Wenn die Avantgarde zum Produkt wird

Pioniere sind zumeist von der Aura umgeben, etwas Besonderes zu sein. Das stimmt natürlich auch, weil jede Innovation mit Traditionen bricht und Überkommenes über Bord wirft. Das Neue ist revolutionär, es sprengt die Ketten der Konvention, es eröffnet neue Perspektiven. Die erste Reaktion des Tradierten ist die Ablehnung, die Pioniere setzen sich bösen Stimmungen aus, sie werden befehdet und verfolgt. Irgendwann jedoch formiert sich ein Kreis von Anhängern, es wird schick, sich dem neuen Trend anzuschließen, vor allem, weil die Aura der Avantgarde etwas Knisterndes hat.

Die unbestritten positive Rolle der Revolutionierung des Denkens, die so alt ist wie die Gattung selbst, hat in ihrer Wirkung zugleich immer das Vergängliche. Die gerade noch neue, frische, betörende Wirkung kann sehr schnell zu Dünkel, Status und blasierter Arroganz werden. Immer wieder, ob in Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur oder Politik, nach einem gewissen Zeitraum ist der Habitus der gestrigen Avantgarde kaum noch zu ertragen.

Wir wissen, dass sich die Halbwertzeiten jeglicher Entwicklung verkürzt haben. Nichts hat so lange Bestand wie noch vor einigen Jahrzehnten. Und wir wissen, dass das uns bewegende und motivierende Wirtschaftssystem aus allem, dass es zunächst attackiert, nach einem bestimmten Zeitraum ein Produkt macht, das dem Verwertungsprozess genauso unterliegt wie ein Paar Jeans oder Turnschuhe. Jeder Gestus der Revolution im Denken wird so irgendwann, und zunehmend schnell, zu einem Konsumartikel wie jeder andere.

Die Peergroups der gestrigen Avantgarde hingegen versuchen mit allen Mitteln, sich die Aura des Innovativen zu erhalten, obwohl die Zeit der betörenden Wirkung bereits längst abgelaufen ist. Es regiert der Habitus, das dreckig Freche wird zur exklusiven Geste und der Mob der Welt der Neureichen geht mit den Statussymbolen der gestrigen Revolution hausieren. Aus einer spannenden, Horizonte öffnenden Perspektive wird so schnell eine blasierte Reaktion, die sich zurückzieht in eine eigene Wirkungswelt und bei dem Entwurf einer neuen Dimension kaum noch eine Rolle spielen wird.

Die beschriebenen Tendenzen gehören anscheinend zu dem, was als eine Art Entwicklungsmuster genannt werden kann. Die Erkenntnis ist nichts Neues, aber zuweilen ist es notwendig, den Zusammenhang wieder ins Gedächtnis zu rufen. Vor allem dann, wenn sich abzeichnet, dass eine gestern noch mutige und verwegene Avantgarde in die Niederungen des Statusdenkens und des abgeschmackten Habitus abzusinken droht. Aufhalten lässt sich das natürlich nicht, aber es spendet Trost im Hinblick auf neue Trends, die nahezu die logische Folge der neuen Antiquiertheit der alten Avantgarde sind.

Gut täte, Auftreten und Habitus dessen, was sich die kreative Klasse nennt, unter diesen Aspekten zu betrachten. Angesichts ihrer schon immer voll im Verwertungstrend liegenden Rolle in der Ausbeutung lohnabhängiger Arbeitskraft, angesichts der Fetischisierung ihrer Signets, angesichts der Exklusivität ihrer subkulturellen Kommunikations- und Reproduktionsräume und angesichts ihrer Rolle bei der Gentrifizierung von Wohngebieten sind da alle Zeichen gesetzt für die Endlichkeit ihrer innovativen Rolle. Betrachtet man zudem die monopolistischen Strategien, mit denen die aus der kreativen Klasse entstandenen Produkte auf den Weltmärkten gesetzt und durchgesetzt werden, so liegt die Prognose nahe, dass die guten Tage im Sinne der Revolutionierung schon längst vergangen sind. Die neuen Trends zu identifizieren wird spannender und interessanter sein, als die weitere, unausweichliche Verbürgerlichung der kreativen Klasse zu verfolgen.