Zu sehr hatte der Westen dem geglaubt, was er glauben wollte. Dass nämlich die Arabellion eine demokratische Revolution sei, die nicht nur der autokratischen Herrschaftsstile müde war, sondern auch – im Zuge und im Geiste einer imaginären Generation Facebook – auf dem Weg ist, die Welt des Vorderen Orients im Sinne westlicher Demokratien zu formen. Nun, knapp zwei Jahre nach dem Aufstand in Tunis und dem atemberaubenden Aufstand im benachbarten Ägypten ist bei westlichen Beobachtern der Katzenjammer ausgebrochen, weil man im lausigen Arabien in zwei Jahren nicht das zustande brachte, für das man in Europa mehr als zweihundert gebraucht hatte.
Dabei liefert das Ägypten unserer Tage gerade das Referenzstück für die zu befürchtende Zukunft der gesamten arabischen Welt. Die Aktionen des neuen großen Mannes, Mursi, der mit einer Generalermächtigung zu regieren gedenkt, werden mal als das traditionell Ägyptisch-Pharaonische gebrandmarkt, was zweifelsohne zutrifft, denn seit Nasser haben alle mit einem solchen Dekret regiert, oder es wird als das zu erwartende Fundamentalistisch-Islamische verstanden, was ganz und gar nicht zutrifft. Die Scharia, von der immer wieder in grenzenloser Unwissenheit geredet wird, war im 20. Jahrhundert meistens die Grundlage der ägyptischen Rechtsprechung, und die Muslimbruderschaft, die getragen wird von einer verarmten islamischen Massenbasis, wird nicht geführt von sich auf den Koran berufenden Extremisten.
Betrachtet man die Mitglieder der Regierung Mursi, dann fällt auf, dass sie sich so gar nicht aus typischen Gotteseiferern zusammensetzt, sondern fast exklusiv aus Technokraten, die zumeist im Westen studiert haben. Die meisten Regierungsmitglieder sind Ingenieure und sie haben ein technokratisches Weltverständnis. Vieles spricht dafür, dass sie sich der fundamentalen, rückwärts gewendeten und Sicherheit im Glauben suchenden Massenbasis bemächtigten, um sich einen Staat zu formen, der nach wie vor autoritär, auf Wissenschaft und Technik basierend und effektiv organisiert sein soll. Das, was Mursi und seine Mitstreiter aus den islamistisch-politischen Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte gelernt haben, ist, die Massen in ihren elitär-technokratischen Herrschaftsplan aktiv mit einbeziehen zu müssen. Sie sind die gesellschaftlich orientierte Variante des sektiererischen Terrorismus, der seinerseits genauso wenig mit der Wohlfahrt der Bevölkerungsmehrheit zu tun hat wie die Regierung Mursi.
Das Interessante an der gegenwärtigen Entwicklung Ägyptens ist die Frage, ob es der technokratischen Elite gelingt, den Islam in einem autoritären Herrschaftssystem zu domestizieren, ob es den Schichten gelingt, die die Revolution mitgetragen haben und die als aufgeklärt gelten, Mehrheiten gegen diesen diabolischen Plan zu mobilisieren oder ob der Westen wieder einmal aufgrund von Unkenntnis einen autoritären Bären aus dem Käfig lässt, der mit unbarmherziger Pranke das Land befriedet. Die Regierung Mursi hat sich mit ihrem Projekt entlarvt als eine Avantgarde des nach innen gerichteten Terrors und die gegenwärtige Opposition der Straße als eine Bewegung, die den Grundstein für die Befreiung der ganzen arabischen Welt legen könnte. Diese Bewegung jetzt zu unterstützen ist das oberste Gebot. Dieses jetzt zu unterlassen, grenzt an die grausigen Fehler der Westmächte in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, die als Appeasement in die Geschichte eingingen. Der Westen muss begreifen, dass es nicht gegen den Islam, sondern gegen eine skrupellose Clique geht, die die armen, gut gläubigen Teufel für ihre Zwecke instrumentalisiert.

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