Archiv für den Monat Dezember 2012

Partizipation und Entmündigung

Die Objektivierung und Regulierung von Verfahren beinhaltet auch eine gehörige Portion von Entschleunigung. Wir kennen das aus unserem täglich erlebten gesellschaftlichen Dasein. Die so genannte Großprojekte exerzieren es uns vor: Ob Hamburger Elbphilharmonie, der Überseehafen in Wilhelmshaven, der Berliner Flughafen oder der Stuttgarter Bahnhof, sie alle dauern länger als geplant, kosten weitaus mehr als kalkuliert, führen zur Spaltung der betroffenen gesellschaftlichen Mikrokosmen und gelten letztendlich als gewaltige Überforderung aller Beteiligten. Die Ursachenforschung ist zumeist exklusiv Interessen geleitet und dient dazu, den eigenen Standpunkt zu legitimieren. Was auffällt, ist, dass die tatsächliche und so erlebte Überforderung mit Großprojekten eine typisch europäische Erscheinung zu sein scheint. In anderen Teilen der Welt gelingen weit gewaltigere Vorhaben wesentlich schneller.

Vergleicht man die hiesigen Großprojekte z.B. mit denen weitaus schneller realisierten und größer dimensionierten in Asien, dann fällt natürlich auf, dass die rechtlichen Spielräume, deren Dichte zu erklären ist aus Schutzbestimmungen für Mensch und Umwelt, dort, wo es schneller funktioniert, nicht so elaboriert sind wie in Zentraleuropa. Die Anmerkung, dass die Individualisierung der Gesellschaft hier ein Stadium erreicht hat, das den gesellschaftlichen Fortschritt verhindert und es eine Signifikanz für die post-heroische Form der Gesellschaft beschreibt, sei einmal dahin gestellt. Es scheint dennoch zuzutreffen, dass die Formen der Partizipation durch partikulare Interessengruppen in den zentraleuropäischen Gefilden eine Hausse erlebt, die z.B. in den USA bereits wieder abebbt. Die Nutzung von Einspruchsrechten ist mitverantwortlich für die verzögerte Realisierungsdauer, genauso wie die zumeist politisch lancierten Fehlkalkulationen, mit denen derlei Projekte zu Beginn schmackhaft gemacht werden sollen.

Die ohne jeden Zweifel als Errungenschaft zu bezeichnenden Rechte der Bürgerinnen und Bürger müssen in den einzelnen Fällen dahingehend näher betrachtet werden, als dass die Frage nach den Nutzern dieser Rechte eine demokratische Relevanz hat. Es befremdet, wenn z.B. Anlieger, die eine Immobilie deshalb billiger erstanden haben, weil sie in Flughafennähe liegt, nach dem Erwerb gegen den Betrieb des Flughafens rechtlich vorgehen, oder wenn Bewohner von exklusiven Hanglagen gegen Großbauprojekte sind, weil sie für einige Jahre das Panorama verderben. Oft, nicht immer, sind knallharte egoistische Interessen einer Minderheit das Movens für den Protest und den rechtlichen Einwand.

Und gerade weil diese Klientel sich zu wehren weiß, weil sie die Rechtswege kennt und die Nutzung der Medien durchaus beherrscht, tendiert die Politik zunehmend dazu, die demokratisch legitimierten Rechtswege zu öffnen für weitere Formen der Beteiligung, die ausgerechnet von der versierten, zumeist eher nur platonisch betroffenen Klientel genutzt werden, um ihre gesellschaftlichen Egoismen hemmungslos auszuleben. Die tatsächlich Betroffenen, die in einer Anwandlung von gesellschaftlichem Heroismus die Weiterentwicklung aller als eine Last akzeptieren, die jeder zu tragen hat, spielen bei der Kalkulation um die politische Legitimation bereits keine Rolle mehr. Stattdessen werden neue Foren geschaffen, in denen sich der Eigensinn ungehemmt ausleben kann. Zumindest in jeder Großstadt unserer Republik lassen sich zahlreiche Beispiele dafür nennen, dass sich die Privilegierten besonderer Zusatzrechte bedient haben, und dass diejenigen, die ihr urbanes Dasein mit Belästigungen bezahlen, gar nicht mehr gehört werden.

Die so genannte Demokratisierung bei der Planung und Durchführung von Großprojekten nimmt immer mehr die Form einer Börse für die Umverteilung der Lasten an. Diese verzögert nicht nur die Durchführungszeiten von Projekten, sie treibt auch die Kosten in die Höhe. Auch das dokumentiert den Egoismus. Seinem Charakter nach entmündigt es die Schwachen. Darüber muss nachgedacht werden!

Täterprofile und Mystifikationen

Man sollte näher hinschauen! Sozialpsychologen haben das Profil von Amokläufern, egal, wo sie im Westen unterwegs sind, bereits vor vielen Jahren erstellt. Allen gemein sind drei Merkmale: 1. sie sind männlich, sie sind 2. sozial isoliert und vereinsamt und sie haben 3. Zugang zu Waffen. Sobald wieder einmal ein Amoklauf das Leben vieler Menschen kostete, dauert es wenige Stunden, bis die Forderungen aufkommen, man müsse die Waffengesetze verschärfen. Keine Frage, kann man da sagen, es ist bekannt, dass der leichte Zugang zu ihnen das Desaster perfekt macht. Und, selbstverständlich, in einer aufgeklärten zivilen Gesellschaft gehören letale Waffen hinter Schloss und Riegel! Nur, leider, wird so getan, als habe man, damit ist die Politik genauso gemeint wie die Pädagogen und die Eltern der zumeist jugendlichen Opfer, dann das getan, was zu tun ist. Und man hat die Lebenslügen, die herrschen gleichzeitig mit bedient. Zum Beispiel die, dass das Unheil immer aus den USA komme, obwohl die Anzahl der Amokläufe wie der dadurch verursachten Opfer in Relation zur Bevölkerungsgröße in der Bundesrepublik und noch mehr in skandinavischen Ländern weit höher ist als dort.

Was allerdings aus der Frage wird, warum es ausgerechnet junge Männer sind, die den Weg der Zerstörung wählen, wie zum Beispiel im deutschen Winnenden, wo der Täter ganz gezielt nur Lehrerinnen und Mädchen liquidiert hat? Und wie sieht es mit der sozialen Isolation und Vereinsamung aus? Diese Täterprofile spielen in der hauptsächlich durch symbolische Handlungen geprägten Diskussion keine Rolle. Hat jemals ein Diskurs darüber stattgefunden, dass in unserer Gesellschaft bestimmte Unterdrückungsmechanismen gegenüber maskulinen Biologismen herrschen, die vor allem junge Männer in der Pubertät in den Wahnsinn treiben können? Und ist jemals die Frage wirksam erörtert worden, was die Aushöhlung der kollektiven Sozialbeziehungen für Verwüstungen in der juvenilen Psyche anrichtet? Stattdessen geht es immer nur um den Waffenschrank und neue Gesetze, wahrscheinlich, weil es mehr als unbequem ist, sich mit der gesellschaftlichen Mitverantwortung für die Verzweiflung junger Männer auseinandersetzen zu müssen.

Die Auflösung eines gesellschaftlichen Verständnisses über die Rolle ihrer einzelnen Glieder in bestimmten, schwierigen Entwicklungsphasen hat zu einer Tabuisierung essenzieller Fragen geführt, die zu der Verzweiflung, die der destruktiven Aggression vorausgeht, führen müssen. Das malaiische Wort Amok steht für den Ausbruch nach dem Tabu, für die Unmöglichkeit des Akteurs, sich weiter zu zügeln, weil es seine eigenen Mittel der Mäßigung weit übersteigt. Dann, wenn der Ausbruch kommt, reagiert die Gesellschaft, die selbst die Tabuisierungsmechanismen aktiv mit betreibt, jedesmal mit Empörung gegenüber dem Amokläufer und Mitgefühl mit den Opfern bez. ihren Angehörigen. Wenn es eine Geste der Heuchelei gibt, dann ist es diese.

Der aktuelle Fall im amerikanischen Connecticut hat zudem noch illustriert, wie wahnwitzig die Festungsmentalität, die von den Befürwortern von Barrikadierung und Überwachung von öffentlichen Einrichtungen zum vermeintlichen Schutz der Insassen gereichen kann. Auch in Deutschland träumt so manche Interessengruppe des Schulsystems von Videocameras, Stacheldrähten und Schließanlagen, um gegen Amokläufe gerüstet zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schülerinnen und Schüler in Connecticut saßen in einer solchen geschlossenen und verbarrikadierten Schule und damit in der Todesfalle. Solange nicht über die Ursachen der Verzweiflung gesprochen wird, sind die Mechanismen der Symbolpolitik nicht nur scheinheilig, sondern sie wirken zudem zynisch.

Essays, die brennen

F. Scott Fitzgerald. Früher Erfolg

Francis Scott Fitzgerald ist die wohl tragischste Figur der amerikanischen Moderne. Er, den man als Autor wie als Individuum als prominentes Mitglied des so genannten Jazz Age nennen muss, der das Tempo der amerikanischen Ostküstenmetropolen aufnehmenden Nachkriegsgeneration. Später dann war Fitzgerald der Lost Generation zuzurechnen, die sich in das Literatur affinere, bezahlbarere Frankreich absetzenden jungen Amerikaner um Gertrude Stein und Ernest Hemingway. Natürlich nennt man heute den Autor immer in einem Atemzug mit dem großen Gatsby, der zu Fitzgeralds Lebzeiten zwar ein Erfolg war, aber nicht der, als der er nach der Verfilmung 1974 mit Mia Farrow und Robert Redford erschien.

Der 1896 in St. Paul/Minnesota geborene Francis Scott Fitzgerald gelangte sehr früh zum literarischen Erfolg. Bereits 1920 durchbrach er mit This Side of Paradise die Schallmauer. In kurzen Abständen folgten Flappers and Philosophers, The Beautiful and Damned und Tales of the Jazz Age. Fitzgerald heiratete Zelda Sayre und die beiden wurden das Paar der New Yorker Szene schlechthin. Beide wurden im Laufe der Jahre Opfer ihres extravaganten, von Alkoholexzessen geprägten Lebenswandels, der Fitzgerald bereits mit 44 Jahren das Leben kostete.

Bei dem vorliegenden Essay-Band, der leider unter dem einfallslosen Titel Früher Erfolg: Über Geld und Liebe, Jugend und Karriere, Schreiben und Trinken veröffentlicht wurde, handelt es sich um Essays aus der Zeit des ganz großen Erfolgs und des rauschenden Tempos. Egal, um welche Betrachtungen es sich dabei handelt, ob es sich um die Corporate Identity der Universität Princeton handelt oder die Frage, wie locker das Geld bei schnellem Erfolg sitzt, Fitzgerald, der in den Jahren der Niederschrift immer über dem Limit lebte, bleibt ein erstaunlich guter, sachlich exakter und gründlich reflektierter Beobachter.

Manche dieser Essays haben aufgrund der analytischen Schärfe ihres Autors eine bestechende Aktualität. In Mädchen glauben an Mädchen skizziert er die jungen, selbstbewussten Nachkriegs-New Yorkerinnen und erklärt die Erosion der dominanten Männerrolle durch die Tatsache des Erziehungsmonopols des vorhergehenden Jahrzehnts durch die Frauen. In Warten Sie, bis sie Kinder haben, bekommt der Leser einen Exkurs über das Herausbilden eigenbestimmter und eigenverantwortlicher Persönlichkeiten, wie er aktuell angesichts der Entmündigung und/oder Überversorgung nicht relevanter und erlösender sein könnte. Und Meine verlorene Stadt, der Versuch, New York und seine Wirkung zu erklären, muss als eine der wirklich treffenden Charakterisierungen New Yorks angesehen werden. Die von Fitzgerald beschriebene Mixtur aus Tempo, Rausch, Subjektivität und Vergänglichkeit besticht durch Analyse wie Sprache und ist zudem eine bewegende Hommage an den dynamischen Lebensgeist der in dieser Metropole kämpfenden Menschen.

Das Echo des Jazz Age ist ebenso interessant und hinsichtlich der Wirkungstheorien bestimmter Epochen nahezu unverzichtbar, ähnlich wie die verschiedenen Etüden zum Dasein und Schaffen des Schriftstellers, wobei in ihnen sich die böse Ahnung des finalen Scheiterns des Autors nicht ausblenden lässt. Die vorliegenden Essays Scott Fitzgeralds sind alles andere als Mainstream, sie wirken wie Medizin in Zeiten des kulturellen Triumphalismus wie des dekadenten Defätismus. Der Band korrigiert nicht nur das geläufige, allzu glatte Porträt des außergewöhnlichen Schriftstellers, er bereichert auch heute noch durch die sprachliche Qualität und analytische Güte der Essays.