Neue intellektuelle Prototypen

Die faktische Nichtexistenz einer kritischen Gegenöffentlichkeit durch die Intellektuellen ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die die verschiedenen Stadien unserer Gesellschaft begleitet hat. Spätestens seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass ein Riss durch die Welt des Geistes ging, der vordergründig kein politischer war. Zunächst einmal konnte man unterscheiden zwischen denen, die ihre intellektuellen Fähigkeiten dazu einsetzten, um die gesellschaftliche Entwicklung kritisch zu reflektieren. Und der andere Teil derer, die von der Demokratisierung des Bildungswesens profitiert hatten, waren diejenigen, die das Gelernte vornehmlich dazu einsetzten, um sich sozial nach oben zu bewegen. Manchen gelang auch beides, die grundlegende Dichotomie blieb.

Schon bald entbrannte eine Debatte zwischen denen, die sich für ihre individuelle Entwicklung einsetzten und denen, die ihre Rolle gesellschaftlich definierten. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre, heute immer mehr in eine existenzialistische Schublade verfrachtet, von dem jedoch die bis heute radikale These stammt, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, hatte wie so oft ein Gespür für das Wesentliche. Noch bevor die Spaltung der Intelligenz in den modernen Massendemokratien registriert wurde, schrieb er 1965 bereits ein Plädoyer für die Intellektuellen. Darin unterschied er zwischen Intellektuellen und Technikern des Wissens. Während er letztere als kognitive Technokraten beschrieb, bezeichnete er den Intellektuellen als „Techniker des Allgemeinen, der in seinem eigenen Bereich sich bewusst wird, dass die Allgemeinheit nicht einfach schon geschaffen, sondern stets zu schaffen ist.“

Allein dieser Satz kann bis heute als ein Schlüssel zur Dechiffrierung geistigen Handelns dienen. Während die Techniker des Wissens sich ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten bedienen, um innerhalb des eigenen Bezugssystems den individuellen Nutzen zu mehren, bestreitet der Techniker des Allgemeinen seinen Alltag exemplarisch. Er versucht herauszufinden, welche Wirkung sein Handeln auf die Entwicklung des Allgemeinen ausübt und wie sich das Allgemeine auf die individuelle Dimension des Geistigen auswirkt. Wenn man so will, agieren die Techniker des Wissens systemimmanent, die Techniker des Allgemeinen hingegen systemrelevant.

Die von Jean Paul Sartre so treffend beschriebene Widersprüchlichkeit der intellektuellen Dimension und ihrer Träger hat seitdem eine rasante Entwicklung hinter sich, die phasenweise durch unterschiedliche Dominanz geprägt war und nun in eine Ära der Techniker des Wissens eingemündet ist. Die Dimension ist das Tempo, nicht die Kritik. Jean-Francois Lyotard, welcher sich mit diesem Phänomen befasste und sich immer wieder Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung vornahm, ließ seine Beobachten gar in ein Buch mit dem Titel Grabmal des Intellektuellen einmünden. „Die berufsmäßige Ausübung ihrer Intelligenz verlangt nicht,..“ heißt es da…“ in ihrem Kompetenzbereich so gut wie möglich die Idee eines universellen Subjekts zu verkörpern, sondern eine höchstmögliche Effizienz zu gewährleisten.“

Effizienz ist das Ergebnis von Übung innerhalb gegebener Bedingungen. Innovation ist die Probe einer Annahme auf dem Feld mindestens einer unbekannten Variablen. Es sieht so aus, als sei die Herrschaft exklusiv eines der beiden Prototypen kein Zukunftsmodell mehr, sondern eher die Kombination aus Wissenstechnik und Systemreflexion, aus Stabilisierung und Innovation.