Dramaturgie einer traurigen, strahlenden Erscheinung

Amy Winehouse at the BBC

Manchmal sind es eher Randnotizen, die an Bedeutung gewinnen, wenn das Schicksal so grausam spielt wie im Falle von Amy Winehouse. Ihr großer Durchbruch und einzigartiger Erfolg mit dem Album Back To Black wäre einer von vielen Meilensteinen gewesen, hätte ihr Leben nicht diese verhängnisvolle Wendung genommen. So, nach ihrem frühen Tod, war es natürlich folgerichtig, dass in den Archiven hektisch gekramt wurde, um noch Aufnahmen zu finden, die sich verramschen ließen. Nun, viel später als die ersten Versuche dieser Art, erschien eine CD und eine DVD mit dem schnörkellosen Titel Amy Winehouse At The BBC. Und das britische Medienhaus bewies einmal wieder, dass es trotz aktueller Skandale auch einfach nur für Qualität steht.

Die auf der CD vorgestellten Titel wurden allesamt live zu unterschiedlichen Anlässen zwischen 2004 und 2009 aufgenommen. Begleitet wurde die Sängerin zumeist neben der Stammbesetzung von einer Big Band (im Gegensatz zu ihrem großen Erfolg mit Sharon Jones Bläsersatz, den Brooklyner Dap Kings). Die Aufnahmen bestechen durch große Qualität und Varianz. Unter den 14 Titeln befinden sich einige, die so nicht bekannt waren und die zeigen, wie dynamisch und schräg Amy Winehouse zum einen an Klassiker heranging, wie zum Beispiel Lullaby of Birdland, und wie wenig glattgebügelt sie zu Werke ging, wenn sie nicht von den Agenturen unter Druck gesetzt wurde, Fuck Me Pumps ist ein brillantes Beispiel dafür.

Die DVD zeigt eine andere, introvertierte, besinnliche und melancholische Seite. Amy Winehouse fuhr mit einem Gitarristen und einem Bassmann ins irische Dingle zu einem kleinen, aber feinen Festival, wo sie in aller Bescheidenheit vor einem Publikum von 100 bis 150 Menschen in spärlicher, nahezu akustischer Version ihre eigene, verwegene und dennoch sentimentale Lyrik ausbreitete. Es sind ungeheuer beeindruckende Aufnahmen, die alle noch so professionellen Nebengeräusche ausblenden und die spirituelle Tiefe und Verletzlichkeit dieser ungeheuer begabten Ausnahmekünstlerin dokumentieren. Die dort insgesamt sechs eingespielten Stücke werden jeweils gerahmt von einem Interview am Rande des Festivals, in dem Winehouse sehr entspannt und offen über ihre Einflüsse und Motive spricht. So ist kein Wunder, dass neben den bekannten Einflüssen aus Rock, Blues und Hip Hop Namen wie Mahalia Jackson, Aretha Franklin und Sarah Vaughan eine wichtige Rolle spielen. Das, was Amy Winehouse auch von denen unterscheidet, denen sie mit ihren mutigen Auftritten den Weg bahnte, der Holismus von von Gospel & Soul und dem Verschrecken und Verstören, das Provokante mit der melancholischen Seite, das, was Amy Winehouses Alleinstellungsmerkmal bleiben wird, kommt in diesem Interview zum Ausdruck.

Interview wie die Aufnahmen in der frugalen Besetzung sowie die CD, die den rauschenden Pomp einer sich etablierenden Diva zelebriert, bringen die vom Teufel inszenierte Ambivalenz der Sängerin zum Klingen. In vielerlei Hinsicht ist das reichhaltiger und aussagekräftiger als das Album Back to Black. Insofern gibt es keinen Grund, sich diesen Exkurs in die Dramaturgie einer traurigen, aber strahlenden Erscheinung vorzuenthalten.