Konkurrenzkampf und Defätismus

Zwei große und kommerzielle Sportereignisse haben den Sommer 2012 geprägt. Zum einen die Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine und zum anderen die olympischen Sommerspiele in London. Bei beiden Anlässen handelte und handelt es sich, um etymologisch sauber zu bleiben, um sportliche Wettkämpfe. Gemeint ist damit ein Vergleich unter Kampfbedingungen, d.h. das Messen der Kräfte und des Könnens unter einem genau festgelegten Reglement zivilen Charakters.

Sieht man sich diejenigen, egal ob bei individuellen oder Mannschaftsdisziplinen Erfolgreichen an, so fällt auf, dass es Diejenigen waren, die in der Lage sind, schwierigste Bedingungen zu akzeptieren und trotz aller Widernisse imstande waren, Höchstleistungen zu erbringen. Es geht, betrachtet man die zivile Form des absoluten Wettkampfes, um ein Zusammenspiel von Kampf, Kraft, Konzentration und uneingeschränktem Siegeswillen. Alles andere ist Prosa in schlechtem Sinne ihrer Verwendung. Und sieht man sich die Prototypen des Erfolges an, so ist sehr schnell zu entziffern, dass es sich dabei um Typen handelt, die auch in ihrer Biographie neben einer ungeheuren Frustrationstoleranz einen Siegeswillen entwickelt haben, der alles andere überragt.

Es ist weder neu noch originell darauf hinzuweisen, dass die jeweilige Form eines Landes in derartig zu beschreibenden sportlichen Auseinandersetzungen einiges über die allgemeine Befindlichkeit aussagt. Es bedeutet nicht unbedingt, dass alle Länder, die sich sportlich in einer guten Verfassung präsentieren, sich automatisch in einer guten zivilen Verfassung befinden. Totalitäre Systeme neigen zu einer Militarisierung und damit einhergehenden Professionalisierung des Sportes. Aber der Vergleich unter demokratischen Ländern lässt Rückschlüsse zu. Obwohl, auch diese Einschränkung sei erlaubt, es sich immer um Momentaufnahmen handelt.

Kurz nach dem Scheitern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußballeuropameisterschaften schrieb eine spanische Zeitung über die deutschen Kicker, aus den einstmals verhassten, arroganten Siegertypen seien sympathische Verlierertypen geworden. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Bis auf wenige Ausnahmen trifft diese Beobachtung auch auf die nach London losgezogenen Olympioniken zu, die nach ihren jeweiligen Misserfolgen, analog zu den Fußballern, unter Heulkrämpfen ihre Niederlagen eingestanden und mit der Botschaft hausieren gingen, dabei sein sei eben alles.

Die Außerkraftsetzung des Wettkampfprinzips zugunsten von sozialtherapeutischen Selbsterfahrungsevents bei laufendem Echtzeit-Wettkampf kann nur zu einem Desaster führen. Es ist aber genau das, was als Symptom der gegenwärtigen deutschen Befindlichkeit attestiert werden muss. Die Gesetze der harten Realität zum einen und das gleichzeitige Tolerieren ihrer Ausblendung, im Sport wie in der Wirtschaft und im Spiel der internationalen Mächte, schafft nicht nur die Perspektive der Erfolglosigkeit, wie sie nur im Sport noch ertragen werden kann, sondern auch ein Milieu, in dem die Unterwerfung in eigener Sache salonfähig wird. Der Sport ist dabei ein erstes Indiz. Was nützt die Parole Dabei sein ist alles!, wenn man am Ende nicht überlebt?