Jetzt, nach Jahrzehnten des Forcierens und des Duldens, jetzt, nach dem es klar geworden ist, dass die Ressourcen nicht ohne soziale Verteilungskämpfe unbegrenzt verteilt werden können, wird die europäische Öffentlichkeit mit Berichten konfrontiert, die in hohem Maße nur diejenigen schockieren, die grenzenlos der medialen Propaganda Vertrauen geschenkt haben. Als die griechische Liquidität sich ihrem dramatischen Ende neigte, kamen die ersten so genannten Enthüllungen von dort. Sie bezogen sich auf eine korrupte und leistungsunfähige Bürokratie, auf dubiose Bauprojekte und Infrastrukturmaßnahmen, die nie realisiert worden waren. Nun geht es weiter und wir erfahren von 20.000 sizilianischen Förstern, natürlich auf der öffentlichen Payroll, obwohl die Insel kaum über Waldbestände verfügt. Auch dort wurden Brücken abgerechnet, die niemals gebaut wurden und Straßen, die ins Nichts führen. Plötzlich wird der Spieß umgedreht und ausgeplaudert, was alles möglich war mit der Rückendeckung europäischer Förderung.
Die jetzigen Enthüllungen werden in der Regel als brandneue Erkenntnisse gehandelt, von denen angeblich vorher niemand wußte, zuletzt die Brüsseler Euro-Bürokratie, die die Subventionen zwar reichlich fließen ließen, aber angeblich nicht wussten, was aus den abgeflossenen Mitteln wurde. Zwar fällt es nicht schwer vor allem der Brüsseler Bürokratie zu attestieren, dass sie weit weg von dem ist, was Wirtschafts- und Lebensrealität ist, dass sie die europäischen Völker immer wieder mit Regelungen überrascht, die jenseits dessen liegen, was der Volksmund, frei nach Nietzsche, Gut und Böse nennt. Aber zu glauben, dass man in Brüssel nicht gewusst habe, was sich an der südlichen Peripherie hinsichtlich der bewilligten Fördermittel abgespielt hat, ist eine Legendenbildung, die vor einer weitaus größeren Verfehlung ablenken soll.
Es gehörte zur Strategie der Akzeptanzbildung, die Länder, die nicht in erster Linie den marktwirtschaftlichen Vorteil der Europäischen Union sehen konnten, weil sie mit ihren nationalen Voraussetzungen nicht wettbewerbsfähig waren, mit Fördermitteln zu alimentieren. Oder, um es so zu sagen, wie es gedacht war, es ging darum, die lokalen politischen Entscheidungsträger großzügig zu korrumpieren, um sie auf Kurs zu bringen. Das hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Wording lautete stets, dass die geplanten Infrastrukturmaßnahmen und die Strukturbildung in den jeweiligen Verwaltungen irgendwann schon Verhältnisse etablieren würden, die die Einsicht in die europäischen Wirtschaftserfordernisse festsetzen würden.
Was sich aufgrund dieser Strategie festgesetzt hat, ist einzig und allein das, was Korruption immer zutage fördert: Das Einnehmen einer in erster Linie müßigen Position und die Affinität zum Zocken, solange die Abhängigkeit von der eigenen Position gegeben ist. Das gegenwärtige Tauziehen um weitere Subventionen, die Gier nach frischem Geld, auch um im eigenen Land mit Vergünstigungen zu werben, ist also nicht das Ergebnis einer vorher nicht geahnten Schattenwelt, sondern die logische Schlussfolgerung einer breit angelegten Strategie der legalen Korruption.Und es ist wichtig zu bemerken, dass diese nicht nur die mediterranen Länder betrifft, sondern den ganzen Euro-Raum. Wer kennt nicht die Planung und Durchführung von Projekten, von denen niemand weiß, wofür sie gut sein sollen, aber die nicht liegen gelassen werden dürfen, weil sonst die so begehrten EU-Fördermittel ausbleiben. Ganze Branchen haben sich darauf spezialisiert, irrsinnige Förderrichtlinien zu entschlüsseln und Projekte zu designen, in die die heiß begehrten Subventionen fließen.
Die gegenwärtigen Enthüllungen über tollkühne Machenschaften sind ein weiterer Versuch, von einem System abzulenken, das in sich nur noch den Nutzen bürokratischer Existenzsicherung birgt.
