Die Zerrissenheit des Menschen führt es mit sich, dass Veränderungsprozesse in der Regel länger brauchen als erwünscht. Das, was der Mathematiker David Kahnemann in seinem jüngsten Buch Thinking fast, thinking slow so anschaulich beschrieben hat, ist eine der Ursachen für die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das rein Kognitive ist in der Regel weiter als das Emotionale, der arge Weg der Erkenntnis geht nach der treffenden, logischen Analyse über die Straße der menschlichen Unzulänglichkeit.
Wie schnell sind wir doch, wenn wir uns ein treffendes, von rationalen Gesichtspunkten geleitetes Bild von den Umständen machen wollen, in denen wir leben und arbeiten. Und wie unzureichend wird es, wenn wir den emotionalen, tradierten und rituellen Aspekt mit einbeziehen wollen.
Die Epistemologie des menschlichen Denkens kann auf zwei Steuerungsebenen zurückgreifen. Die eine ist langsam, logisch und konsistent und eine reine Kopfsache. Sie ist kaum korrumpierbar, hat aber den Nachteil, dass sie bei einer erforderlich schnellen Reaktionszeit nicht zur Verfügung steht. Die andere Steuerung erfolgt umgangssprachlich über den Bauch, was allerdings nicht stimmt. Auch wenn dieser Prozess über Bilder und Gefühl gespeichert wird, geht er über eine ungeheure Datenmenge von Erfahrungswerten, die nur teilrationalisiert sind und im Unterbewussten gelagert werden. Die empirische Datenauswertung findet hier statt, und zwar ebenfalls unterbewusst und blitzschnell.
Veränderungsprozesse haben in der Regel dann Chancen auf Erfolg, wenn in ihnen die verschiedenen Steuerungsebenen menschlicher Erkenntnis beide zum Tragen kommen. Ein rein kognitiver Prozess dauerte zu lange und scheiterte an mangelndem Feuer. Die puristisch emotionale Variante gliche einer grellen Stichflamme, von der in kurzer Zeit nichts mehr übrig bliebe. Insofern gehört es zu den wichtigen Disziplinen der Umgestaltung, beides, die kalte kognitive Operation wie den heißen emotionalen Impuls zur Geltung kommen zu lassen.
Den verschiedenen Hirnoperationen können humane Prototypen zugeordnet werden, die ebenfalls in dem Prozess der Veränderung eine wichtige Rolle spielen. Historisch, in jeder Revolution, haben derartige Figuren eine Rolle gespielt und sie sind die Dokumentation der unterschiedlichen, immer gleichzeitig existierenden Varianten des menschlichen Denkens. Auch dort spricht man von den Kopf- und den Bauchtypen und sie hießen mal Robespierre und Danton, mal Stalin und Trotzki. Ihre Chroniken und Rollen erscheinen in den Annalen immer wie ein heftiger Kampf gegeneinander, der es auch tatsächlich ist und war. Interessant dabei ist allerdings die Frage, welche Art der Denkweise sich durchsetzt und was das letztendlich für den Prozess bedeutet.
Die exklusiv kognitive Herangehensweise hat in der Regel intolerante, dogmatische und chemisch reine Politikvarianten zur Folge, während die versteckt rationale, emotionale Perzeption folgerichtig das Gefühl bedient und sich den Formen der Realität beugt, was zu Inkonsistenzen führt. Erfolgreich hingegen sind nur die Umgestaltungsprozesse, in denen es gelingt, beiden Denkweisen die Rollen einzuräumen, die ihnen an der entsprechenden Stelle gebührt. Das Programm der Umgestaltung muss aus den kalten, kognitiven Laboratorien kommen, während der Kodex für seine Umwandlung von der Erfahrung des Bauches geprägt sein muss. Nur entwickelt sich das Elixier aus Konsequenz und Toleranz, aus dem das Gelingen entsteht.
