Das Geheimnis des Tantalus

Wer kennt sie nicht, die Situation. Ganz plötzlich, ohne Vorankündigung ist da ein Mensch, der herausgerissen wird aus dem vollen Leben. Dann sind wir geschockt, überrascht und es macht sich eine Leere breit, die dokumentiert, wie groß das Tabu ist, mit dem wir leben. Denn nur die kategorische Ausblendung der Vergänglichkeit macht es vielen erträglich, die irdische Existenz zu ertragen. Die zwei bis drei geschäftsführenden Generationen einer Zeit leben zumeist mit dem Konsens, dass sie, und nur sie es sind, die das Wesen der Menschheit ausmachen. Obwohl es kaum noch einen unangefochtenen Konsens gibt, dieser hier hält. Wir sind die Zeit, und ein nach uns wird es nicht geben.

Es kursiert seit einiger Zeit das böse Wort, dass der Mensch des Mittelalters weit aufgeklärter war als die heutigen Zeitgenossen. Das klingt zunächst wie ein grandioser Affront. Bei näherer Betrachtung wird aus scheinbarer Polemik immer mehr eine nüchterne Betrachtung. Der Mensch des Mittelalters nämlich war sich seiner Vergänglichkeit sehr bewusst und mehr noch, ihm war klar, dass selbst die ihm vergönnte Existenz auf Erden nicht gleichzusetzen war mit dem Anrecht auf ewiges Glück. Er wusste um die Mühen des Daseins, er wusste um die Ungerechtigkeit auf dieser Welt und er wusste um die Sanduhr, die nur für ihn lief und zu deren Neige sein Recht auf das hiesige Sein verwirkt war.

Wie verblendet und naiv dagegen irren wir durch unseren Alltag, immer auf das Postulat der ewigen Jugend verpflichtet, immer mit der Gewissheit im Gepäck, sich in der Sphäre der Unsterblichkeit zu bewegen. Wie aus dem Nichts entstand der Glaube, ein hiesiges Recht auf Glück und Ewigkeit zu besitzen. Das christliche wie auch in anderen Religionen existierende Diktum, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind, geriet mit dem Zeitalter der Prothesengötter in das Stadium der Vergessenheit.

Siegmund Freuds lakonisches, kulturphilosophisch zu wenig gewürdigtes Wort vom Menschen der Moderne als Prothesengott kann als Schlüssel wirken zu dem epistemologischen Elend, das uns heute so unaufgeklärt erscheinen lässt. Der Glaube an die Instrumentalisierbarkeit der Welt hat uns den Verstand verlieren lassen und die Demut genommen. Wir glauben tatsächlich, wir machten uns die Welt und Natur untertan und blenden aus, dass wir im günstigen Fall ein Bestandteil dieser Existenz sind, in der wir nur im Dialog, aber niemals als Herrschende existieren können.

Was uns bleibt im Lichte der existenziellen Relativität ist die Einsicht, dass unser Beitrag zu einem Journal des Homo sapiens immer nur gering sein kann und dass das Dasein zu komplex ist für die Dauer unserer Teilhabe daran. Wünschenswert wäre es, wenn wir daraus den Schluss ziehen könnten, dass wir bescheiden versuchen sollten, uns selbst ein gutes Beispiel zu sein für diejenigen, die das Gastrecht Erde noch länger genießen können als wir selbst. Und dass wir vielleicht lernen zu begreifen, dass jeder Tag, jede Minute, die wir dabei sein dürfen, ein Privileg ist, das wir nicht durch Hochmut, Unmaß und Arroganz verderben sollten. Jeder Friedhof, so heißt es, ist ein Ort voller unersetzlicher Leute. Weiser kann man unsere Relativität nicht kommentieren.