Archiv für den Monat Januar 2013

Das Mysterium zwischen Tradition und Innovation

Joe Lovano. Cross Culture

Auch wenn es zuweilen so erscheint, als habe er mit dem New Yorker Village Vanguard einen Stronghold, mit dem er sich begnüge, sollte der innovative Impuls des Joe Lovano nicht unterschätzt werden. Seine teilweise herausragenden Alben der letzten fünfzehn Jahre zeugen nicht nur von einer großen Reife seiner Spielweise, sondern auch von einer beeindruckenden Offenheit. Genau dieses ansonsten beobachtete Manko ist es, woran sich die Kritik des zeitgenössischen Jazz immer wieder reibt. Entweder, so der nicht ganz unberechtigte Vorwurf, übt sich ein zwar exzellent spielender, aber ideenmäßig nicht sonderlich kreativer Nachwuchs an den großen Partituren der Standards, oder es agieren die Akademiker des Jazz, die technisch perfekt auch kompositorisch neue Welten erschließen, die ihrerseits an Abstraktion nicht mehr zu überbieten sind und deren soziale Dimension unter den Notenständer fiel.

Joe Lovano, der Italo-Immigrant aus Ohio, passt aufgrund seiner Biographie ebenso wenig ins Klischee wie sein Zugang zum Jazz. Ohne Zweifel geprägt vom Bebop, zählt er heute wohl zu den renommiertesten Vertretern des Modern Post-Bebop. Zu verdanken hat er dieses seiner unglaublichen Offenheit gegenüber Tradition und Experiment. Machte er bereits Ende des letzten Jahrtausends durch sein erstaunliches Album Celebrating Sinatra (1997) auf sich aufmerksam, so sind die letzten drei Alben eine logische konsistente Aussage zur Programmatik des Modern Post-Bebop. Mit Folk Art (2009) erwies er seine Referenz den melodischen Fragmenten des Folk und des Infantilen, mit denen der Bebop immer wieder spielte und die zum Zentrum der ihm eigenen improvisatorischen Akrobatik wurden. Mit Bird Songs (2011) griff Lovano den Gedanken wieder auf und transkribierte die Virtuosität Charlie Parkers in die zeitgenössische Welt des Hörens. Nun, mit seinem neuen Album Cross Culture (2013) zeigt uns Lovano, worin das Mysterium zwischen Innovation und Tradition besteht.

Cross Culture ist nicht nur folgerichtig, sondern auch zukunftsweisend. Mit seiner Band UsFive changiert Lovano die beiden Pole des gestaltenden Seins. Phänomenale Phasen des Albums, das insgesamt 11 Titel umfasst, sind unter anderem Myths and Legends, eine chromatische Lyrik mit dissonanten Schlusspunkten. Gefolgt von dem Titelsong Cross Culture, der seinerseits durch die Koexistenz harmonischer Akkordfolgen und experimentaler Improvisationspassagen besticht. Oder Drum Chant, eine zweifelsohne gewollte Refrenz an den in den Metropolen immer wieder präsenten Tribalismus, der mit seiner archetypischen Rhythmik durchaus Aufschlüsse über die Mysterien der Postmoderne zu liefern imstande ist. Modern Man wiederum ist eine ebenso getriebene wie unterbrochene Hommage an die Perfektion des Augenblicks und die Hilflosigkeit mit Blick auf das Gesamtkonzept. Und PM setzt den Schlusspunkt unter diesen Dialog von multi-kontinentaler Tradition und metropolitaner Moderne. Die Stärke dieses Arrangements besteht aus der treibenden, subkutanen Perkussion und der fragmentarischen Geschwindigkeitsaphoristik von Lovanos Saxophon. Es wird deutlich, dass die Triade Folk Art, Bird Songs und Cross Culture noch nicht den Schlusspunkt gefunden hat, sondern dass die gedanklichen Assoziationen über die Weiterentwicklung des Genres bereits in vollem Gange sind.

Das bisherige Projekt Lovanos, den Bebop von den Wurzeln bis in die Postmoderne zu illustrieren, ist mit Cross Culture erst richtig deutlich geworden. Für alle, die die Überzeugung teilen, dass dieses Genre immer noch der Impulsgeber für jegliche Innovation des Jazz ausmacht, ist es ein Muss. Das ist umso billigender in Kauf zu nehmen unter Berücksichtigung von Lovanos Brillanz und der Empathie von UsFive.

Werbung als Politindikator

In der Werbung kommt das Gespür für die Befindlichkeiten der entsprechenden Zielgruppen zumeist verblüffend treffend zum Ausdruck. Kein Wunder, da das Marketing längst keine Nische mehr für ein paar kreative Außenseiter ist, sondern eher an eine Armada von Psychologen, Textern, Visualisierern, Soziologen, Designern etc. erinnert. Sie sehen sich die Zielgruppen genau an, ganz detailliert, Kopf und Bauch. Sie wissen, dass menschliches Verhalten in der Regel vom Bauchgefühl und dem Unbewussten gesteuert wird. Daher wirken so viele Werbestrategien und Marketingartefakte oft so irrational. Aber sie führen zum Ziel, und darin besteht das Geheimnis.

Es ist ratsam, will man zu soziologischen, psychologischen und politischen Erkenntnissen über bestimmte Zielgruppen kommen, genauer hinzusehen, wie sie beworben werden. Je genauer man hinsieht, desto präziser wird das Bild über den Seelenzustand derer, um die es geht. Die Erkenntnisse, die man daraus gewinnen kann, sind manchmal trivial, ein anderes Mal wiederum verblüffend. Dass die potenziellen Kunden von Baumärkten sich locken lassen mit Metaphern über Pioniergeist und verschworene Gemeinschaften ist genauso plausibel wie die Verheißungen der Automobilindustrie entweder über Mobilität, Freiheit und Rausch oder über Sparsamkeit, Zuverlässigkeit und Solidität. Und auch die Strategien der Medien- und Kommunikationsbranche, die an Omnipräsenz und Omnipotenz appellieren, verblüffen nicht unbedingt. Wie es generell so zu sein scheint, als ob bestimmte sozial und gesellschaftlich klassifizierbare Gruppen auch interkulturell mit ähnlichen Avancen im Köcher der Marketingstrategen landen.

Politisch interessant und brisant wird es erst, wenn man sich die nationalen Besonderheiten anschaut. Dann nämlich sind Rückschlüsse erlaubt über den Zustand der Gesellschaft. Neben den zielgruppenspezifischen Ködern der Werbung existieren ebenso Referenzen an den Zeitgeist des jeweiligen Sozialsystems und seine semantischen Schwingungen. Und da bekommen wir ein kostenloses Testat über die bundesrepublikanische Gesellschaft, das es in sich hat. Natürlich rangiert ganz vorne der Rabatt oder das Schnäppchen, dicht gefolgt von Sicherheitskonnotationen, Risikoarmut und Kalkulierbarkeit, einer großen Portion Bequemlichkeit und Behaglichkeit sowie das Gefühl sozialer Geborgenheit. Neben den Hinweisen auf diesen ungeheuren Drang nach Stabilität existiert noch eine nahezu exzentrische Referenz an den Zeitgeist, der sich in Attributen wie nachhaltig, seinerseits in der Werbenutzung nahezu sinnentleert, regenerierbar und schonend niederschlägt.

Man muss kein Verfechter des Sophismus sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass Gesellschaften, in denen der Pioniergeist herrscht, mit derartigen Strategien wohl nicht erreicht würden. Vielmehr dokumentiert die Werbebranche nahezu unentgeltlich, dass wir uns in einer alternden, von Besitzstandsdenken geprägten Gesellschaft befinden, die große Aversionen gegen Veränderungen aller Art pflegt und den Status Quo genießen möchte. Wem diese Analyse zu schroff erscheint, dem sei der Vergleich zu anderen Ländern ans Herz gelegt. In vielen Ländern Asiens zum Bespiel lockt die Belohnung auf Anstrengung und wirtschaftlichen Erfolg, in der arabischen Welt ist es das Selbstwertgefühl, in Südamerika zunehmend der Aufbruch und das Ansehen, in den viel gehassten USA ist es immer noch die Freiheit und die Mission und im nahe gelegenen Großbritannien das Skurrile des Individualismus.

Eine Diskussion auf dieser Grundlage wäre erfrischend, weil die Leugnungsstrategien von Politik wie Privatstand hierzulande tatsächlich immer wieder suggerieren wollen, wir agierten wie ein Subjekt der Weltgeschichte. Das Gegenteil ist der Fall. Tief im Innern schlummert das Objekt der Bräsigkeit.

Wichtige Fakten, eine Prise Inquisitorenlogik und eine ärgerliche Vermarktungsstrategie

Doug Saunders. Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung

Unlängst hatte der kanadische Autor und Journalist mit seinem Buch Arrival City Furore gemacht. Dort war es ihm gelungen, ein uraltes Paradigma, mit welchem in den Metropolen der so genannten entwickelten Welt gedacht wurde, zu durchbrechen. Er wies anhand zahlreicher gelungener und präziser Untersuchungen nach, dass die Immigrantion in die Megastädte dieser Welt für Innovation und Assimilationsfähigkeit in den künftigen Mutterländern führt. Er zeigte ebenso auf, unter welchen Umständen, d.h. anhand welcher Politik so etwas gelingt und bei welchen Mechanismen es misslingt. Noch ist die Rezeption hierzulande in einem Frühstadium und schon erscheint ein neues Buch von Saunders, diesmal mit dem Titel Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung. Schon auf dem Klappentext wird klar, dass der Blessing Verlag versucht, aus dieser Publikation einen Anti-Sarrazin zu machen, mit ähnlich hohen Auflagen versteht sich.

Dass sich Saunders, der seit Jahren über das Thema Immigration recherchiert, dem Thema des Mythos Überfremdung widmet, ist indessen kein Wunder. Und um es gleich zu sagen, wären da nicht einige Ärgernisse, die einerseits seiner eigenen Argumentationslogik, andererseits der Vermarktungsstrategie des Verlages geschuldet sind, könnte die Wirkung des Buches wesentlich größer sein. So schreckt vieles diejenigen potenziellen Leserinnen und Leser ab, die zwar politisch interessiert und aktiv sind, aber nicht von der Integration und alles was damit zusammenhängt leben.

Um gleich zum ersten Ärgernis zu kommen: Indem der Verlag den Umschlag mit einem Zitat zu Sarrazin belegt und beim Titel auf den Zusatz Eine Abrechnung bestanden hat, ist der rezeptorische Kontext festgelegt und sogleich eine Emotionalität im Spiel, die die Diskussion um das Thema Integration schon lange nicht mehr verträgt. Zweitens: in einem nahezu 60 Seiten umfassenden ersten Kapitel spannt Saunders einen Bogen von den gängigen Vorurteilen über Immigranten und dem norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik. In fast ritualisierter Form wiederholt Saunders die Figur, dass wer sich auf die Mystifikationen um die Einwandererzahlen einlasse, notwendigerweise enden müsse wie Breivik. Das ist penetrant und wirkt wie die Logik von Inquisitoren. Werbestrategie wie diese Art Diskriminierungslogik sind überflüssig, weil danach eigentlich eine Argumentation folgt, die sehr nützlich ist.

Im zweiten Kapitel widmet sich Saunders den Fragestellungen Bevölkerungsentwicklung, Integration und Immigrantenextremismus. Hier glänzt der Autor, weil er sehr rational und unbestechlich mit den meisten Vorurteilen aufräumt. Er zeigt auf, dass in keinem Fall davon ausgegangen werden kann, dass Europa, und schon gar nicht die USA von muslimischen Immigranten überflutet werden können. Das geben weder die absoluten Einwanderungszahlen her noch die Geburtenraten, die sich den neuen Mutterländern mit atemberaubender Geschwindigkeit angleichen. Beim Thema Integration verweist der Autor auf Gesetzmäßigkeiten, nach denen die erste Immigrantengeneration immer erfolgreicher ist als die zweite, und mit der dritten die eigentliche Internalisierung der neuen Kulturstufe vollzogen wird. Und die Seiten, die sich mit dem Extremismus befassen, geben sehr wertvolle Erkenntnisse über die Eigendynamik der Integration, die weit jenseits aller Verschwörungstheorien zu suchen sind.

Das dritte Kapitel ist hingegen eine historische Arbeit über die katholischen Einwanderer in die USA und jüdischen sowohl dorthin als auch nach Europa. In beiden Abhandlungen besticht die Analogie der Metaphern wie Flut und Mikrokosmos (heute Parallelwelt) etc. und nimmt der Reflexion über das Thema die anfangs erzeugte Hitze, was sehr gut tut. In einem ca. 30seitigen Ausklang erwähnt Saunders einige Entwicklungen, die der Kern des Buches sein sollten. Und kurz vor Schluß taucht ein Satz auf, der zumindest in Deutschland das Problem treffender nicht beschreiben könnte: Die Grundlage einer Einwanderergesellschaft sollte immer eine gemeinsame, universell gültige Moral sein.
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