Nicht lange ist es her, da sorgte ein als solches erklärtes Gedicht von Günter Grass für große Aufregung. In diesem hatte er seine Zweifel an Israel geäußert. Vor allem in Hinblick auf die Ausrüstung israelischer U-Boote mit Atomsprengköpfen, die sicher stellen sollen, dass die Abschreckungswirkung gegenüber dem Iran bestehen bleibt, wenn dieser versuchen sollte, seinerseits Israel mit atomaren Mittelstreckenraketen anzugreifen. Letzteres würde den Staat sehr schnell auslöschen, daher das Gegenszenario. Günter Grass, dessen früheres Werk man nach wie vor würdigen kann, hatte die komplexe Dimension des Konfliktes nicht wahr genommen. Treiber der Inszenierung gegen den Iran war und ist der Staat Saudi Arabien, dessen sunnitischen Machthabern es überhaupt nicht passt, einen zunehmend starken schiitischen Iran in der Region zu haben. Saudi Arabien drängte zunächst die USA, wie es so diabolisch heißt, präventiv gegen den Iran loszuschlagen. Als sich die USA nicht auf dieses Spiel einließen, wurde, wie so oft, die israelische Karte gezogen, die bis heute allerdings nicht sticht.
Der nächste Schritt Riads in der Mobilmachung gegen den Iran heißt nun Syrien. Das von Aleviten regierte und von Christen gestützte Assad-Regime hat zweifelsohne die Katakomben voller Leichen. Einerseits hat es über Jahrzehnte die sunnitische Mehrheit des Landes innenpolitisch unterdrückt und gegängelt, andererseits war es aber auch nützlich, weil es den Libanon mit der Unterstützung und der Alimentierung der Hisbollah destabilisierte und so einen ständigen lebensbedrohlichen Gefahrenherd für Israel schuf. Nun, da Israel und die USA in dem anti-iranischen Puzzle nicht die Aufgabe übernehmen wollen, kriegerisch gegen den Iran vorzugehen, injizierte Riad genügend Mittel nach Syrien, um dort die sunnitische Mehrheit gegen das Assad-Regime zu mobilisieren. Ziel dieses Unterfangens ist natürlich die Machtübernahme der Sunniten, die dann ihrerseits den Zangengriff gegen den Iran organisieren sollen.
Die Konfliktlinien innerhalb Syriens haben das Zeug zu einer wahrhaft tragischen Situation. Einerseits werden die in diesem Land lebenden Sunniten tatsächlich unterdrückt, andererseits wäre bei ihrer Machtübernahme ein wahres Gemetzel gegen Aleviten und Christen die Folge und die labile Balance der Region dahin. Was auf dem Rücken der Bevölkerung in Syrien ausgetragen wird, ist das Machtspiel Riads, das die Zerstörung des schiitischen Irans auf dem Programm hat. Der Westen hält sich deshalb zurück, weil er in seiner Ressourcen-Allianz mit Saudi-Arabien und Unmengen von saudischem Kapital in den eigenen Ländern erpressbar ist, aber andererseits kein Interesse an einem Krieg hat, den er nicht gewinnen kann. Russland und China, die viel Gescholtenen im Weltsicherheitsrat, wissen um den wahren Konflikt und haben ihrerseits ein Interesse an einem iranischen Gegengewicht zu den saudischen hegemonialen Plänen. Und selbst die Türkei, ihrerseits durchaus nach zunehmenden innenpolitischen Problemen mit einem sunnitischen Imperialismus kokettierend, weiß genau, dass die Verluste in diesem Fall für sie größer sein werden als die Gewinne.
Die mediale Berichterstattung hingegen bewegt sich auf der emotionalen Ebene und stellt in nur sehr seltenen Fällen die Zusammenhänge dar. Die Aporie des Westens besteht in der Allianz mit Saudi-Arabien, einem der letzten klassischen Sklavenhalterstaaten der Weltgeschichte um den Preis des Öls. Solange diese Konstellation nicht überdacht wird, ist das Mitleid mit den armen Seelen in den Straßen von Aleppo nichts als Heuchelei.
