Archiv für den Monat September 2012

Wichtige Erkenntnisse, folgenschwere Ausblendungen und ein verstörter Autor

Manfred Spitzer. Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen

Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher, der vor 10 Jahren mit seinem Buch Lernen den Deutschen den Mythos ausgetrieben hat, man müsse Kindern ihre Kindheit lassen und dürfe sie nicht zu früh ans Lernen führen, ein angesehener Vertreter seines Faches und eine mit Respekt gehörte Stimme der Wissenschaft, dieser Manfred Spitzer ist ins Schlingern geraten, obwohl er ein Buch geschrieben hat, das seinerseits wiederum wichtige Erkenntnisse erhält, die niemand ausblenden sollte. Aus der Perspektive des Arztes, der sich mit schwer geschädigten Kindern auseinandersetzt, hat sich Spitzer an den unkontrollierten und unreflektierten Umgang mit digitalen Instrumenten gemacht und aufgezeigt, welche Schäden des kognitiven Apparates und des Sozialverhaltens bei Kindern durch zu frühen und zu häufigen Kontakt mit diesen Geräten auftreten können.

In seinem Buch Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen, zeigt Spitzer zumeist überzeugend auf, was an Hirnbildung ausbleibt, wenn bestimmte Funktionen nicht trainiert, sondern nach außen verlagert werden und was nicht gelernt wird, wenn die soziale Isolation nur noch den virtuellen Spielplatz übrig lässt. Er geht viele der Phänomene durch, die uns allen so geläufig sind, die verheerende Wirkung der Navigationssysteme auf das eigene Raumempfinden und Orientierungsvermögen, das Schwinden der Merkfähigkeit, die schlechten Sozialstimulanzen der Computerspiele, das Schwinden von Fokussierungskompetenz und Konzentrationsfähigkeit durch Multitasking und die vielen, vielen psychosomatischen Reaktionen auf die Überdosis digitaler Kommunikation.

Die Probleme, die Spitzer in diesem Buch anspricht sind durchweg existent und den meisten kritischen Zeitgenossen durchaus bekannt. Was verstört, ist der bei diesem Autor ungewohnte und misslungene polemische Ton, der aus dem respektablen Wissenschaftler doch häufiger einen Besserwisser macht, der durchaus in der Lage ist, der Leserin oder dem Leser auf die Nerven zu gehen. Hintergrund dieser bedauernswerten Entwicklung sind die Tiraden einer nahezu inquisitorischen Meute, die Spitzer seit seinen kritischen Äußerungen verfolgen wie einen Aussätzigen und die einerseits erklären, warum der Mann seine Gelassenheit verloren hat und andererseits belegen, welch gewaltige Lobby hinter der digitalen Industrie am Wirken ist.

Was leider insgesamt in dem Buch keine Rolle spielt und in der Diskussion darüber viel zu kurz kommt ist die Frage, inwiefern die Erosion der Erziehung in vielen Schichten nicht die Ursache für die Überdosis digitaler Medien ist. Stattdessen wird das Medium oder Instrument an sich als Vehikel der Zerstörung oder heilsbringende Institution verteufelt oder gepriesen, ganz so, als wären wir noch auf dem historischen Niveau der Maschinenstürmerei. Das ist schade und armselig zugleich und wird durch Spitzers Buch nicht korrigiert.

Die Digitale Demenz zeigt, was passiert, wenn jemand, der die Interessen von Lobbys verletzt und die harte Gangart des medialen Diskurses nicht kennt, plötzlich in einem Orkan des Unmutes gerät. Spitzer Ton ist ein Indiz dafür. Leider überstrahlt er manche richtige und wichtige Erkenntnis.

Wenn die Avantgarde zum Produkt wird

Pioniere sind zumeist von der Aura umgeben, etwas Besonderes zu sein. Das stimmt natürlich auch, weil jede Innovation mit Traditionen bricht und Überkommenes über Bord wirft. Das Neue ist revolutionär, es sprengt die Ketten der Konvention, es eröffnet neue Perspektiven. Die erste Reaktion des Tradierten ist die Ablehnung, die Pioniere setzen sich bösen Stimmungen aus, sie werden befehdet und verfolgt. Irgendwann jedoch formiert sich ein Kreis von Anhängern, es wird schick, sich dem neuen Trend anzuschließen, vor allem, weil die Aura der Avantgarde etwas Knisterndes hat.

Die unbestritten positive Rolle der Revolutionierung des Denkens, die so alt ist wie die Gattung selbst, hat in ihrer Wirkung zugleich immer das Vergängliche. Die gerade noch neue, frische, betörende Wirkung kann sehr schnell zu Dünkel, Status und blasierter Arroganz werden. Immer wieder, ob in Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur oder Politik, nach einem gewissen Zeitraum ist der Habitus der gestrigen Avantgarde kaum noch zu ertragen.

Wir wissen, dass sich die Halbwertzeiten jeglicher Entwicklung verkürzt haben. Nichts hat so lange Bestand wie noch vor einigen Jahrzehnten. Und wir wissen, dass das uns bewegende und motivierende Wirtschaftssystem aus allem, dass es zunächst attackiert, nach einem bestimmten Zeitraum ein Produkt macht, das dem Verwertungsprozess genauso unterliegt wie ein Paar Jeans oder Turnschuhe. Jeder Gestus der Revolution im Denken wird so irgendwann, und zunehmend schnell, zu einem Konsumartikel wie jeder andere.

Die Peergroups der gestrigen Avantgarde hingegen versuchen mit allen Mitteln, sich die Aura des Innovativen zu erhalten, obwohl die Zeit der betörenden Wirkung bereits längst abgelaufen ist. Es regiert der Habitus, das dreckig Freche wird zur exklusiven Geste und der Mob der Welt der Neureichen geht mit den Statussymbolen der gestrigen Revolution hausieren. Aus einer spannenden, Horizonte öffnenden Perspektive wird so schnell eine blasierte Reaktion, die sich zurückzieht in eine eigene Wirkungswelt und bei dem Entwurf einer neuen Dimension kaum noch eine Rolle spielen wird.

Die beschriebenen Tendenzen gehören anscheinend zu dem, was als eine Art Entwicklungsmuster genannt werden kann. Die Erkenntnis ist nichts Neues, aber zuweilen ist es notwendig, den Zusammenhang wieder ins Gedächtnis zu rufen. Vor allem dann, wenn sich abzeichnet, dass eine gestern noch mutige und verwegene Avantgarde in die Niederungen des Statusdenkens und des abgeschmackten Habitus abzusinken droht. Aufhalten lässt sich das natürlich nicht, aber es spendet Trost im Hinblick auf neue Trends, die nahezu die logische Folge der neuen Antiquiertheit der alten Avantgarde sind.

Gut täte, Auftreten und Habitus dessen, was sich die kreative Klasse nennt, unter diesen Aspekten zu betrachten. Angesichts ihrer schon immer voll im Verwertungstrend liegenden Rolle in der Ausbeutung lohnabhängiger Arbeitskraft, angesichts der Fetischisierung ihrer Signets, angesichts der Exklusivität ihrer subkulturellen Kommunikations- und Reproduktionsräume und angesichts ihrer Rolle bei der Gentrifizierung von Wohngebieten sind da alle Zeichen gesetzt für die Endlichkeit ihrer innovativen Rolle. Betrachtet man zudem die monopolistischen Strategien, mit denen die aus der kreativen Klasse entstandenen Produkte auf den Weltmärkten gesetzt und durchgesetzt werden, so liegt die Prognose nahe, dass die guten Tage im Sinne der Revolutionierung schon längst vergangen sind. Die neuen Trends zu identifizieren wird spannender und interessanter sein, als die weitere, unausweichliche Verbürgerlichung der kreativen Klasse zu verfolgen.

Texanische Gene

ZZ Top. La Futura

Es versteht sich von selbst, dass eine Band, die seit vierzig Jahren erfolgreich unterwegs ist und die durch verschiedene Entwicklungsphasen auch unterschiedliche begeisterte Hörer hervorgebracht hat, mit jedem neuen Album für großes Aufsehen sorgt. Dass ZZ Tops La Futura als erste komplette Studio-CD nach fast einer Dekade das machen würde, lag ebenfalls auf der Hand. Und dass vor allem Billy Gibbons die Chance nutzen würde, daraus eine gezielt angelegte Marketingstrategie zu machen, ist ebensowenig verwunderlich. Wenn dann dieses Produkt auch noch La Futura heißt und im Vorfeld als richtungsweisend bezeichnet wird, dann sind die Erwartungen groß.

La Futura ist da und es ist eine Produktion, die für diejenigen, die ZZ Top schon immer hören, sicherlich gelungen. Im Grunde genommen sind die zehn eingespielten Titel das, was man unter dem Label ZZ Top auch schon früher gehört hat. Für viele wohltuend ist die Rückkehr zu den musikalischen Anfängen, ohne die Überbordung mancher Kompositionen mit Synthesizertechnik. Das vor allem für Europäer Neue der Band, als sie vor allem 1980 im Rockpalast für Furore sorgte, nämlich diese wohl nur in Texas existierende Mixtur von erdigem Rock und Wüstenblues, ist ein Element, das sich in nahezu allen Songs von La Futura wieder findet.

Das lässt sich durchspielen, schon mit Gotsta Get Paid, dem ersten Stück, das einer in den USA bekannten Hip Hop Nummer entlehnt ist, rumpelt der durch knallharte, raue Gitarrenriffs getragene texanische Groove aus der Sechsten Straßen Austins durch alle Fugen. Auch im zweiten Stück, Chartreuse, das sich anhört wie die alten Zeiten, sind die allzu bekannten Schemen am Werk, die auch im folgenden Consumption wirken. Und als wolle Gibbons, den man sich mit dem Gesamtwerk nur ständig augenzwinkernd vorstellen kann, nach einer Beruhigung des Stammpublikums auch anderen Seiten zuwenden, folgt mit Over You eine der eher seltenen Balladen, von Gibbons selbst gesungen, rau, gefühlvoll, melancholisch und mit weitem Blick. Was dann folgt, ob Heartache in Blue, I Don´t Wanna Lose, Lose, You, oder Flyin´High und Big Shiny Nine, es sind wuchtige Applikationen des Texas Blues Rock a la ZZ Top. It´s Too Easy Manana ist die einzige, leichte Hommage an die alten Pop-Eskapaden und Have a Little Mercy, das letzte Stück, kommt daher wie eine Bitte, so manches der Vergangenheit zu verzeihen, das zu sehr die Wurzeln leugnete.

La Futura ist für diejenigen, die die einzigartige, betörende Südstaatenkombination aus Rock und Blues im klassischen Sinne mögen, eine sehr gelungene Vorstellung. Zu den Fähigkeiten der Akteure muss man nicht viel sagen und es ist immer noch ein Hochgenuss, den gnadenlosen, verrauchten und klirrenden Soli eines Gibbons, der fast zeitgleich auf einem Sampler zu Fleetwood Mac mit seiner Interpretation von Oh Well demonstriert hat, zu was er in seinem zarten Alter fähig ist, zuhören zu können. Die Zukunft von ZZ Top liegt, wenn es nicht nur eine exklusive Marketingstrategie, sondern auch eine programmatische Ausrichtung war, in den Wurzeln. Und das ist o.k. so.