Johann Caspar Schmidt, der in die Deutsche Literatur als Max Stirner einging, verfasste eine Schrift, die bis heute herangezogen wird, um die Abkehr von institutionellen Mächten zu begründen. In seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum, das 1845, drei Jahre vor dem Kommunistischen Manifest erschien, knallte der Mann aus Bayreuth, der in Berlin zum Junghegelianer geworden war, sein Credo der ganzen Welt vor den Latz: Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andre Sachen. Diese später weltberühmt gewordene Sentenz, die bis ins 20. Jahrhundert ganze Generationen von politisch Gebildeten auswendig aufsagen konnten, endete mit der verblüffenden wie einfachen Formulierung: Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein.
Was vielleicht aus heutiger Sicht als etwas individual-anarchistisch daher kommt, war ein ur-demokratischer Reflex. Stirner wandte sich mit seiner Schrift gegen die kanonisierte und institutionalisierte Form von Herrschaftsideologie. Er stellte sehr schlicht die Gebilde einer wie auch immer gearteten Moral gegen das eigene Interesse. Indem er fragte, was denn nun seine eigenen Belange seien, entkräftete er die bindende Wirkung von Religion und Staatsdoktrin, von Familienmoral und herrschender Philosophie. Dagegen stand die Rebellion des Individuums, das es satt hatte, von den diktaturbildenden Stoffen dieser Institutionen gegängelt zu werden.
Es macht regelrecht Spaß, den Einzigen und sein Eigentum auf den öffentlichen Diskurs unserer Tage anzuwenden. Gerade und auch hier und jetzt fällt auf, dass die Themen, mit denen sich die Gesellschaft in diesem Diskurs auseinandersetzt, zu ihrem Löwenanteil aus Moraltexten wie der Politischen Korrektheit zusammensetzen oder sich auf Übungen konzentrieren, die als Symbolpolitik bezeichnet werden können, weil sie kaum jemanden betreffen. Selbst bei fast jeder lebhaft geführten Debatte im Bundestag muss einem der Satz Stirners, nur meine Sache soll niemals meine Sache sein, im müden Kopf nachklingen. Das, was uns alle interessiert, wäre das, was uns direkt betrifft und das, was wir tatsächlich beeinflussen können.
Die Duelle um die korrekte Position der Moral wie um die Symbole, denen man die Zugehörigkeit zum guten oder bösen Teil verdankt, haben in der Regel mit den tatsächlichen Lebensbedingungen der Beobachter nichts zu tun. Sie sind der eigentliche Stoff, dem die Politikverdrossenheit entspringt. Denn das, was nicht meine Sache ist und ich selbst durch mein Tun nicht beeinflussen kann, wird als Herrschaft und Belästigung wahrgenommen. So absurd es sich anhören mag, im Grunde sind die gegenwärtig geführten Diskussionen um die Gestaltung und Wirkung von Politik so alt wie soziale Systeme selbst. Nur in der dem nicht historisch denkenden Wesen eigenen Weise der Selbstüberhöhung kann der Gedanke aufkommen, sich mit einer neuen Qualität auseinandersetzen zu müssen.
Das Erregndste an der Politik ist das Wesen der Erscheinungen. Nichts an der Erscheinung alleine kann auf Dauer das Interesse erwecken, weil es heute nichts zu sagen hat und morgen nichts bedeutet. Und um meine Sache, die die meine sein soll, erkennen zu können, muss ich dem ganzen Firlefanz der Erscheinungsideologie den Garaus machen. Denn Moralismus, der mündet in der Diktatur.
