Archiv für den Monat September 2012

USA: Auf Messers Schneide

Im Sommer des Jahres 2008 zeichnete sich bereits ab, dass die Republikaner die Macht in den USA verlieren würden. Zuviel Schlechtes war unter der Ägide George W. Bush passiert, als dass sich die Hegemonialmacht noch hätte Weiteres leisten können. Innenpolitisch wurden die Reichen begünstigt wie nie, der Mittelstand kämpfte zunehmend ums Überleben und die Unterschichten lebten bereits in einem Sektor, der nur noch Übergänge in die Kriminalität möglich und wahrscheinlich machte. Wirtschaftlich hatte vieles seine Ursache in der gnadenlosen Abwendung von wertschöpfender Arbeit und der Zuwendung zu einer auf Dienstleistungen und Finanzgeschäfte ausgerichteten Wirtschaftsordnung. Außenpolitisch war die Supermacht strategisch überdehnt, d.h. sie bewegte sich militärisch auf zu vielen Territorien und war in zu viele Konflikte gezogen. Vom politischen Paradigma konnte das alles nicht mehr begründet werden. Kurz: Die USA befanden sich in einer Wirtschafts- wie Sinnkrise. Das führte zu dem unaufhaltsamen Aufstieg Barack Obamas, dem, so kann man durchaus sagen, als Morgengabe noch eine Weltfinanzkrise mit amerikanischem Wirkungszentrum vor die Tür gelegt wurde.

Die Hoffnungen, die die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner in ihn setzten, waren groß, vielleicht auch zu groß. Denn zu anspruchsvoll war das Programm, in das er neben eigenem Ehrgeiz hineingetrieben wurde. Heute, vier Jahre später, kurz vor der entscheidenden Phase eines erneuten Wahlkampfes, sollte man den eigenen Blick nicht durch die pathologisch defätistischen Glossen hiesiger Medien trüben lassen, wenn es um eine nüchterne Bilanz der ersten Amtszeit Obamas geht.

Innen- und wirtschaftspolitisch wurden Grundsteine gelegt, von deren Setzung vor einigen Jahren niemand in den USA zu träumen gewagt hätte. Da existiert heute eine gesetzlich gesicherte Krankenversicherung, die in Europa als selbstverständlich gilt, die es Millionen Amerikanern erlaubt, sich ärztlich behandeln zu lassen. Da wurden vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise Bankengesetze verabschiedet, die der Spekulation weitaus konsequenter den Kampf ansagen als die existierenden z.B. in Deutschland. Und da wurde die Zahl der Erwerbslosen nach dem Hochschnellen in der Krise bereits wieder spürbar gesenkt. Im Bereich der Bürgerrechte sind Quantensprünge zu verzeichnen, und zwar in der realen Lebenswelt, d.h. Migrantinnen und Migranten haben einflussreiche Positionen eingenommen, wie z.B. Sonia Sotomayor von der Bronx, die in den Obersten Gerichtshof der USA aufrückte oder wie die Eröffnungsrede auf dem derzeitigen Parteitag der Demokraten in Charlotte durch den 37-Jährigen Oberbürgermeister von San Antonio, Julian Castro, dokumentiert.

Außenpolitisch war das Bild der USA sehr demoliert, als Obama die Präsidentschaft antrat. Seine Amtsperiode ist gekennzeichnet durch eine zunächst auf Deeskalation ausgerichtete und besonnen von Hilary Clinton umgesetzte Politik der leisen Töne. Zudem löste Obama ein Wahlversprechen ein, dass vielen Amerikanern als der Beweis schlechthin für sein Wort gilt: Er hatte im Wahlkampf 2008 angekündigt, Osama Bin Laden das Handwerk zu legen.
Was von dem Loudmouth-Herausforderer Mit Romney als Leisetreterei kritisiert wird, ist die Voraussetzung für den Versuch, Rolle und Selbstverständnis der USA angesichts eines eigenen Strukturwandels und der Verlagerung des weltpolitischen Epizentrums in den Pazifik neu zu definieren und zu setzen.

Als Bilanz einer Regierung, die seit vier Jahren im Amt ist und mit einer mächtigen Welle der Weltfinanzkrise konfrontiert wurde, ist das nahezu phänomenal. Vergleiche zu anderen Regierungen sind sicherlich hilfreich, aber werden der Dimension der US-amerikanischen Erfordernisse dennoch nicht gerecht. Was allerdings der Akrobat des Steuerrechts und Flash-Back-Ideologe Romney bis dato dieser Bilanz argumentativ entgegengesetzt hat, lässt darauf schließen, dass er außer ideologischen Mustern über keinen Plan verfügt. Letzteres als Regierungsprogramm wäre ein Desaster. Innenpolitisch, außenpolitisch, und für den Rest der Welt.

Der Einzige und sein Eigentum

Johann Caspar Schmidt, der in die Deutsche Literatur als Max Stirner einging, verfasste eine Schrift, die bis heute herangezogen wird, um die Abkehr von institutionellen Mächten zu begründen. In seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum, das 1845, drei Jahre vor dem Kommunistischen Manifest erschien, knallte der Mann aus Bayreuth, der in Berlin zum Junghegelianer geworden war, sein Credo der ganzen Welt vor den Latz: Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andre Sachen. Diese später weltberühmt gewordene Sentenz, die bis ins 20. Jahrhundert ganze Generationen von politisch Gebildeten auswendig aufsagen konnten, endete mit der verblüffenden wie einfachen Formulierung: Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein.

Was vielleicht aus heutiger Sicht als etwas individual-anarchistisch daher kommt, war ein ur-demokratischer Reflex. Stirner wandte sich mit seiner Schrift gegen die kanonisierte und institutionalisierte Form von Herrschaftsideologie. Er stellte sehr schlicht die Gebilde einer wie auch immer gearteten Moral gegen das eigene Interesse. Indem er fragte, was denn nun seine eigenen Belange seien, entkräftete er die bindende Wirkung von Religion und Staatsdoktrin, von Familienmoral und herrschender Philosophie. Dagegen stand die Rebellion des Individuums, das es satt hatte, von den diktaturbildenden Stoffen dieser Institutionen gegängelt zu werden.

Es macht regelrecht Spaß, den Einzigen und sein Eigentum auf den öffentlichen Diskurs unserer Tage anzuwenden. Gerade und auch hier und jetzt fällt auf, dass die Themen, mit denen sich die Gesellschaft in diesem Diskurs auseinandersetzt, zu ihrem Löwenanteil aus Moraltexten wie der Politischen Korrektheit zusammensetzen oder sich auf Übungen konzentrieren, die als Symbolpolitik bezeichnet werden können, weil sie kaum jemanden betreffen. Selbst bei fast jeder lebhaft geführten Debatte im Bundestag muss einem der Satz Stirners, nur meine Sache soll niemals meine Sache sein, im müden Kopf nachklingen. Das, was uns alle interessiert, wäre das, was uns direkt betrifft und das, was wir tatsächlich beeinflussen können.

Die Duelle um die korrekte Position der Moral wie um die Symbole, denen man die Zugehörigkeit zum guten oder bösen Teil verdankt, haben in der Regel mit den tatsächlichen Lebensbedingungen der Beobachter nichts zu tun. Sie sind der eigentliche Stoff, dem die Politikverdrossenheit entspringt. Denn das, was nicht meine Sache ist und ich selbst durch mein Tun nicht beeinflussen kann, wird als Herrschaft und Belästigung wahrgenommen. So absurd es sich anhören mag, im Grunde sind die gegenwärtig geführten Diskussionen um die Gestaltung und Wirkung von Politik so alt wie soziale Systeme selbst. Nur in der dem nicht historisch denkenden Wesen eigenen Weise der Selbstüberhöhung kann der Gedanke aufkommen, sich mit einer neuen Qualität auseinandersetzen zu müssen.

Das Erregndste an der Politik ist das Wesen der Erscheinungen. Nichts an der Erscheinung alleine kann auf Dauer das Interesse erwecken, weil es heute nichts zu sagen hat und morgen nichts bedeutet. Und um meine Sache, die die meine sein soll, erkennen zu können, muss ich dem ganzen Firlefanz der Erscheinungsideologie den Garaus machen. Denn Moralismus, der mündet in der Diktatur.

Ein strategischer Plan und große Diplomatie

Ed Falco/Mario Puzo, Die Corleones

Kaum ein Werk der amerikanischen Filmgeschichte hatte einen derartig durchschlagenden, lang anhaltenden, sensationellen und nachhaltigen Erfolg wie der Pate. Mit den Italo-Amerikanern Mario Puzo als Autor und Francis Ford Coppola als Drehbuch-Kompagnon und Regisseur gelangen quasi Natives des beschriebenen Kulturkreises, Hintergründe, Milieu und Motivlage einer imperialen Vorgehensweise in einer Art und Weise darzustellen, dass sich die Zuschauer quasi simultan in einem Action-Krimi wie in einem voluminösen Epos über das alte Rom wähnten. Denn das Phänomen der amerikanischen, von sizilianischen Italienern geformten und geführten Mafia, ist die Verquickung der vorgefundenen Lebenswelt mit imperialen Prinzipien.

Nach einem derartigen Erfolg ist es kein Wunder, dass man plante, dem Dreiteiler, der mit der Herrschaft der Corleones in New York beginnt, noch einen vierten Teil folgen zu lassen, der den Aufstieg der Familie in den dreißiger Jahren beschreibt. Zwar waren in dem vorhandenen Filmepos immer wieder Rückblenden zu finden, die den Werdegang der Protagonisten reflektierte, aber die Dimension des gesamten Aufstiegs erreichten sie nie.

Mario Puzo selbst hatte die Idee und schrieb das Regiebuch. Als Autor des Romans fungiert mit Ed Falco ein versierter Mann aus Brooklyn, der das Metier aus dem Effeff kennt. Das vorliegende Buch mit dem schlichten Titel Die Corleones beginnt im New York des Jahres 1933, das insofern eine konstituierende Bedeutung für neue Einflusssphären hatte, als dass das Ende der Prohibition kurz bevorstand und in New York der erste italienisch-stämmige Bürgermeister, La Guardia, gewählt wurde. Der Kampf um Macht und Einfluss ging in eine neue Runde und es stellte sich die Frage, mit welchen Methoden der Erfolg gesichert werden konnte.

Neben den für manche Aficionados des Paten so interessanten Fragen wie die eigentliche Herkunft des Ziehsohnes und späteren Justiziars der Familie Tom Hagen oder die erschütternde Vorgeschichte des Monsters Luca Brasi, der später als Guard des Paten Vito Furcht einflößte, sind in Falcos/Puzos Roman andere Aspekte von hohem Interesse. Wer will, kann beobachten, woran z.B. die Iren im Kampf um die Macht scheiterten und warum Figuren wie Guiseppe Mariposa innerhalb des italienischen Lagers sich zunehmend isolierten.

Es geht um Dinge, die zunächst absurd erscheinen, aber letztendlich wahr sind: Auch in der kriminellen Struktur gibt es Programme und Kodizes, die ausschlaggebend sind für Erfolg und Misserfolg. Vito Corleone versteht es, sein Imperium so zu bauen, dass die Mitglieder und Gepressten dennoch das Gefühl von Schutz und Wohlstand haben. Er weiß zu gut, dass die Maxime nicht immer erreichbar ist und er hat das, was man heute strategische Kompetenz nimmt. Er taxiert die Figuren in seinem Machtspiel nach ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten, er gewinnt ihre Loyalität, wenn er sie vernichten könnte und er weiß vor allen anderen, dass es wichtig, ja überlebenswichtig, seinen Einfluss in Politik und Justiz zu sichern. Vito Corleone erhält die Kontur eines großartigen Diplomaten, der durch seinen strategischen Plan den anderen, zwar kraftvollen, aber in Machtfragen dilettierenden Mitspielern überlegen ist.

Für die, die sich für das Phänomen der Machtmetapher, die ja auch die Serie der Sopranos so überaus erfolgreich gemacht hat, interessieren, ist Die Corleones ein gelungenes Buch, das vieles hergibt. Lediglich die Übersetzung erweckt den Eindruck, mit der beschriebenen Welt doch etwas zu fremdeln.