Margarethe von Trotta. Hannah Arendt
Margarethe von Trotta hatte das Gespür. Wie aus heiterem Himmel wählte sie unter möglichen Filmsujets die Geschichte, beziehungsweise eine Geschichte aus dem Leben der Hannah Arendt aus, und sie traf damit einen Nerv. Nicht, dass das Leben der Intellektuellen, der Jüdin, der Emigrantin und immer wieder Verfemten in irgendeiner Weise nicht per se interessant wäre. Ihre Denkschule, aus der sie kam, von Heidegger über Husserl bis zu Jaspers, oder ihre Exilstationen von Paris bis New York, ihre Attacken gegen Adorno und Horkheimer, ihre grandiosen Schriften, vor allem die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, alles gäbe exzellenten Stoff für einen Film. Nein, von Trotta wählte die Berichterstattung vom Eichmann-Prozess in Jerusalem, der eine Aktualität dokumentiert, die erschreckend ist.
Die von Barbara Sukowa hölzern gespielte und im brecht´schen Sinne bewusst als dargestellte Figur wahrgenommene Hannah Arendt, die 1961 am Riverside Drive in New York mit ihrem Mann Heinrich Blücher lebt und an der New School of Social Research und der Columbia University lehrt, hatte das Graue des Exils bereits hinter sich gelassen und begann, 20 Jahre nach ihrer Einreise, sich in den USA zu etablieren. Die Entführung Eichmanns in Argentinien durch den israelischen Mossad und der bevorstehende Prozess in Jerusalem führten jedoch zu einer weiteren radikalen Wende in ihrem Leben. Die Anfrage des Magazins New Yorker, über den Prozess aus Jerusalem zu berichten, besiegelte diese Wende.
Hannah Arendt kam mit zahlreichen Einsichten aus Jerusalem zurück, wobei zwei davon für sie verhängnisvoll sein sollten. Die eine bezog sich auf die Beobachtung, dass die jüdischen Eliten, die mit den Nazis kollaboriert hatten, aus Arendts Sicht die Zahl der Opfer noch erhöht hatten. Und die zweite war die Feststellung, dass eine Figur wie Eichmann nicht die monströse Inkarnation des Bösen war, sondern der Superlativ des Mediokren. Nach Arendts Beobachtung ein banal funktionierender Bürokrat, der das Denken in moralischen Kategorien gar nicht mehr beherrschte oder aufgegeben hatte.
Der Film zeigt die Ressentiments, die über diese Frau hereinbrachen und sie erneut zu einer Gejagten machten. Nur wenige hielten noch zu ihr, doch sie folgte ihren Einsichten und sprach weiter von der Banalität des Bösen. Der Film kommt ohne eigentliches, bewusst inszeniertes Ende aus, weil die Genese des Ressentiments bis in die heutigen Rezensionen zum Film fortlebt. Und das macht das Ganze so erschreckend.
Auch wenn es stimmen mag, dass die historische Forschung heute darauf verweisen kann, dass Eichmann sich ganz bewusst versucht hat als ein mediokrer Bürokrat zu inszenieren, so sollten uns doch die Gedanken an die von Moral und Sinn abgehängten Bürokraten beunruhigen, denn die Erscheinung ist massenhaft in unserem Gesellschaftswesen erhalten geblieben. Und wenn man sich anhört, wie diese selbst argumentieren, dann findet man zahlreiche Analogien zu dem, was dieser Angeklagte in Jerusalem damals zu Protokoll gab.
Und es beunruhigt zu sehen, dass, wenn die große Masse, sei sie traumatisiert oder auch nicht, einmal zu einem Urteil gekommen ist, die Differenzierung nicht mehr erlaubt. Sie wird zur Bestie gegenüber denen, die sich um ein rationales Urteil bemühen. Ob es das Ziel Margarete von Trottas war, die Hysterie des Zeitgeistes unter Nutzung einer historischen Vorlage unter das Brennglas zu halten, ist ungewiss. Gelungen ist es ihr. Hannah Arendt hätte heute einen schweren Stand!
