Dave Brubeck
Als er starb, am Vorabend seines 92. Geburtstags, dauerte es nur wenige Minuten, bis überall auf der Welt die unverwechselbaren Akkorde von Take Five zu hören waren. Dave Brubeck, der Weiße, der Grandseigneur, der Kühle, der für das Situierte der Westküste stand, hatte mit seinem Album Time Out bereits 1959 die Pforte zur Unsterblichkeit aufgestossen.Vor allem mit jenem berühmten Take Five gelang ihm und dem Saxophonisten Paul Desmond ein Welthit im 5/4-Takt. Das wäre kaum erwähnenswert, wenn das Album Time Out nicht die Klammer wäre, die die Entwicklung des nordamerikanischen Jazz des 20. Jahrhunderts komplettiert hätte.
Dave Brubeck, Sohn eines Viehzüchters und einer Konzertpianistin, aufgewachsen in Kalifornien, konnte in der Unaufgeregtheit der Westküste die Wucht und Dramatik der Ostküste miterleben, konnte hören, wie Dizzy Gillespie und Charlie Parker in der akrobatischen Variation infantiler Harmonien das Herz zum Rasen brachten und später Miles Davis, John Coltrane und Bill Evans die modale Revolution vollzogen.
Brubeck selbst griff auf den Kanon der europäischen Klassik zurück und hauchte ihr mit einer neuen, dem Jazz entlehnten Metrik neues, amerikanisches Leben ein. Das Phänomenale, Betörende und dennoch Unkapriziöse von Take Five ist die Metrik, die diese Wirkung erzeugt. Joe Morellos Schlagzeug, das diesen Takt konsequent hält, ohne darauf zu verzichten, unzählige Variationen der Dynamik zu vermitteln, die sich mal anhören wie gefälliger Swing, mal wie das Präludium auf dem Schlachtfeld, Paul Desmonds melodische Lyrik, die wie eine Verhöhnung der Schwierigkeit des Experiments herüberkommt und natürlich Brubecks penetrante Akkorde, die wie ein Insistieren auf die Unvergänglichkeit des Augenblicks klingen, alles das inszeniert die Wirkung dieses Stücks, das das Markenzeichen einer Denk- und Spielweise wurde, die mit dem Namen Dave Brubecks assoziiert werden.
Time Out war das erste Jazz-Album, das in seinen Verkaufszahlen die Millionengrenze überschritt. Es sollte nicht nur in dieser Hinsicht eine Analogie aufweisen zu Miles Davis Kind of Blue. Beide wiesen dem amerikanischen Jazz neue Dimensionen zu, beide erreichten ein Millionenpublikum, das eine kam von der Ost-, das andere von der Westküste, das eine produzierten weiße, das andere schwarze Musiker. Und gerade damit wurde die kommunikative Macht des nordamerikanischen Jazz verdeutlicht. Davis und Brubeck überschritten in ihren Beiträgen die historischen Gräben, die Bürgerkrieg und Sklaverei gerissen hatten, sie wiesen den Weg zu einer gemeinsamen Philosophie und Metrik, zumindest im Jazz. Davis Kind of Blue enthielt die Metaphern der Südstaaten wie der urbanen Metropolen der Ostküste, Brubecks Time Out die cartesianische Logik der europäischen Zivilisation.
Wenn ein Mensch mit der Biographie Dave Brubecks im hohen Alter von 91 Jahren stirbt, ist man geneigt, von einem erfüllten Leben zu sprechen. Das mag sein, denn Brubeck galt als weiser Mann, der wusste, sich zurückzuhalten, der das Maß über alles beherrschte mit Ausnahme seiner Passion für die Musik. Diese Charaktereigenschaften und das Übermaß an Inspiration bescherten ihm seinen Beitrag zum nordamerikanischen Jazz. Und jemand, dem es bereits in jungen Jahren gelang, die Zeit stehen zu lassen, der ist eigentlich unsterblich.
