Archiv für den Monat Dezember 2012

Kairo: Das Komplott der Technokraten

Zu sehr hatte der Westen dem geglaubt, was er glauben wollte. Dass nämlich die Arabellion eine demokratische Revolution sei, die nicht nur der autokratischen Herrschaftsstile müde war, sondern auch – im Zuge und im Geiste einer imaginären Generation Facebook – auf dem Weg ist, die Welt des Vorderen Orients im Sinne westlicher Demokratien zu formen. Nun, knapp zwei Jahre nach dem Aufstand in Tunis und dem atemberaubenden Aufstand im benachbarten Ägypten ist bei westlichen Beobachtern der Katzenjammer ausgebrochen, weil man im lausigen Arabien in zwei Jahren nicht das zustande brachte, für das man in Europa mehr als zweihundert gebraucht hatte.

Dabei liefert das Ägypten unserer Tage gerade das Referenzstück für die zu befürchtende Zukunft der gesamten arabischen Welt. Die Aktionen des neuen großen Mannes, Mursi, der mit einer Generalermächtigung zu regieren gedenkt, werden mal als das traditionell Ägyptisch-Pharaonische gebrandmarkt, was zweifelsohne zutrifft, denn seit Nasser haben alle mit einem solchen Dekret regiert, oder es wird als das zu erwartende Fundamentalistisch-Islamische verstanden, was ganz und gar nicht zutrifft. Die Scharia, von der immer wieder in grenzenloser Unwissenheit geredet wird, war im 20. Jahrhundert meistens die Grundlage der ägyptischen Rechtsprechung, und die Muslimbruderschaft, die getragen wird von einer verarmten islamischen Massenbasis, wird nicht geführt von sich auf den Koran berufenden Extremisten.

Betrachtet man die Mitglieder der Regierung Mursi, dann fällt auf, dass sie sich so gar nicht aus typischen Gotteseiferern zusammensetzt, sondern fast exklusiv aus Technokraten, die zumeist im Westen studiert haben. Die meisten Regierungsmitglieder sind Ingenieure und sie haben ein technokratisches Weltverständnis. Vieles spricht dafür, dass sie sich der fundamentalen, rückwärts gewendeten und Sicherheit im Glauben suchenden Massenbasis bemächtigten, um sich einen Staat zu formen, der nach wie vor autoritär, auf Wissenschaft und Technik basierend und effektiv organisiert sein soll. Das, was Mursi und seine Mitstreiter aus den islamistisch-politischen Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte gelernt haben, ist, die Massen in ihren elitär-technokratischen Herrschaftsplan aktiv mit einbeziehen zu müssen. Sie sind die gesellschaftlich orientierte Variante des sektiererischen Terrorismus, der seinerseits genauso wenig mit der Wohlfahrt der Bevölkerungsmehrheit zu tun hat wie die Regierung Mursi.

Das Interessante an der gegenwärtigen Entwicklung Ägyptens ist die Frage, ob es der technokratischen Elite gelingt, den Islam in einem autoritären Herrschaftssystem zu domestizieren, ob es den Schichten gelingt, die die Revolution mitgetragen haben und die als aufgeklärt gelten, Mehrheiten gegen diesen diabolischen Plan zu mobilisieren oder ob der Westen wieder einmal aufgrund von Unkenntnis einen autoritären Bären aus dem Käfig lässt, der mit unbarmherziger Pranke das Land befriedet. Die Regierung Mursi hat sich mit ihrem Projekt entlarvt als eine Avantgarde des nach innen gerichteten Terrors und die gegenwärtige Opposition der Straße als eine Bewegung, die den Grundstein für die Befreiung der ganzen arabischen Welt legen könnte. Diese Bewegung jetzt zu unterstützen ist das oberste Gebot. Dieses jetzt zu unterlassen, grenzt an die grausigen Fehler der Westmächte in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, die als Appeasement in die Geschichte eingingen. Der Westen muss begreifen, dass es nicht gegen den Islam, sondern gegen eine skrupellose Clique geht, die die armen, gut gläubigen Teufel für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Zwei Arten von Referenzsystemen

Der immer wieder auftretende große Unmut über das System Politik hat mehrere Ursachen. Zu allen Zeiten wurde über die charakterliche Beschaffenheit von Politikern geklagt. Immer wieder monierte der Zeitgeist ihre Ferne zum wahren Leben und immer wieder wurde der Vorwurf formuliert, es fehle an Persönlichkeiten, die in der Lage seien, das von ihnen vertretene politische Programm glaubhaft zu kommunizieren. Interessant dabei ist die nicht zu leugnende Beobachtung, dass das immer so war und es wohl etwas mit der Präsenz unterschiedlicher Generationen auf dem Spielfeld der Politik zu tun hat. So ist es nicht selten, dass Politiker, die von der gleichen Generation, mit der sie aufgewachsen sind, bis zu einem gewissen Punkt heftig kritisiert wurden, bis sie so langsam von der Bühne verschwanden, sodann aber von den gleichen, früheren Kritikern als leuchtende Beispiele vergangener Tage in den Himmel gehoben werden, um den Unmut über die zeitgenössischen Akteure zu unterstreichen. Auch momentan ist dies zu beobachten, die einer Madonnenverehrung gleichkommende Zelebrierung von Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind ein beredter Beleg dafür.

Im Raum bleibt der zu allen Zeiten und von allen Generationen artikulierte Vorwurf der Fremdheit der politischen Klasse von den Lebensbedingungen der großen Masse der Bevölkerung. Die Ursache für diese nicht von der Hand zu weisende Beobachtung liegt in der Verpflichtung auf verschiedene Referenzsysteme. Herrschen für den Großteil der Bevölkerung die Bewertungskriterien für Arbeit in einem ökonomischen Prozess, so sind es bei der Politik die der eigenen Logik.

Arbeit wird durch Leistung gemessen, sprich welchen Erbringen erbringen die Akteure bei welchem Aufwand von Energie, Wissen, Können und Ressourcen in welcher Zeit. Es ist nur folgerichtig, dass die Große Masse, die sich in Arbeitsprozessen befindet, diese Messlatte an Politiker anlegt und ihnen wie selbstverständlich damit nicht gerecht wird. Das politische System und politische Parteien können mit der Fragestellung von Arbeitsleistung nicht sonderlich viel anfangen. Das Gutscheinsystem innerhalb dieser Welt wird hingegen mit der Valuta der Loyalität gemessen. Wer sich innerhalb des politischen Subsystems als zuverlässig erweist, bringt die Voraussetzungen mit, um Karriere zu machen. Nur wer innerhalb des eigenen Referenzsystems als zuverlässig gilt, kann erwarten, dass er in Positionen gelangt, die noch mehr Loyalität zur eigenen Organisation erfordern. Eben dieser Unterschied zwischen Arbeit und Politik ist es, der die Irritationen heraufbeschwört.

Richtig verworren wird es dann, wenn Politiker durch Ämter die Referenzsysteme wechseln und dann beiden gleichzeitig verpflichtet sind. Dann kommt es in der Regel zu großer Verwirrung und Verstörung, weil die jeweiligen Systeme Politik und Arbeit das ihr eigene Bewertungssystem beibehalten und für das Gesamte reklamieren. Der betreffende Politiker, der aus der Politik heraus eine Funktion innerhalb des Systems Arbeit erhält, steht in der Regel vor einer unlösbaren Aufgabe. Entweder er bleibt in der ihm angestammten Domäne der Politik, dann gilt e als schlechter Manager des Systems Arbeit, oder er wechselt konsequent in sein neues Domizil der Arbeit, dann gilt er der Politik als abtrünnig und unzuverlässig.

Der Spagat ist de facto kaum zu leisten, es sei denn, die betreffenden Politiker erbrächten eine Kommunikationsleistung, die alles andere aufzehrt, was auch unbefriedigend sein muss. Eine Lösungsformel für dieses Dilemma ist schwer zu finden, aber vielleicht hülfe es, es immer wieder offen zu thematisieren, um sich von den unproduktiven Prozessen der gegenseitigen Vorwürfe wegzubewegen.

Ein Meister der Metrik

Dave Brubeck

Als er starb, am Vorabend seines 92. Geburtstags, dauerte es nur wenige Minuten, bis überall auf der Welt die unverwechselbaren Akkorde von Take Five zu hören waren. Dave Brubeck, der Weiße, der Grandseigneur, der Kühle, der für das Situierte der Westküste stand, hatte mit seinem Album Time Out bereits 1959 die Pforte zur Unsterblichkeit aufgestossen.Vor allem mit jenem berühmten Take Five gelang ihm und dem Saxophonisten Paul Desmond ein Welthit im 5/4-Takt. Das wäre kaum erwähnenswert, wenn das Album Time Out nicht die Klammer wäre, die die Entwicklung des nordamerikanischen Jazz des 20. Jahrhunderts komplettiert hätte.

Dave Brubeck, Sohn eines Viehzüchters und einer Konzertpianistin, aufgewachsen in Kalifornien, konnte in der Unaufgeregtheit der Westküste die Wucht und Dramatik der Ostküste miterleben, konnte hören, wie Dizzy Gillespie und Charlie Parker in der akrobatischen Variation infantiler Harmonien das Herz zum Rasen brachten und später Miles Davis, John Coltrane und Bill Evans die modale Revolution vollzogen.

Brubeck selbst griff auf den Kanon der europäischen Klassik zurück und hauchte ihr mit einer neuen, dem Jazz entlehnten Metrik neues, amerikanisches Leben ein. Das Phänomenale, Betörende und dennoch Unkapriziöse von Take Five ist die Metrik, die diese Wirkung erzeugt. Joe Morellos Schlagzeug, das diesen Takt konsequent hält, ohne darauf zu verzichten, unzählige Variationen der Dynamik zu vermitteln, die sich mal anhören wie gefälliger Swing, mal wie das Präludium auf dem Schlachtfeld, Paul Desmonds melodische Lyrik, die wie eine Verhöhnung der Schwierigkeit des Experiments herüberkommt und natürlich Brubecks penetrante Akkorde, die wie ein Insistieren auf die Unvergänglichkeit des Augenblicks klingen, alles das inszeniert die Wirkung dieses Stücks, das das Markenzeichen einer Denk- und Spielweise wurde, die mit dem Namen Dave Brubecks assoziiert werden.

Time Out war das erste Jazz-Album, das in seinen Verkaufszahlen die Millionengrenze überschritt. Es sollte nicht nur in dieser Hinsicht eine Analogie aufweisen zu Miles Davis Kind of Blue. Beide wiesen dem amerikanischen Jazz neue Dimensionen zu, beide erreichten ein Millionenpublikum, das eine kam von der Ost-, das andere von der Westküste, das eine produzierten weiße, das andere schwarze Musiker. Und gerade damit wurde die kommunikative Macht des nordamerikanischen Jazz verdeutlicht. Davis und Brubeck überschritten in ihren Beiträgen die historischen Gräben, die Bürgerkrieg und Sklaverei gerissen hatten, sie wiesen den Weg zu einer gemeinsamen Philosophie und Metrik, zumindest im Jazz. Davis Kind of Blue enthielt die Metaphern der Südstaaten wie der urbanen Metropolen der Ostküste, Brubecks Time Out die cartesianische Logik der europäischen Zivilisation.

Wenn ein Mensch mit der Biographie Dave Brubecks im hohen Alter von 91 Jahren stirbt, ist man geneigt, von einem erfüllten Leben zu sprechen. Das mag sein, denn Brubeck galt als weiser Mann, der wusste, sich zurückzuhalten, der das Maß über alles beherrschte mit Ausnahme seiner Passion für die Musik. Diese Charaktereigenschaften und das Übermaß an Inspiration bescherten ihm seinen Beitrag zum nordamerikanischen Jazz. Und jemand, dem es bereits in jungen Jahren gelang, die Zeit stehen zu lassen, der ist eigentlich unsterblich.