Spirits Up Above. The Rahsaan Roland Kirk Anthology. The Atlantic Years 1965 -1976
Um kaum einen Musiker der Jazz-Geschichte ranken solche Legenden wie um Roland Kirk. Der 1936 in Columbus, Ohio geborene Afro-Amerikaner, der als zweijähriges Kind aufgrund einer Augenentzündung erblindete und bereits mit 41 Jahren 1977 in Bloomington, Indiana starb, drückte vielen innovativen Entwicklungen seinen Stempel auf. Roland Kirk, der sich erst im Erwachsenenalter noch Rahsaan nannte, galt früh als Virtuose auf zahlreichen Instrumenten. Angefangen mit dem Tenorsaxophon, über das historische Manzello bis hin zum Stritch, einer gerade gezogenen Version des Buescher Altsaxophons, verhalf er noch der Querflöte zu einem gesicherten Platz im modernen Jazz.
Rahsaan Roland Kirk machte nicht nur durch das Beherrschen zahlreicher weiterer Blasinstrumente auf sich aufmerksam. Er hatte einen kraftvollen, scharf intonierten Stil und entwickelte neben seinem Ideenreichtum noch die nie nach ihm nie wieder da gewesene Fähigkeit, mehrere Instrumente gleichzeitig zu spielen. Mit der Beherrschung der Zirkularatmung vermochte er es nicht nur, zwei Saxophone gleichzeitig zu spielen, sondern auch über unzählige Akkordfolgen Synchronität und Asynchronität zu erzeugen. Schon in jungem Alter spielte Rahsaan Roland Kirk auch aus kompositorischer Hinsicht mit den Pionieren des Jazz des 20. Jahrhunderts. Die prägenden Jahre verbrachte er in Formationen von Charles Mingus, Gil Evans, Quincy Jones und Roy Haynes. In einem Alter, in dem andere erst beginnen, ihre charakteristische Spielweise zu entwickeln, galt Roland Kirk bereits als eine unvergleichliche Größe seines Genres.
Die nun vorliegende Doppel CD Spirits Up Above. The Rahsaan Roland Kirk Anthology. The Atlantic Years 1965 – 1976 dokumentiert das letzte Lebensjahrzehnt eines mit insgesamt an die dreißig Alben umfassenden Schaffens überaus produktiven Lebens. Und allein dieses letzte Jahrzehnt wird durch ungeheure Brüche in Stil und Idee überaus überzeugend dokumentiert. Da sind Stücke, die können gehört werden als überaus kraftvolle Interpretationen gängiger Standards des Mainstream Jazz, wie z.B. in Making Love After Hours oder Do Nothin´Till You Hear From Me. Da sind politische Interventionen, die in Aussage wie unangepasstem Stil erschrecken und verstören (The Black And Crazy Blues, The Inflated Tear, Volunteered Slavery). Da sind Verkaufserfolge, die Kirk auch gelangen und die so faszinierten, dass sie gecovert wurden wie Spirits Up Above (Osibisa) und natürlich Serenade To A Cuckoo (Jethro Tull). Mal covert er selbst wie bei Ain´t No Sunshine und dann bekennt er sich zu seinem großen Vorbild John Coltrane in A Tribute To John Coltrane und Something For Trane That Trane Could Have Said.
Bei allen stilistischen Unterschieden, die ein Spektrum von Soul, Jazz, Boogie Woogie bis hin zum Free Jazz öffnen, wird deutlich, um welche innovative Kraft und mit welcher Präsenz dieser Musiker gewirkt hat. Auf beiden CDs ist nicht ein Titel, der aufgrund seiner Aussage nicht allein für sich stehen kann und der nicht bis heute das große Verlangen wecken würde, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Rahsaan Roland Kirk war eine Urgewalt, die in kein Schema Passte und doch alle zeitgenössischen Schemen beeinflusste. Rahsaan Roland Kirk war ein Visionär, der im Dunkeln lebte und uns Tondokumente hinterlassen hat, ohne die man den heutigen Jazz nicht verstehen kann.
