Konzept-Kunst und Börse

Wie antik erscheint das Stöbern in der alten Begriffswelt von Kunst, in der man sich noch Gedanken machte über die Etymologie des Begriffs, als noch erklärt wurde, dass Kunst von kunnen, sprich können stammt und etwas zu tun hat mit der Beherrschung der Form, mit dem, was die Angelsachsen so treffend Craftsmanship nennen, die handwerkliche Meisterschaft. Und selbst die notwendige Erweiterung der Erklärung, die die spirituelle Dimension mit hinzu nahm, um neben der handwerklichen, artistischen Befähigung, das Inspirative, Transzendente und Hermeneutische mit in die Erklärung von Kunst aufzunehmen. So offen, so divers und so spekulativ die historischen Ansätze von Kunst auch sein mochten, sie alle umfassten das Tun des Schaffenden. Auch wenn nicht messbar in Kategorien der Ökonomie, dass es sich in den vor-industriellen Perioden sowieso um Unikate und Solitäre handelte, so hatte Kunst immer einen immensen Gebrauchswert für das einzelne Subjekt, mochte es sich auch um soziale Klassen handeln. Und die historische Dimension der artifiziellen Wertschöpfungsprozesse formten das, was wir heute, wenn wir den Begriff nicht inflationieren, das epochal Kulturelle nennen.

Immer wieder hat sich Kunst – erfolgreich – dagegen wehren können, ein manieristisches Artefakt der Ökonomie per se zu sein, wiewohl sie nie hat leugnen können, dass ihr Ausgangspunkt immer die realen Lebensverhältnisse ihrer Schöpfer waren. Insofern war Kunst doch immer auch eine Reproduktion der realen Verhältnisse, die ihr zugrunde lagen, auch wenn sie sich dagegen auflehnte. Insofern konnte sie ihren Doppelcharakter nie leugnen. Sie war affirmativ oder protestativ, und ehrlich gesagt, meistens beides. Und sie war ein Prozess der Wertschöpfung, der durch die Intervention menschlichen Schaffens in die Existenz toter Materie zustande kam.

Konzept-Kunst, wie sie nicht ohne Grund aus London, New York und Tokio so allmählich aus den Börsenmetropolen in die globalen Märkte schwappt, hat sich des Prozesses der Wertschöpfung gänzlich entledigt. Die Künstler, die die Idee haben, beauftragen andere, diese zu realisieren und ihre einzige Intervention ist die Signatur. Sie beauftragen Meister ihres Faches mit der Produktion eines Artefakts, meistens in einem Prozess, der verschiedene Produktionsperioden umfasst. Die Meister sind lokale Könner, die nahezu in einem komplexen Prozess der Entfremdung einzelne Arbeitsgänge verrichten, deren Gesamtprodukt der Auftraggeber mit seiner Signatur auf dem Markt veräußert. Es handelt sich wohl um den radikalsten Wandel in der gesamten Kunstgeschichte. Konzept-Kunst ist die realisierte Idee des Machen-Lassens und die konsequente Abkehr des Selber-Schaffens.

Insofern ist Konzept-Kunst eine nahezu perfekte Entsprechung für das Agieren der Börse, die sich zunehmend als eigenen Wertschöpfungsort begreift, obwohl die Kombination von und Spekulation mit anderen, von ihr kausal losgelösten Wertschöpfungsprozessen ihr Wesen ausmacht. Auch die Börse ist ein Ort des Machen-Lassens und fern von der Materialisierung eigener Leistung.

So weit, so gut, könnte man meinen. Das Hohe und Sinnstiftende von Kunst war immer ihre Eignung, an ihr selbst die Komplexität, die Stärke und Brüchigkeit dessen begreifen zu können, was sie zum Ausdruck zu bringen gedachte. Daher ist es weit bedeutender als jeder noch so verständliche Reflex, die Konzept-Kunst zu diskreditieren, ihre Komplexität, ihre Stärke und ihre Brüchigkeit auf sich wirken zu lassen, um die Dimension dessen zu begreifen, was die Börsenökonomie der Wertschöpfung anzutun in der Lage ist.