Eine Rakete für Jörg Fauser!

Einen Tag nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag, besser gesagt, im Morgengrauen des 17. Juli 1987, rannte Jörg Fauser auf der Autobahn zwischen Feldkirchen und München-Riem in einen LKW. Sein Tod war so dramatisch wie sein Leben, wirkte fast inszeniert. So viel um sein Ende bis heute spekuliert worden ist, seine Existenz als der große Undergroundschriftsteller deutscher Sprache ist unumstritten. Seine Romane, die in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts spielen, sind bis heute ein einziges Abenteuer, sie verfügen über Tempo und Esprit, geniale Plots und messerscharfe Beobachtung. Ob Rohstoff, Der Schneemann oder Das Schlangenmaul, was sind das für explosive Kompositionen, verglichen mit den heutigen Kehlmännern und Apologeten des ausgehenden Lichtes. Jörg Fauser war die große Hoffnung der deutschen Literatur, er hätte das Format gehabt, der Apotheose der neuen, technokratischen Verknechtung die Leviten zu lesen. Denn Jörg Fauser war der Rebell, der bereit war, zu riskieren. Und zwar alles!

Obwohl er aus einem hessischen Intellektuellenhaushalt stammte und in Frankfurt Ethnologie und Anglistik zu studieren begonnen hatte, entwickelte er sich schnell zu einem Dropout, der die bürgerliche Existenz hinter sich ließ. Seine biographischen Stationen waren schnell getaktet, vom Istanbuler Drogenviertel Tophane bis zur Frankfurter Hausbesetzerszene, von Journalistenkreisen bis hin zu den Undergroundfreaks, von der maoistischen Linken bis zu anarchistischen Syndikalisten, von den Ökologisten bis zu Rockern, Fauser lernte die verschiedenen Lebensweisen kennen, verdingte sich als Packer und Krankenpfleger, lebte auf lau und schwamm auf so mancher Weller. Er machte das, was Tom Wolf als Programm für Schriftsteller gefordert hatte: Er lebte im Dreck der Metropolen, er kannte die Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft aus eigener Anschauung und er füsilierte mit seinem Stil die bürgerliche Moral.

Ob in seinen Romanen, den Gedichten, die schwingen wie der Electric Blues aus Chicago, oder seinen Songs, die er für Achim Reichel schrieb und die dem deutschen Rock eine neue lyrische Qualität gaben, Jörg Fauser war der, der die deutsche Literatur in das metropolitane Zeitalter zerrte und dafür jeden Preis zahlte. Er, der Könner, der Maniac.

Auch diejenigen, die es gesetzter mögen, erkennen an, dass der Mann, der heute Achtundsechzig würde und vor fünfundzwanzig Jahren ums Leben kam, das große Talent der deutschen Literatur war, das uns hätte weiter bringen können. Die Rasanz, mit der er formulierte und die manchen Kanoniker das Fürchten lehrte, gepaart mit der lakonischen Sicht, schuf eine Form der modernen Ironie, die eine Dimension der Kritik hätte liefern können, die bis heute fehlt. Aber das Wesen des Lakonischen ist das Scheitern. Und vielleicht ist das die Botschaft, zu der sich dieser großartige Mensch und Schriftsteller bestimmt fühlte.

Jörg Fauser fehlt. Zu seinem Geburtstag eine funkelnde Rakete. Dorthin, wo die Hommes de Lettres zu feiern pflegen!