Der immer wieder auftretende große Unmut über das System Politik hat mehrere Ursachen. Zu allen Zeiten wurde über die charakterliche Beschaffenheit von Politikern geklagt. Immer wieder monierte der Zeitgeist ihre Ferne zum wahren Leben und immer wieder wurde der Vorwurf formuliert, es fehle an Persönlichkeiten, die in der Lage seien, das von ihnen vertretene politische Programm glaubhaft zu kommunizieren. Interessant dabei ist die nicht zu leugnende Beobachtung, dass das immer so war und es wohl etwas mit der Präsenz unterschiedlicher Generationen auf dem Spielfeld der Politik zu tun hat. So ist es nicht selten, dass Politiker, die von der gleichen Generation, mit der sie aufgewachsen sind, bis zu einem gewissen Punkt heftig kritisiert wurden, bis sie so langsam von der Bühne verschwanden, sodann aber von den gleichen, früheren Kritikern als leuchtende Beispiele vergangener Tage in den Himmel gehoben werden, um den Unmut über die zeitgenössischen Akteure zu unterstreichen. Auch momentan ist dies zu beobachten, die einer Madonnenverehrung gleichkommende Zelebrierung von Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind ein beredter Beleg dafür.
Im Raum bleibt der zu allen Zeiten und von allen Generationen artikulierte Vorwurf der Fremdheit der politischen Klasse von den Lebensbedingungen der großen Masse der Bevölkerung. Die Ursache für diese nicht von der Hand zu weisende Beobachtung liegt in der Verpflichtung auf verschiedene Referenzsysteme. Herrschen für den Großteil der Bevölkerung die Bewertungskriterien für Arbeit in einem ökonomischen Prozess, so sind es bei der Politik die der eigenen Logik.
Arbeit wird durch Leistung gemessen, sprich welchen Erbringen erbringen die Akteure bei welchem Aufwand von Energie, Wissen, Können und Ressourcen in welcher Zeit. Es ist nur folgerichtig, dass die Große Masse, die sich in Arbeitsprozessen befindet, diese Messlatte an Politiker anlegt und ihnen wie selbstverständlich damit nicht gerecht wird. Das politische System und politische Parteien können mit der Fragestellung von Arbeitsleistung nicht sonderlich viel anfangen. Das Gutscheinsystem innerhalb dieser Welt wird hingegen mit der Valuta der Loyalität gemessen. Wer sich innerhalb des politischen Subsystems als zuverlässig erweist, bringt die Voraussetzungen mit, um Karriere zu machen. Nur wer innerhalb des eigenen Referenzsystems als zuverlässig gilt, kann erwarten, dass er in Positionen gelangt, die noch mehr Loyalität zur eigenen Organisation erfordern. Eben dieser Unterschied zwischen Arbeit und Politik ist es, der die Irritationen heraufbeschwört.
Richtig verworren wird es dann, wenn Politiker durch Ämter die Referenzsysteme wechseln und dann beiden gleichzeitig verpflichtet sind. Dann kommt es in der Regel zu großer Verwirrung und Verstörung, weil die jeweiligen Systeme Politik und Arbeit das ihr eigene Bewertungssystem beibehalten und für das Gesamte reklamieren. Der betreffende Politiker, der aus der Politik heraus eine Funktion innerhalb des Systems Arbeit erhält, steht in der Regel vor einer unlösbaren Aufgabe. Entweder er bleibt in der ihm angestammten Domäne der Politik, dann gilt e als schlechter Manager des Systems Arbeit, oder er wechselt konsequent in sein neues Domizil der Arbeit, dann gilt er der Politik als abtrünnig und unzuverlässig.
Der Spagat ist de facto kaum zu leisten, es sei denn, die betreffenden Politiker erbrächten eine Kommunikationsleistung, die alles andere aufzehrt, was auch unbefriedigend sein muss. Eine Lösungsformel für dieses Dilemma ist schwer zu finden, aber vielleicht hülfe es, es immer wieder offen zu thematisieren, um sich von den unproduktiven Prozessen der gegenseitigen Vorwürfe wegzubewegen.
