Zu oft bemüht wurde Kant, zunächst Seismograph und dann der große Former der Aufklärung. Zu oft wurde sein Zitat in alle Winde verstreut, dass Aufklärung den Austritt des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit bedeute. Und auch zu oft darauf verwiesen, dass dem Chirurgen, dem Messerscharfen durchaus auch aufgefallen war, dass die Unmündigkeit durchaus geschätzt würde als ein komfortables Refugium für die weniger Durchsetzungsfähigen. Die Aufklärung, die als die Verbalisierung der großen Veränderungen gelten kann, die in der Epoche der bürgerlichen Revolution anstanden, spielte ihre Rolle wie nach Vorschrift. Das Wort geht der Tat voraus, schrieb Heinrich Heine, wie der Blitz dem Donner. Die historischen Fakten, die die bürgerliche Revolution schuf, sprachen nicht nur für sich, sondern auch für das Konzept der Aufklärung.
Gesellschaften weisen durchaus Verlaufsformen auf, die an biologische Prozesse erinnern. Man muss ja nicht Keim, Blüte und Verfall bemühen, auch wenn kein anderer Kalender mit seinem Germinal und Thermidor so darauf verwies wie der der französischen Revolution. Längst hat sich die bürgerliche Gesellschaft mit seiner Verfassung, seinen Subjekten und seiner Öffentlichkeit etabliert und längst hat sie das erfahren, was man heute, mit Blick auf ganz andere Kulturkreise, als fundamentalistische Reflexe auf ein großes Maß an Modernität bezeichnet. Der europäische Nationalismus und Faschismus entsprach durchaus dem, was heute als Islamismus in der Welt auf sich aufmerksam machte.
Die Wunden und Risse, die der europäische Fundamentalismus hinterlassen hat, sind bis heute nicht verheilt. Das vielleicht größte Debakel in der Phase nach Faschismus und Krieg tat niemandem weh und wurde als eine große zivilisatorische Leistung gefeiert. Es war die Abweichung vom Prinzip der Eigenverantwortung und die Hinwendung zu einer falsch verstandenen Empathie und Zuwendung. Systematisch verschonte man Verantwortliche und begann, deren Taten und Handlungen mit den Kontexten zu erklären, als hätten die Akteure keinen Einfluss auf das, was sie taten. So wurden hierzulande die Täter des II. Weltkrieges behandelt und danach die Nachkommen der Täter. Aus Appeasement gegen den Faschismus wurde soziale Empathie mit dem gleichen Effekt: Subjekte wurden zu Objekten und damit exkulpiert von allem, was sie hätten eigentlich verantworten müssen.
Die Dialektik der Aufklärung war somit nicht nur die Verselbständigung der Instrumente, sondern viel schlimmer, die systematische Marginalisierung der Subjekte bis zu dem Stadium, in dem wir uns heute befinden. Diejenigen, die bereit sind, für ihre Handlungen die Verantwortung zu tragen, sind nicht nur in der Minderheit, sondern dem Rest auch noch suspekt. Und diejenigen, die sich zurückziehen auf Sachzwänge und bestehende Handlungssysteme, gelten als die Seriösen. Das wäre, ahistorisch und doch wieder historisch betrachtet, mehr als befremdlich. Die treibenden Elemente, von der eine Gesellschaft lebt, werden von dieser selbst an den Rand gedrängt und die immanent Handelnden in die Schaltzentralen geschoben, wo sie nicht mehr wissen, was zu tun ist.
Die daraus erwachsende Aporie besteht in der Klage über die Handlungsunfähigkeit der Objekte und der Weigerung, sie durch harte Anforderung zu dem zu machen, was sie eigentlich sein sollten: Subjekte. Denn bewusst, dass die Herrschaft der Objekte nicht zum Erfolg führen kann, ist das vielen Verantwortlichen schon. Und die Klagen darüber werden lauter. Nur scheint die Angst, tatsächlichen Subjekten zu vertrauen noch größer zu sein, als kontrollierbaren Objekten bei ihrer Überforderung zuzusehen.
