Die Linguistik des Unvermögens

Was macht eine soziale Sphäre, wenn sie nicht mehr in der Lage oder willens ist, sich auf Ziele zu einigen und zu verpflichten? Richtig, sie formuliert erst gar keine mehr. Etwas, das in der Zukunft liegt und eine Kontur aufweist, wird momentan in der Sozialsphäre namens Bundesrepublik als eine Horrorvision angesehen. Die Wenigen, die sich erdreisten, Klarheit über ihre Zukunftsvorstellungen zu artikulieren, werden bei lebendigem Leibe in der medialen Folterkammer verbrannt. Eine solche Atmosphäre wirkt sich natürlich auf die beteiligten Akteure aus und nimmt eine Eigendynamik an, die ihresgleichen sucht.

Vor allem Politiker haben gelernt, sich nicht auf Konkretisierungen in der Zukunft einzulassen und bleiben lieber vage. Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der Menschen in diesem Land durchaus den Wunsch hätte, auch einmal etwas Großes zu gestalten. Großes, das Bestand hat, wird allerdings nicht im Moment erschaffen. Dazu sind lange und komplexe Entwicklungsprozesse erforderlich, und da fängt das eigentliche Elend an. Die Politik, die einerseits die langfristige öffentliche Positionierung vermeiden will, weil die Lebens- und Zukunftsangst das herrschende Prinzip ist, wird auf der anderen Seite immer wieder von der Summe der geheimen Wünsche angestachelt, einmal etwas alles Überragendes schaffen zu sollen.

So entstehen Großprojekte, die in vielen Fällen gar nicht so futuristisch sind, aber angesichts der mäßigen Dimensionen des Alltags so erscheinen. Tödlich wird es, wenn dann das Maß des Alltags das Unmäßige der Zukunft managen soll. Ob beim Berliner Flughafen, dem Wilhelmshavener Tiefseehafen oder der Elbphilharmonie, neben der superlativistischen Entgleisung bei letzterer handelt es sich um Dimensionen, die man in Shanghai, Kuala Lumpur, Jakarta und Dubai seit Dekaden lässig stemmt, nur hat man dort erkannt, dass es sich dabei nicht um das Alltagsgeschäft einer Verwaltung, sondern die Professionalität eines globalen Spezialistentums handelt. Aus Misstrauen vor der fremden Macht und Souveränität des Wissens und Könnens vertraut man hier lieber dem provinziellen Maß und wundert sich dann, wenn aus der Vision der Zukunft ein provinzieller Albtraum wird.

Liebenswürdige Zyniker haben nun vorgeschlagen, um über das Debakel der Vision im Hausschuhmuff überhaupt noch sprechen zu können, die Deutsche Sprache um die Form des Futur III zu bereichern. In Bezug auf den geplanten Berliner Flughafen nähme das dann folgende Form an: „Ich werde nächstes Jahr im Sommer nach Mallorca in den Urlaub geflogen wären gewesen“ oder „Wenn der Pfusch am Bau nicht bald aufhört, wird Klaus Wowereit die längste Zeit regierender Bürgermeister Berlins wären gewesen.“ Bis heute hört sich das noch sehr verwegen an, kommt aber an das, was wir sprachlich immer öfter werden ausdrücken müssen, peinlich genau heran.

Wer Trost nach all dem Leid sucht, der sollte sich, bevor es zu spät ist, noch einmal das letzte Kapitel von Peter Weiss´ Ästhetik des Widerstandes vornehmen. Da schrieb der Mann konsequent im Futur II, d.h. der grammatisch abgeschlossenen Vorgänge in der Zukunft, wie es gewesen sein wird, wenn eine politische Vision zu einem Abschluss gekommen sein wird. Einfach großartig, intellektuell, spirituell und grammatisch. Da spürt man mit jeder Zeile, dass die Vision ernst gemeint und kein Preis zu hoch gewesen sein konnte, um ihn nicht zahlen zu wollen.