Vom Swinging London zum Scherbenhaufen

Die Dimension der kulturellen Veränderung, die von London in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausging, ist bis heute beeindruckend. Vieles von dem, was in Swinging London seinen Geburtsimpuls bekam, strahlt noch 45 Jahre später in die Kulturzonen dieser Welt. Das London der Sechziger war eine Zone des kulturellen Umbruchs. Bildende Kunst, Musik, Literatur, Mode, Design, alles was in der Kommunikation über Lebensgefühl und Lebensstil eine Rolle spielt, wurde revolutioniert. Wahrscheinlich, wagt man eine Prognose hinsichtlich späterer Historiographie, handelte es sich bei der angedeuteten Entwicklung um die letzte Periode avantgardistischer Erneuerung des bürgerlichen Zeitalters.

Das Großbritannien, in dem dieser fulminante und qualitativ unermessliche Innovationsschub stattfand, hatte den II. Weltkrieg verkraftet, ohne den Sprung in die industrielle Serienproduktion vollzogen zu haben. Trotz oder gerade wegen des Ressourcenzugriffs in den Kolonien und ehemaligen Kolonien kam das Vereinigte Königreich nie über das Stadium der Manufaktur hinaus. Dennoch gab es Fabriken, in denen Werte produziert wurden und ein Proletariat, das zahlenmäßig mit das größte seiner Klasse in Europa war. Ein fest gezurrtes Klassendenken hatte die Gesellschaft konserviert und erst das zahlenmäßige Anwachsen des Nachwuchses der Mittelklasse führte zu Aufweichungen. In den Protestformen der jungen Intellektuellen fanden sich Teile des Proletariats wieder, vor allem in der Musik.

Das Erstaunliche und Beklemmende der Nachwirkung der Swinging Sixties ist die Tatsache, dass die kulturelle Revolution zu keiner substanziellen Erneuerung von Ökonomie und Gesellschaft geführt haben. Industriell rammte man sich in die Sackgasse, gesellschaftlich pflegte man in den hippen Stadtteilen Londons die näselnde Arroganz, bis der russische Geldadel die Eliteschulen majorisierte. Maggie Thatcher setzte berittene, bewaffnete Garden ein, um den sprichwörtlichen englischen Gewerkschaftskorporatismus zu brechen und einer Klasse aus Spekulanten Platz zu machen, die alles, was an Wertschöpfung noch auf der Insel anzutreffen war, zerstückelte und versilberte. Tony Blair, das Flaggschiff von New Labour, hat die Auflösung des korporierten Englands noch beschleunigt und konnte keine Perspektive entwickeln, die den Namen einer Gegenstrategie verdient hätte.

Das heutige Großbritannien, das sich nun mit der Olympiade der Weltöffentlichkeit präsentiert, verkörpert den dramaturgischen Kontrapunkt zu den Swinging Sixties: Die Innovation ist der Spekulation gewichen, die Rebellion der Dekadenz, die Toleranz der nackten Gewalt, die Prosperität der disproportionalen Verteilung und der Optimismus einer tiefen Depression.

Das, was in den nächsten Wochen der Weltöffentlichkeit präsentiert wird, ist eine Inszenierung, die nichts mit den Lebensverhältnissen in diesem Land und in dieser Stadt zu tun hat. Das Stück, das aufgeführt werden wird und an dessen ideologischer Überschäumung auch die hiesigen medialen Propagandaabteilungen eifrig mitarbeiten werden, wird in krassem Gegensatz zu den Nachrichten stehen, die uns von der Insel erreichen werden, wenn das olympische Feuer erloschen ist, die Spekulationsblasen reihenweise platzen werden und ein pauperisiertes Proletariat, das keinerlei Perspektiven mehr besitzt und das auch keiner mehr will, zeigt, dass es trotzdem noch da ist!

Ein Gedanke zu „Vom Swinging London zum Scherbenhaufen

  1. Avatar von jimmy boylejimmy boyle

    Weil die die Showverantwortlichen die gegenwärtige konservative Regierung (die am liebsten den NHS privatisieren würde) trollen wollten.

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