Die profane, permanente Revolution

Im Kompendium der politischen Theorie befindet sich das lange Kapitel über die Revolution. Sie wird, unabhängig von den Standpunkten der jeweiligen Interessenparteien, als eine Phase, die den Übergang von einer Ordnung in die andere beschreibt. Immer, wenn die herrschenden Verhältnisse nicht mehr mit den Tendenzen der Zukunft korrespondieren und die existierenden Einrichtungen und Eliten nicht mehr in der Lage sind, mit ihnen umzugehen, organisieren sich die Träger dieser Tendenzen und revoltieren.

Die Organisation der Revolte ist in der Regel ein Ausbund an Effizienz und Disziplin und diejenigen, die mit dem hehren Ziel des Umsturzes angetreten sind und in der Organisation der Umsetzung dieses Gedankens sozialisiert wurden, sind in der Regel die Repräsentanten der neuen Ordnung. Mit ihnen geht immer der Widerspruch heim, dass sie revolutionäres Gedankengut verbreiten, selbst aber hochgradige Vertreter strenger Ordnung sind. Der Widerspruch von programmatischer Freiheit und gelebter Ordnung ist es auch, der die Bewertung von Revolutionen stets sehr ambivalent macht. Und von ihr entstammt auch die Weisheit, dass jeder Revolution bereits die Restauration innewohnt.

Was auf dem Feld der Politik eher selten vorkommt und dazu geeignet ist, bestimmte Epochen der Geschichte zu beschreiben, ist mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Verfahren und der Beschleunigung der Märkte zu einem Zustand der Permanenz in Arbeitsorganisationen geworden. Auch dort stellt sich selbstverständlich die Frage, ob die bestehenden Verhältnisse noch mit den Tendenzen und Erfordernissen der Zukunft korrespondieren und ob die gegenwärtigen Institutionen und Organisationsformen noch in der Lage sind, diese Bedürfnisse effizient zu bedienen. Aufgrund der Halbwertzeiten technischer Verfahren und der Schlagzahl des globalen Marktes ist der Zustand der Stabilität in der Organisation des Wirtschaftslebens eine Rarität geworden.

Revolutionen, mit denen man unter dem Synonym Change noch vor zehn bis fünfzehn Jahren die Einführung neuer technischer Verfahren beschrieb, sind zu trivialen, permanenten Prozessen geworden, die zum Routinealltag gehören. Interessanter sind die neuen Philosophien, nach denen die Arbeit beschrieben wird und die radikale Organisationsveränderungen nach sich ziehen. Auch diese Prozesse sind nahezu permanent. Und auch diese Prozesse, und das ist das Interessante, weisen Analogien zu den Erfahrungen aus politischen Revolutionen auf, indem sie folgerichtige Zyklen beschreiben, die anfangen mit Umsturz und Chaos, Neuordnung und der Etablierung neuer Eliten, die sich in ihrem Herrschaftsgestus genauso verschleißen wie ihre Vorgänger.

Auch wenn das Vokabular ein anderes ist und man statt Revolution von Change spricht und Termini wie Resilienz und Komplexität verwendet, gemeint ist die Ablösung eines alten Paradigmas, das seine Institutionen eingerichtet hatte, durch eine anfänglich große Unordnung und die Ablösung durch einen neuen Zustand der Stabilität. Wie lange diese währen wird, ist offen, doch nie so lang, wie die Protagonisten denken.

Die großen politischen, historischen Revolutionen waren immer dann am wirkungsvollsten, wenn es ihnen gelang, recht schnell einen Zustand neuer Stabilität herzustellen, der nicht institutionell beschrieben war, sondern dokumentierte, dass das neue Gedankengut die Köpfe erobert hatte. Die Institutionalisierung war dabei zweitrangig. Und die Beispiele, die als das große Scheitern in die Annalen eingingen, waren diejenigen, in denen die Herausbildung neuer Institutionen und Herrschaftsinstrumente als der Sinn der Umwälzung verstanden worden war. Das war der Keim der Restauration.