Das Vermächtnis des Kastenjakl

In seinem Roman Das Leben meiner Mutter, der die historische Dimension der deutschen Geschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in einer epischen und analytischen Qualität erfasst wie kaum ein anderer, spielt die Figur des Kastenjakls die Rolle des Sonderlings, die nur zu erklären ist aus seiner Familiengeschichte, die sich erstreckt auf hunderte von Jahren der Verfolgung und Unterdrückung. Angesichts der sich in diesen Tagen häufenden Wünsche für Frieden und Besinnung, der Ressentiments gegenüber anderen Religionen und der Vergessenheit über die eigene, scheinen die Sätze des Kastenjakl für einen wohlwollenden Kontrapunkt zu sorgen:

„Unseren Urgroßvater mit Namen Peter, verheirateter Handwerksmann mit vier Kindern, und seinen Bruder Andreas, ledig, haben sie selbigerzeit gefasst im Haus im Untersulzbachischen. Einfach herausgerissen sind sie worden aus der Werkstatt und nackt ausgezogen. Dem einen wie dem anderen ist alsdann die rechte Hand abgehackt worden und ins Gesicht geschmissen. Sie sollten nie mehr ein Kreuz machen und nichts mehr ehrenhaft arbeiten können. Alsdann haben die Schergen jedwedem hinten und vorn einen dicken Bündel Stroh auf die Haut gebunden und angezunden. Geschrien haben die Firmianischen: So, und jetzt Marsch mit euch! Lauft dem Teufel entgegen! Der freut sich schon! Weib und Kinder machen wir schon katholisch, wenn ihr in der Höll seid! Und wie keiner hat laufen wollen und sich gewunden hat, haben die Schinder gestochen, bis jeder Reißaus genommen hat. Sie sind geloffen mit der siedenden Haut, wer weiß wohin…

Ein giftiger Stachel ist in einem jeden geblieben, der dieses Foltern, Schinden und Ausrauben ewige Zeiten durchgemacht hat und noch nachspürt, als wär´s ihm selber leibhaftig geschehen. Hat keiner mehr glauben können an so ein Nebelding, das wo sich heißt Gott, der Herr der Heerscharen, und allfort ruhig zugeschaut hat und den ganzen niederträchtigen Jammer hat geschehen lassen! Wir haben nichts vergessen und sind zu guter Letzt in die Verstellung und in alle schleicherische List geschloffen, auf dass uns keiner mehr hat kennen können, wer wir sind. Wir haben spielen müssen frommgläubige Katholiken, sind Lutherische und Reformierte gewesen, wie man´s verlangt hat, und haben gewechselt das Glaubensgesicht wie ein Hemmerd, wo man, weil Flöh´drinnen sind, ablegt. Wir haben geschwindelt und gelogen und gedienert und gefeilscht, weil´s immer um ein Haar ums Leben gegangen ist, aber wir haben zum Ende ganz wirklich den Krimskrams von einem Herrgott und einer Seligkeit ad acta gelegt. War immer zu schlechten Nutzen für einen jeden von uns, aber vergessen haben wir nichts, und einmal soll´s einer vielhundertmal vergelten, weil sie uns so ausgebrannt haben inwendig.

Schau ich´s an, wie ich will, dann kommt es mir vor, als wär der Maxl schon der Rechte. Er wird weiter kommen als ich, und zu hoffen ist, dass er irgendein stockiges, katholisches Weibsbild mit Geld hinters Licht führt und einfangt, das ihm Kinder bringt. Macht´s er nicht ganz, so wird´s eines der Kinder zu End´bringen. Nichts wär schöner! Gewiss ist, dass wir in unserer allerersten Vorderzeit engelsgut gewesen sind und gewaltmäßig zu Teufeln gemacht worden sind. Sie sollen´s also spüren, was ein Teufel ist…“

Oskar Maria Graf. Das Leben meiner Mutter, Frankfurt am Main 1982, S. 282ff.