Täterprofile und Mystifikationen

Man sollte näher hinschauen! Sozialpsychologen haben das Profil von Amokläufern, egal, wo sie im Westen unterwegs sind, bereits vor vielen Jahren erstellt. Allen gemein sind drei Merkmale: 1. sie sind männlich, sie sind 2. sozial isoliert und vereinsamt und sie haben 3. Zugang zu Waffen. Sobald wieder einmal ein Amoklauf das Leben vieler Menschen kostete, dauert es wenige Stunden, bis die Forderungen aufkommen, man müsse die Waffengesetze verschärfen. Keine Frage, kann man da sagen, es ist bekannt, dass der leichte Zugang zu ihnen das Desaster perfekt macht. Und, selbstverständlich, in einer aufgeklärten zivilen Gesellschaft gehören letale Waffen hinter Schloss und Riegel! Nur, leider, wird so getan, als habe man, damit ist die Politik genauso gemeint wie die Pädagogen und die Eltern der zumeist jugendlichen Opfer, dann das getan, was zu tun ist. Und man hat die Lebenslügen, die herrschen gleichzeitig mit bedient. Zum Beispiel die, dass das Unheil immer aus den USA komme, obwohl die Anzahl der Amokläufe wie der dadurch verursachten Opfer in Relation zur Bevölkerungsgröße in der Bundesrepublik und noch mehr in skandinavischen Ländern weit höher ist als dort.

Was allerdings aus der Frage wird, warum es ausgerechnet junge Männer sind, die den Weg der Zerstörung wählen, wie zum Beispiel im deutschen Winnenden, wo der Täter ganz gezielt nur Lehrerinnen und Mädchen liquidiert hat? Und wie sieht es mit der sozialen Isolation und Vereinsamung aus? Diese Täterprofile spielen in der hauptsächlich durch symbolische Handlungen geprägten Diskussion keine Rolle. Hat jemals ein Diskurs darüber stattgefunden, dass in unserer Gesellschaft bestimmte Unterdrückungsmechanismen gegenüber maskulinen Biologismen herrschen, die vor allem junge Männer in der Pubertät in den Wahnsinn treiben können? Und ist jemals die Frage wirksam erörtert worden, was die Aushöhlung der kollektiven Sozialbeziehungen für Verwüstungen in der juvenilen Psyche anrichtet? Stattdessen geht es immer nur um den Waffenschrank und neue Gesetze, wahrscheinlich, weil es mehr als unbequem ist, sich mit der gesellschaftlichen Mitverantwortung für die Verzweiflung junger Männer auseinandersetzen zu müssen.

Die Auflösung eines gesellschaftlichen Verständnisses über die Rolle ihrer einzelnen Glieder in bestimmten, schwierigen Entwicklungsphasen hat zu einer Tabuisierung essenzieller Fragen geführt, die zu der Verzweiflung, die der destruktiven Aggression vorausgeht, führen müssen. Das malaiische Wort Amok steht für den Ausbruch nach dem Tabu, für die Unmöglichkeit des Akteurs, sich weiter zu zügeln, weil es seine eigenen Mittel der Mäßigung weit übersteigt. Dann, wenn der Ausbruch kommt, reagiert die Gesellschaft, die selbst die Tabuisierungsmechanismen aktiv mit betreibt, jedesmal mit Empörung gegenüber dem Amokläufer und Mitgefühl mit den Opfern bez. ihren Angehörigen. Wenn es eine Geste der Heuchelei gibt, dann ist es diese.

Der aktuelle Fall im amerikanischen Connecticut hat zudem noch illustriert, wie wahnwitzig die Festungsmentalität, die von den Befürwortern von Barrikadierung und Überwachung von öffentlichen Einrichtungen zum vermeintlichen Schutz der Insassen gereichen kann. Auch in Deutschland träumt so manche Interessengruppe des Schulsystems von Videocameras, Stacheldrähten und Schließanlagen, um gegen Amokläufe gerüstet zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schülerinnen und Schüler in Connecticut saßen in einer solchen geschlossenen und verbarrikadierten Schule und damit in der Todesfalle. Solange nicht über die Ursachen der Verzweiflung gesprochen wird, sind die Mechanismen der Symbolpolitik nicht nur scheinheilig, sondern sie wirken zudem zynisch.