Utopische Provinz und Sinn der melancholischen Existenz

Das Enjoy Jazz Festival in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen scheint sich zu einem Ort der utopischen Provinz zu entwickeln. Schon im Jahr 2005 führte das traditionell in Ludwigshafen stattfindende Abschlusskonzert zu einem Welterfolg des Jazz, in dem Ornette Coleman seiner schon vor Jahrzehnten intonierten avantgardistischen Botschaft eine längere Halbwertzeit einblies. Im letzten Jahr war es Sonny Rollins, der dem Hardbob Konturen der Ewigkeit verlieh. Und nun, im November 2012, kamen Archie Shepp, Yusef Lateef, Reggie Workman, Hamid Drake und Mulgrew Miller in das Ludwigshafener Feierabendhaus, um in dieser Formation Gäste aus aller Welt in ihren Bann zu ziehen.

Dieses Konzert stand außerhalb aller profanen Zweifel, dass hohes Alter die Frage von Qualität kontaminiere. Nein, um den als Arrangeur fungierenden Archie Shepp, den Literaturwissenschaftler, Jazz-Avantgardisten, Revolutionär und zornigen alten Mann, entspann sich ein Happening, das Trennlinien der Disziplinen verschwimmen ließ und eine neue Dimension des Hörens und Begreifens schuf. Was als Jazz-Avantgarde engagiert worden war, produzierte zwei multi-mediale Lehrstunden über die mehr als zweihundertjährige Geschichte des nordamerikanischen Kontinents. Es begann mit der Kakophonie der Entstehung, dem Kampf gegen eine nicht kultivierte Natur, ging über die Etablierung einer Gesellschaft, die in ihrer Klassenstruktur brüchig blieb bis hin zu der Botschaft des Blues, der in einer urbanen, modernen Fiktion des Zusammenlebens mündete.

Archie Shepp erklärte das Projekt mit schroffen Regieanweisungen, Yusef Lateef demonstrierte die multi-perspektivischen Aspekte dieser Kultur mit wissender Milde, Mulgrew Miller legte den melodiösen Teppich des Zeitgeistes, Reggie Workman trieb das Ganze unerbittlich mit der Vorwärtsneigung des Industrialismus und Hamid Drake war das Symbol für die perkussive Verschmelzung von Subjekt und instrumenteller Umgebung.

Da war es unerheblich, welche Stücke das Ensemble auswählte. Von der Chronologie hatten sich die Akteure festgelegt, von den Referenzstücken war es einerlei: An diesem Abend konnten sie alles demonstrieren, weil sie es wollten und sie kein höheres Wesen davon abhalten konnte. Nach der kakophonischen Einlassung, in der Yusef Lateef auf allerlei selbstgefertigten Klangkörpern blies, durchwirkte Shepp das Repertoire mit eigenen Stücken und Standards, die die Welt in dieser nassen Novembernacht stehen ließen. Archie Shepps In A Sentimental Mood ist dazu geeignet, die Lasten des Daseins als den eigentlichen Sinn der melancholischen Existenz zu begreifen und sein Stück Steam, eine Referenz für seinen bei Rasenunruhen in Philadelphia umgekommenen Cousin, ließ die ganze Wucht der Emanzipationskämpfe des 20. Jahrhunderts für einen Augenblick auf die Bühne zurückkehren. Und Kwanza, die bekannte Eigenkomposition mit dem Verweis auf die afrikanischen Wurzeln, tötete ohne Reue die Illusion, sich ohne die Implikationen der industriellen Moderne befreien zu können. Gerade in dieser Interpretation wurde das Solitäre, Authentische des nordamerikanischen Jazz deutlich, der die ethnischen Wurzeln nicht leugnet, aber den zivilisatorischen Prozess nicht missen will.

Dass der Blues das Konzert beendete, war da nur folgerichtig, und dass Yusef Lateef, ein Mann im zweiundneunzigsten Jahr, CC Rider auf der Oboe blies, war alleine ein Ereignis von einzigartiger Prägung. Als hätte es tausende Interpretationen nie gegeben, schien nur diese eine folgerichtig und so erfüllt, dass sie den Wunsch nach Ewigkeit im Publikum brennen ließ. Wäre da in der Zugabe nicht Don´t Get Much Around Anymore gewesen, natürlich ein Ellington-Stück, das die ironische Distanz der Akteure zu sich selbst augenzwinkernd inszenierte. Großartig, unwiederholbar, phänomenal. Danke!