Cassandra Wilson, Another Country
Cassandra Wilson, die Frau, die in Jackson Mississippi geboren wurde und der niemand erklären muss, wie die binäre Welt funktioniert und klingt, hat in ihrer erstaunlichen Karriere das Kunststück fertig gebracht, eher im Hintergrund zu agieren und sich nicht verbrennen zu lassen. Mit exorbitanten Ausrufezeichen wie Blue Moon Daughter, Traveling Miles und Loverly ist ihre nun mehr als 20 Alben umfassende Diskographie versehen genauso wie mit weniger überraschenden. Dennoch, Cassandra Wilson hat immer bewiesen, dass sie eine Stimme hat, die die Botschaften des Blues und Jazz zu intonieren weiß. Und sie hat wie keine andere den Mut bewiesen, Standards derartig kurios als Regieanweisungen für neuartige Interpretationen zu lesen.
Mit dem vorliegenden Werk Another Country geht Cassandra Wilson wieder mal einen neuen, prima vista nicht spektakulären Weg. Zusammen mit dem italienischen Jazz-Gitarristen Fabrizio Sotti entschied sie sich für etwas weniger Jazz und mehr entspannte Lyrik, was sich allerdings bei genauem Hinhören als eine subtile Form der Camouflage herausstellt. Ob es ein Verweis darauf sein soll, dass sie immer als intim mit der Weltmusik angesehen wurde, oder ob es einfach Spaß an einer Etüde ist, die sich auch Folklore vornimmt, die swingt und verfremdet, die Frage bleibt im Raum.
Schon das erste Stück, Red Guitar, wirft ein sonores Licht auf Sottis einfühlsame Spielweise und Untermalung von Wilsons Stimme, die die Botschaft dem Publikum souffliert. Und No More Blues, das folgt, ist die Transponierung eines Klassikers ins Folkloristische, und sie erklärt, dass es ohne Blues gar nicht geht. O Sole Mio, für den Rest der Welt die Gefahr, sich der Klamotte zu verschreiben, wird in der Interpretation der klassischen Version zu einer wunderbaren Respekterklärung der Afro-Amerikanerin an die italienische Romantik und im Bonus Track als Sole Mio Funk als grandioser Fingerzeig, wie die Volksseele in den Groove der Zukunft gerettet werden kann.
Another Country ist für Cassandra Wilson Italien und für Fabrizio Sotti die USA. Beiden gelingt es auf diesem Album kongenial, zwei Kulturkreise nicht aufeinanderprallen, sondern sich synergetisch bereichern zu lassen. Das geht weit über ein musikalisches Experiment hinaus, was übrigens heikel genug wäre, sondern es reicht hin bis zu einer politischen Bedeutung, die als konstruktive Bereicherung zu lesen ist.
Zudem hätte nichts besseres passieren können, als diese CD zu Sommeranfang erscheinen zu lassen. Das garantiert Entspannung, Kontemplation und verspricht weitere Abenteuer sozialer Nähe. Wer nicht zur Jazzpolizei gehört, sollte sich diese Wonnen nicht entgehen lassen.
