Die Grundidee ist ebenso großartig wie moralisch verwerflich. Eine der ältesten Weisheiten von Herrschaft ist die Erkenntnis, dass ein bestimmtes Wissen nicht in die Hände aller geraten darf. Sonst, wenn die Geheimnisse der Herrschenden publik werden, droht das Aufbegehren und die Revolte. In nahezu allen Epochen hielten sich die Herrschenden an diese Erkenntnis, d.h. sie schirmten den Zugang zu den Wissensarsenalen der Herrschaft hermetisch ab. Mal mit, mal mit weniger Erfolg, mal mit Gewalt, mal mit diffizilen sozialen Kontrollmechanismen.
Demokratien gab es schon immer, nur für bestimmte Klassen. Erst mit der bürgerlichen Revolution setzten sich alle mit dem Begehren an den Tisch, mitreden und mitentscheiden zu wollen. Und indem selbst die damaligen Proletarier, die normalerweise am Stahlofen zu schwitzen hatten, beanspruchten, das System der Regierungsführung durchschauen zu wollen, hatten die, denen die Macht geliehen war, einen Auftrag, der schwer erfüllt werden konnte. Denn wer keine Geheimnisse mehr hat, der kann auch nicht sonderlich erfolgreich verhandeln. Und wer das Vertrauen nicht mehr genießt, der wird schnell überflüssig. Und so suchten diejenigen, die ein Mandat auf die Herrschaft hatten, sich durch das Paradoxon zu lavieren, einerseits das Vertrauen bekommen zu haben, in der Alltagspraxis aber keines zu genießen.
Zu Recht hat die Opposition der ersten fünf Jahrzehnte der Bundesrepublik immer wieder moniert, dass in den diskreten Räumen hinter der demokratischen Öffentlichkeit die eigentlichen Entscheidungen getroffen würden. Bis die Kommunikationsmedien die Sinne eroberten und die Indiskretion sekundenlange Marktvorteile verschaffte. Daraus ergaben sich qualitativ zwei Veränderungen, die revolutionär und bedrohlich zugleich sind.
Die eine bezieht sich auf den Zustand der demokratischen Öffentlichkeit, die täglich absäuft im Strom der Informationen. Das Herrschaftswissen wird kübelweise über den Köpfen derer ausgekippt, die ihre Sinne auch noch zum Broterwerb brauchen. Nie war Herrschaftswissen sicherer als bei seiner inflationären Vergabe. Zunehmend unfähig zur Strukturierung, hisst das metaphorische Volk die Weiße Fahne, weil es überfordert ist.
Und die andere Veränderung bezieht sich auf die Regierungsführung. Zunehmend besteht sie zum einen aus den Foren der unverbindlichen Geschwätzigkeit, in denen sich jeder zu Wort melden kann und seine mal durchdachten, mal von partikularen Interessen geleiteten, mal hirnrissigen, selten repräsentativen Gedanken in den Orkus schleudern und über Twittertechnologien auch selbst noch in der medialen Öffentlichkeit genießen darf. Zum anderen aber existiert das große Schweigen. Die Amtsträger in den Machtzentralen erklären zumeist ihre Politik, ihre Motive und Ziele überhaupt nicht mehr. Sie lassen, gleich den Narren an den mittelalterlichen Höfen, die Geschwätzigen in den Fernsehshows ihr Unwesen treiben und verwundern selbst durch das Kunststück, jeden Tag in den Medien aufzutauchen, aber nie tatsächlich etwas zu sagen.
Und letzteres erinnert dann doch wieder in starkem Maße an die vor-demokratischen Zeiten, als alle vom König oder der Königin sprachen, aber niemand das tatsächliche Rätsel der Regierungsführung zu entschlüsseln vermochte. Die geschwätzigen Höflinge, die ihr mäßiges Gedankengut auf den Marktplätzen feilboten waren es nicht, das war klar, und nur schlaue Füchse wussten, wo die Musik tatsächlich spielte.
Umso erstaunlicher ist es, dass in der hohen Postmoderne, in der wir uns befinden, derartig banale, historisch überholte und der Öffentlichkeit Hohn sprechende Formen der Regierungsführung so erfolgreich sind. Sollte das auch etwas aussagen über die Qualität der Kritik im eigenen Lande? Hat das Volk im Kommunikationszeitalter eine Regierung verdient, die die Informationspolitik des Mittelalters kopiert? Fahren wir alle nur noch auf Sicht, umgeben von dichtem Nebel?

Das Ruder ist entfernt worden, damit es niemand mehr herumreißen kann.