend unfähig zur Strukturierung, hisst das metaphorische Volk die Weiße Fahne, weil es überfordert ist.

Und die andere Veränderung bezieht sich auf die Regierungsführung. Zunehmend besteht sie zum einen aus den Foren der unverbindlichen Geschwätzigkeit, in denen sich jeder zu Wort melden kann und seine mal durchdachten, mal von partikularen Interessen geleiteten, mal hirnrissigen, selten repräsentativen Gedanken in den Orkus schleudern und über Twittertechnologien auch selbst noch in der medialen Öffentlichkeit genießen darf. Zum anderen aber existiert das große Schweigen. Die Amtsträger in den Machtzentralen erklären zumeist ihre Politik, ihre Motive und Ziele überhaupt nicht mehr. Sie lassen, gleich den Narren an den mittelalterlichen Höfen, die Geschwätzigen in den Fernsehshows ihr Unwesen treiben und verwundern selbst durch das Kunststück, jeden Tag in den Medien aufzutauchen, aber nie tatsächlich etwas zu sagen.

Und letzteres erinnert dann doch wieder in starkem Maße an die vor-demokratischen Zeiten, als alle vom König oder der Königin sprachen, aber niemand das tatsächliche Rätsel der Regierungsführung zu entschlüsseln vermochte. Die geschwätzigen Höflinge, die ihr mäßiges Gedankengut auf den Marktplätzen feilboten waren es nicht, das war klar, und nur schlaue Füchse wussten, wo die Musik tatsächlich spielte.

Umso erstaunlicher ist es, dass in der hohen Postmoderne, in der wir uns befinden, derartig banale, historisch überholte und der Öffentlichkeit Hohn sprechende Formen der Regierungsführung so erfolgreich sind. Sollte das auch etwas aussagen über die Qualität der Kritik im eigenen Lande? Hat das Volk im Kommunikationszeitalter eine Regierung verdient, die die Informationspolitik des Mittelalters kopiert? Fahren wir alle nur noch auf Sicht, umgeben von dichtem Nebel?