Im Sommer des Jahres 2008 zeichnete sich bereits ab, dass die Republikaner die Macht in den USA verlieren würden. Zuviel Schlechtes war unter der Ägide George W. Bush passiert, als dass sich die Hegemonialmacht noch hätte Weiteres leisten können. Innenpolitisch wurden die Reichen begünstigt wie nie, der Mittelstand kämpfte zunehmend ums Überleben und die Unterschichten lebten bereits in einem Sektor, der nur noch Übergänge in die Kriminalität möglich und wahrscheinlich machte. Wirtschaftlich hatte vieles seine Ursache in der gnadenlosen Abwendung von wertschöpfender Arbeit und der Zuwendung zu einer auf Dienstleistungen und Finanzgeschäfte ausgerichteten Wirtschaftsordnung. Außenpolitisch war die Supermacht strategisch überdehnt, d.h. sie bewegte sich militärisch auf zu vielen Territorien und war in zu viele Konflikte gezogen. Vom politischen Paradigma konnte das alles nicht mehr begründet werden. Kurz: Die USA befanden sich in einer Wirtschafts- wie Sinnkrise. Das führte zu dem unaufhaltsamen Aufstieg Barack Obamas, dem, so kann man durchaus sagen, als Morgengabe noch eine Weltfinanzkrise mit amerikanischem Wirkungszentrum vor die Tür gelegt wurde.
Die Hoffnungen, die die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner in ihn setzten, waren groß, vielleicht auch zu groß. Denn zu anspruchsvoll war das Programm, in das er neben eigenem Ehrgeiz hineingetrieben wurde. Heute, vier Jahre später, kurz vor der entscheidenden Phase eines erneuten Wahlkampfes, sollte man den eigenen Blick nicht durch die pathologisch defätistischen Glossen hiesiger Medien trüben lassen, wenn es um eine nüchterne Bilanz der ersten Amtszeit Obamas geht.
Innen- und wirtschaftspolitisch wurden Grundsteine gelegt, von deren Setzung vor einigen Jahren niemand in den USA zu träumen gewagt hätte. Da existiert heute eine gesetzlich gesicherte Krankenversicherung, die in Europa als selbstverständlich gilt, die es Millionen Amerikanern erlaubt, sich ärztlich behandeln zu lassen. Da wurden vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise Bankengesetze verabschiedet, die der Spekulation weitaus konsequenter den Kampf ansagen als die existierenden z.B. in Deutschland. Und da wurde die Zahl der Erwerbslosen nach dem Hochschnellen in der Krise bereits wieder spürbar gesenkt. Im Bereich der Bürgerrechte sind Quantensprünge zu verzeichnen, und zwar in der realen Lebenswelt, d.h. Migrantinnen und Migranten haben einflussreiche Positionen eingenommen, wie z.B. Sonia Sotomayor von der Bronx, die in den Obersten Gerichtshof der USA aufrückte oder wie die Eröffnungsrede auf dem derzeitigen Parteitag der Demokraten in Charlotte durch den 37-Jährigen Oberbürgermeister von San Antonio, Julian Castro, dokumentiert.
Außenpolitisch war das Bild der USA sehr demoliert, als Obama die Präsidentschaft antrat. Seine Amtsperiode ist gekennzeichnet durch eine zunächst auf Deeskalation ausgerichtete und besonnen von Hilary Clinton umgesetzte Politik der leisen Töne. Zudem löste Obama ein Wahlversprechen ein, dass vielen Amerikanern als der Beweis schlechthin für sein Wort gilt: Er hatte im Wahlkampf 2008 angekündigt, Osama Bin Laden das Handwerk zu legen.
Was von dem Loudmouth-Herausforderer Mit Romney als Leisetreterei kritisiert wird, ist die Voraussetzung für den Versuch, Rolle und Selbstverständnis der USA angesichts eines eigenen Strukturwandels und der Verlagerung des weltpolitischen Epizentrums in den Pazifik neu zu definieren und zu setzen.
Als Bilanz einer Regierung, die seit vier Jahren im Amt ist und mit einer mächtigen Welle der Weltfinanzkrise konfrontiert wurde, ist das nahezu phänomenal. Vergleiche zu anderen Regierungen sind sicherlich hilfreich, aber werden der Dimension der US-amerikanischen Erfordernisse dennoch nicht gerecht. Was allerdings der Akrobat des Steuerrechts und Flash-Back-Ideologe Romney bis dato dieser Bilanz argumentativ entgegengesetzt hat, lässt darauf schließen, dass er außer ideologischen Mustern über keinen Plan verfügt. Letzteres als Regierungsprogramm wäre ein Desaster. Innenpolitisch, außenpolitisch, und für den Rest der Welt.
