Apokalyptische Illusionen

Humanität ist ein hohes Gut. Die Verletzung von Menschenrechten ruft sie normalerweise auf den Plan, es sei denn, die intrinsischen Kräfte der Humanität sind in einem Stadium der Gestaltung, was allerdings eher selten passiert. Das, was in der Welt seit zwei Jahren der arabische Frühling genannt wird, hat sich in vielen Ländern des Nahen Ostens und Arabiens Raum geschaffen. Das, was in Tunesien begann, ergriff zahlreiche Staaten. Mit den Rebellionen gegen stabile, nicht selten vom Westen hofierte Herrschaftssysteme, die in unseren Breitengraden verpönt sind, setzte ein Stimmungsumschwung in der hiesigen Politik ein und man begann zu schwärmen von der arabischen Demokratiebewegung, um ihr nach jeweils nur wenigen Monaten wieder die kalte Schulter zu zeigen, wenn der Prozess der Aufklärung und demokratischen Verfassung stockte.

Dabei geht es nicht um den Westen, sondern um die Staaten selbst, die den Weg gehen werden, der ihnen möglich ist. Die Rebellen, die der Despotien müde sind, haben ihre eigenen Vorstellungen von dem, was sie wollen und sie trauen denjenigen, die sie kennen. Weder in Tunis noch in Kairo beugt sich der Widerstand über die Lehrbücher der westlichen Demokratie, um sich zu orientieren. Eine Kultur, die dominant dem Prozess verschrieben ist, übernimmt nicht eine politische Programmatik aus einem anderen Kosmos, sondern achtet auf die sich vor Ort bewegenden Akteure.

Der Westen, dem selbst immer weniger gelingt und der sich zunehmend in einer schweren Systemkrise befindet, versucht sich emotional Linderung zu verschaffen, indem er seine eigenen idealtypischen Vorstellungen von einer guten, gerechten und humanen Regierungsführung von den Systemen im Übergang abfordert, ohne die Qualität der eigenen Befindlichkeit zu reflektieren, ohne seine eigene Geschichte der Koalition mit den Kräften des Despotismus zu kritisieren und ohne sich in irgend einer Weise noch eine Vorstellung davon zu machen, wie lange der arge Weg der Erkenntnis von den europäischen Despotien über die Aufklärung bis hin zur Zivilisationsstufe der Demokratie benötigt hat. Ein Weg, der nahezu vier Jahrhunderte gedauert hat, wird den Ländern des arabischen Frühlings innerhalb weiniger Monate abverlangt und wenn es in dieser Zeit nicht gelingt, ist man kollektiv beleidigt.

Die Beobachtung des Nahern Ostens und des arabischen Raumes durch das mediale Auge des Westens ist mit dem Begriff der Infantilisierung gut umschrieben. Denn es geht um Wunschdenken und Enthistorisierung, und die Ratschläge, die erteilt werden, sind zuweilen nicht nur wertlos, sondern unverantwortlich. Das zunehmende Drängen auf eine militärische Intervention in Syrien zum Beispiel, das die Tatsache ignoriert, dass das gegenwärtige Machtgefüge den Schutz der alevitischen und christlichen Minderheit gegen eine sunnitische Übermacht beinhaltet, könnte zu einer Vergeltung ohnegleichen, ja sogar zu einem Völkermord führen.

Das Gutmenschentum des Abendlandes hat längst den Pragmatismus der demokratischen Urströmung verloren und viele Indizien deuten darauf hin, dass die Verweltlichung der Religion in der Philosophie, die ihrerseits als Mutter der politischen Theorie gilt, sich im Westen längst schon wieder auf dem Rückweg in neue Formen der Religion befindet, die sich nicht mehr an den tatsächlichen Gegebenheiten orientieren. Da sind so manche Bewegungen des arabischen Frühlings pragmatischer und realistischer, als die Verfechter der abendländischen Illusion.