Ein positiver Aspekt der Diskriminierung

Es gab Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da konnte ein Geschichtslehrer noch, ohne befürchten zu müssen, seinen Job loszuwerden, öffentlich im Unterricht die These aufstellen, ein Mensch ohne historisches Bewusstsein sei existenziell so etwas wie eine Amöbe. Bei Amöben handelt es sich bekanntlich um Einzeller, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die lebenswichtige Funktion des Stoffwechsels aufrecht erhalten. Punkt. Der angenommene und doch so reale Geschichtslehrer meinte damit aber in der Regel Schüler, die sich weigerten, seinen Ausführungen zu folgen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich erlaubt hatten, medial das Defizit ihrer reflektierten historischen Dimension zur Schau zu stellen.

Dieser Lehrer, der in der zeitgenössischen Betrachtung allenfalls belächelt wurde, bekommt in der rückwärts gerichteten Würdigung nahezu das Format einer Madonnenerscheinung. Denn seine Aussage, in die heutige Gegenwart transponiert, hätte einen Sturm der Entrüstung zur Folge. Das Mindeste, was man ihm heute vorwürfe, wäre eine elitäre Gesinnung. Aber das wäre längst nicht alles. Sehr wahrscheinlich wäre auch, dass der Mann die zu Beklagenden, sprich Beschimpften, in arger Weise diskriminiere. Die Diskriminierten wiederum, so die zeitgenössisch inquisitorische Denkweise, erhielten durch die Art der Verunglimpfung das Signet nicht zu schützenden Lebens und deshalb sei, so spinnen wir einmal weiter, die Bezeichnung als Amöbe sehr schnell der Aufruf zur Vernichtung unwerten Lebens.

Zu diesem Zeitpunkt würde sich schon niemand mehr mit der These des enervierten Historikers auseinandersetzen. Niemand ginge der Frage nach, ob Gesellschaften, die die historische Dimension ihres Daseins nicht mehr kritisch reflektierten, überhaupt noch eine aufklärerische Perspektive hätten. Dafür aber wäre der besagte Lehrer nicht nur in Windeseile geächtet, sondern auch ebenso schnell aus seiner Funktion als Pädagoge entfernt. Eine Welle der Entrüstung, getragen von öffentlichen Amtsträgern, Parteien, Elternverbänden und der einen oder anderen Einzelgewerkschaft überzöge das Land und würde dafür sorgen, dass bestimmte Fragen in naher Zukunft von niemandem mehr gestellt werden dürfte: Wie halten wir es damit, dass wir nicht mehr wissen, aus welchen historischen Verhältnissen wir kommen? Und wohin wollen wir uns entwickeln, angesichts dessen, was uns in der Vergangenheit geprägt hat?

Im Grunde bliebe dann alles beim Alten. Denn vernünftige Fragen nach der kollektiven Existenz sind im Zeitalter der digitalen intellektuellen Repression und der post-traumatischen Geschichtsverweigerung unserer Nation tabu. Der Drang, politisch vertretbare Optionen für die Zukunft freizulegen und zu verfolgen, ist zugunsten einer massenpsychologisch konstituierten Inquisition erloschen.

Der zitierte Geschichtslehrer in seiner historischen Form hatte bewirkt, dass die von ihm als Amöben titulierten Phlegmatiker keine Lust darauf hatten, mit dem Stigma des Einzellers zu gesellschaftlichen Anlässen zu erscheinen, auf denen es schick war, intellektuell und kritisch zu sein. Die Bezichtigten lasen Bücher, was das Zeug hielt und taten alles, um dem Lehrer in seinem eigenen Metier die Leviten zu lesen, was auch das eine oder andere Mal gelang. Und der Zyniker, den keiner mochte, hatte das erreicht, was er wollte. Er hatte Leute, die durchaus die Gabe hatten, sich zu entwickeln, vor dem Schicksal der Eindimensionalität und Dummheit bewahrt. Beliebt war er zu seiner Zeit nicht. Von heutigem Standpunkt aus ist er sogar hoch geachtet.